Transparent mit Papst Franziskus an der Kathedrale von Vilnius
Transparent mit Papst Franziskus an der Kathedrale von Vilnius
Foto: Markus Nowak
14.09.2018 – Papstbesuch im Baltikum

„Franziskus wird die Hoffnung der Menschen stärken“

Papst Franziskus reist für vier Tage ins Baltikum, einer aus religiöser Sicht interessanten Peripherie Europas. Markus Nowak hat das Land besucht und Stimmen zum Besuch eingefangen.

Von Markus Nowak

Einst war sie wunderschön. Innen ausgemalt mit Fresken, die vom Leben der Heiligen erzählen, barocke Figuren und schmuckvolle Seitenaltäre. Die Kirche des Franziskanerklosters in der litauischen Hauptstadt Vilnius ist heute allerdings alles andere als ein Touristenmagnet, weil sie in der Sowjetzeit als Lagerhalle genutzt und die Wände überpinselt worden sind. Erst die aufwändigen Restaurationsarbeiten lassen langsam etwas von der alten Pracht erahnen. Das Gotteshaus ist eine Allegorie für Litauen und die beiden baltischen Nachbarn Lettland und Estland. Aber auch für die katholische Kirche in den drei postsowjetischen Staaten. Denn nach russischer Fremdherrschaft und sowjetischer Besatzung sind die Wunden auch mehr als 25 Jahre nach der Unabhängigkeit noch nicht ganz verheilt und vielerorts heute sichtbar.

Erst vor wenigen Jahren wurde ein neuer Altar in der Franziskanerkirche geweiht und Restaurationsarbeiten an der Decke lassen allmählich die alten Fresken zum Vorschein kommen. Die drei baltischen Länder selbst kamen nach Jahren der Transformation erst langsam wieder auf die Beine und sind seit dem Beitritt zur EU 2004 und später der Euro-Zone nun auch im Westen angekommen. Doch nicht nur die Plattenbausiedlungen an den Rändern der drei Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn sind sichtbare Wunden des vergangenen Sowjetregimes; ebenso gelten die extreme Schere zwischen Arm und Reich, der in allen Ländern hohe Alkoholkonsum und insbesondere in Lettland und Litauen die hohe Emigration, als Wehen der postsowjetischen Gesellschaft.

Und auch die katholische Kirche in den drei Ländern hat ihre Narben, die erst mit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten 1990/91 und der wiederhergestellten Religionsfreiheit langsam verheilen und vielen Menschen einen Zugang zum Glauben ermöglichen: Zahlreiche Gotteshäuser wurden gebaut, Gemeinden und konfessionelle Schulen gegründet, und vielerorts ließen sich Ordensgemeinschaften wieder nieder. Das alles bildet den Hintergrund der Reise von Papst Franziskus vom 22. bis zum 25. September in die drei Staaten, sagt Ingrida Puce, die Sprecherin der Erzdiözese Riga. „Wir freuen uns sehr, dass der Papst zu uns kommt und gleich vier Tage bleibt.“ Viel Zeit für eine europäische Region, in der nicht einmal fünf Millionen Menschen leben und, insbesondere was die religiöse Situation angeht, alles andere als homogen ist, wie das die Sammelbezeichnung „Baltikum“ nahelegt.

Litauen ist für den Papst ein Heimspiel

Die ersten beiden Tage ist Franziskus zu Gast in Litauen und hat ein Heimspiel: Statistisch gehören 79 Prozent der knapp drei Millionen Litauer der katholischen Kirche an. Auch wenn die Kirchenbänke sonntags nicht mehr so überfüllt sind, wie noch in den 1990er Jahren, hat die Kirche eine wichtige Rolle. „Die Kirche wird als Autorität geachtet“, sagt Gintaras Grušas, Erzbischof von Vilnius. „Das stammt aus der Sowjetzeit, als die Kirche einen starken Anteil am Demokratisierungsprozess hatte.“ Das damals einzige Priesterseminar in Kaunas wurde infiltriert, dutzende Priester in Gulags und Gefängnisse gesteckt. Wie der ehemalige Erzbischof von Kaunas Sigitas Tamkevičius. Fünf Jahre saß er in Gewahrsam, angeblich „wegen antisowjetischer Agitation und Taten“. „In der Sowjetzeit hat die Kirche Verluste hingenommen, aber auch eine gesellschaftliche Kraft erlebt“, sagt der 80-Jährige heute.

Der schwierigen Geschichte der Okkupation wird der Papst Rechnung tragen und das ehemalige KGB-Gefängnis, heute das Museum der Okkupations- und des Freiheitskampfes, besuchen. Neben diesem historischen Element steht in Litauen auch ein großes Treffen mit Jugendlichen im Mittelpunkt, zudem sind Gespräche mit Seminaristen, Geistlichen und Ordensleuten geplant. Altbischof Tamkevičius erwartet daher Worte des Papstes, die einen „Einfluss auf uns Geistliche und Priester haben, um junge Männer für ein geistliches Leben zu interessieren.“ Denn auch das bislang als „sehr katholisch“ gesehene Litauen verzeichnet einen signifikanten Rückgang von Berufungen. „Das bereitet uns Sorge“, sagt Tamkevičius. „Den Rückgang von Seminaristen, den wir vor 25 Jahren in den westlichen Staaten gesehen haben, erleben wir nun auch bei uns in Litauen.“

Den Wind der Säkularisierung wird Papst Franziskus in Litauen aber nicht so stark spüren. Allein zum Gottesdienst in Kaunas werden bis zu zweihunderttausend Menschen erwartet. Zudem will der Vilniuser Erzbischof Gintaras Grušas dem Papst die beiden spirituell und volkskirchlich wichtigsten Orte der Stadt zeigen: das Tor der Morgenröte mit dem Gnadenbild der Barmherzigen Muttergottes sowie das erste bekannte Bild des Barmherzigen Jesus. Geringere Besucherzahlen dagegen warten auf den Pontifex in Lettland. Von den knapp zwei Millionen Einwohnern sind rund 22 Prozent katholischen Glaubens, vor allem der Westen und die Hauptstadt Riga waren seit der Reformation lutherisch geprägt, zudem gibt es auch eine starke orthodoxe Minderheit. Daher wird die Visite in Riga vor allem einen ökumenischen Charakter haben. Der Papst trifft im lutherischen Mariendom auf Vertreter anderer Konfessionen.

In jedem Land ein anderer Schwerpunkt

Rigas Erzbischof Zbignievs Stankievics hebt immer wieder die gute ökumenische Atmosphäre in Lettland hervor, die unter anderem aus der Zeit der Sowjetzeit stammt, als alle Konfessionen vom Staatsapparat unterdrückt wurden. Vom Papst erwartet er „eine Bestätigung, dass wir in die richtige Richtung gehen damit, dass wir gute Beziehungen aufbauen.“ Den zweiten Teil des Tages in Lettland wird der Papst in Aglona verbringen und einen großen Gottesdienst feiern. Der Ort im Osten des Landes gilt als eine Art „Altötting von Lettland“. Jährlich zu Mariä Himmelfahrt pilgern bis zu 100.000 Letten zu dem Gnadenbild und übernachten nach dem mitternächtlichen Kreuzweg in Zelten um die Barockkirche herum. Dieses Mal entfällt für die meisten Pilger wohl eine Übernachtung, da der Papst am Nachmitttag hinkommt und am frühen Abend wieder abfliegt.

Überhaupt wird der Pontifex im Baltikum viel in der Luft sein. Anders als Papst Johannes Paul II. bei seiner apostolischen Reise vor genau 25 Jahren, wird Franziskus jede Nacht in der Nuntiatur für die drei baltischen Länder verbringen, in Vilnius. „Ein beachtliches Programm“, bezeichnet es Bischof Philippe Jourdan, Apostolischer Administrator von Estland. Gerade für einen 81-Jährigen. Tallinn, die Hauptstadt Estlands, ist die letzte Etappe von Franziskus und der Akzent wird hier – trotz Ökumene- und Jugendtreffen – ein ganz anderer sein, als in den beiden Ländern zuvor. Nur 6.000 der 1,3 Millionen Esten sind katholisch und damit gerade einmal ein halbes Prozent der Bevölkerung. „Wir sind eine kleine Gemeinschaft und eine Papstvisite kann uns sichtbarer machen in der Gesellschaft“, glaubt Jourdan.

Nicht nur die Katholiken sind in der Minderheit in Estland, Christen im Allgemeinen: Nur zwei von zehn Esten gehören überhaupt einer Kirche an, auch das ist eine Folge der kirchenfeindlichen Politik der untergegangenen Sowjetunion. „Durch den Papstbesuch können Menschen sehen, wie Glauben die Menschen glücklich macht und wie es sie für andere öffnet“, glaubt Bischof Jourdan. Er hofft aber auch auf eine stärkende Wirkung für die kleine katholische Gemeinschaft. „Die Worte des Papstes können helfen, unser Herz zu erwecken. Nicht nur die der Katholiken, sondern der gesamten Bevölkerung.“ Zuspruch erwartet auch Gintaras Grušas, Erzbischof von Vilnius. „Wir haben eine große Zahl an Menschen, die das Land verlassen, weil die ökonomisch-soziale Situation für sie schwer ist. Die Worte von Papst Franziskus und schon seine Gegenwart kann die Hoffnung der Menschen stärken.“

Illustrationsfotos von den Stationen des Papstbesuches stehen hier zum Download bereit. Im Zusammenhang mit diesem Text sind sie honorarfrei.

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Inhalt erstellt: 14.09.2018, zuletzt geändert: 14.09.2018