„Frieden beinhaltet auch Vergebung und die Bitte um Vergebung“, sagt die 46-jährige Ordensfrau Schwester Symeona. „Es ist wie eine neue Seite in einem Buch. Und sie muss handgeschrieben werden von uns allen.“
„Frieden beinhaltet auch Vergebung und die Bitte um Vergebung“, sagt die 46-jährige Ordensfrau Schwester Symeona. „Es ist wie eine neue Seite in einem Buch. Und sie muss handgeschrieben werden von uns allen.“
Quelle: Markus Nowak
14.02.2020 – Reportage

„Frieden ist wie eine neue Seite in einem Buch: Die Zukunft“

Wie kirchliche Projekte die Friedensbemühungen in der Ukraine unterstützen. - Diese Reportage können Sie in Ihren Publikationen verwenden. Text und Bilder: Markus Nowak

„Frieden?“ – Marina Fedorchenko überlegt einen Augenblick. Sie kommt selbst aus dem Donbass. „Ich wünschte mir, der Donbass würde wieder zur Ukraine gehören. Wie vor 2014.“ Aber ob es dazu kommt? „Wir müssen jetzt an der Zukunft arbeiten“, fügt sie hinzu. Wie das geschehen kann, ist im Nachbarraum zu sehen. Es ist ein Samstagnachmittag, Fedorchenko sitzt in ihrem weißgestrichenen Büro in der Molochna Straße in Kharkiv, der Caritas-Zentrale. Die Front im Osten der Ukraine, wo trotz politischer Friedensbemühungen Menschen sterben, ist wenige hundert Kilometer von hier entfernt. Das ostukrainische Kharkiv ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine. In Fedorchenkos Nebenraum sitzen rund zwei Dutzend Menschen und folgen einem Seminar. Der Psychologe und Trainer Artiom Rodiau Grygoryan spricht über „Wege zu sich selbst“, so der Titel, auch „zum Frieden mit sich selber“.

Unter den Teilnehmern sind Kinder, Erwachsene und Senioren. Darunter Ex-Kombattanten der ukrainischen freiwilligen Verbände, die am Konflikt im Osten des Landes teilnahmen und ihre Familien. „Es geht darum, dass sie ihre Situation und die des Gegenübers verstehen und so den Weg vom Krieg zurück in den Frieden finden“, berichtet Trainer Grygoryan über die Inhalte des Seminars. Viele der ehemaligen Kriegsteilnehmer erlitten Traumata, erklärt der 45-jährige Psychologe. Diese versuche er mit Vorträgen und Rollenspielen zu behandeln und damit wieder in die ukrainische Gesellschaft zu integrieren.

Der Psychologe Artiom Grygoryan hält Friedensbildungs-
Seminare in der Ostukraine. „Es geht darum, dass sie ihre Situation und die des Gegenübers verstehen und so den Weg vom Krieg zurück in den Frieden finden“, berichtet Trainer Grygoryan über die Inhalte des Seminars.
Der Psychologe Artiom Grygoryan hält Friedensbildungs- Seminare in der Ostukraine. „Es geht darum, dass sie ihre Situation und die des Gegenübers verstehen und so den Weg vom Krieg zurück in den Frieden finden“, berichtet Trainer Grygoryan über die Inhalte des Seminars.
Quelle: Markus Nowak
Professor Myroslaw Marynowytsch, zu Sowjetzeiten Dissident, vermittelt Studenten und der ukrainischen Nation, wie eine friedliche Zukunft gestaltet werden kann.
Professor Myroslaw Marynowytsch, zu Sowjetzeiten Dissident, vermittelt Studenten und der ukrainischen Nation, wie eine friedliche Zukunft gestaltet werden kann.
Quelle: Markus Nowak

„Peacebuilding“, deutsch „Friedensbildung“: Unter dieser Überschrift gibt es in der Ukraine viele Projekte der Caritas oder anderer kirchlicher Organisationen, die häufig vom deutschen Osteuropahilfswerk Renovabis unterstützt werden. Da ist etwa der Aufbau eines Krisenzentrums im zentralukrainischen Nikopol, das humanitäre und psychologische Hilfe im ostukrainischen Kramatorsk ermöglicht oder Integrationsseminare für Ex-Kombattanten und ihre Familien in Kharkiv. „Die Frage, wie man Frieden wieder herstellt, ist nicht einfach“, sagt Fedorchenko. „Es geht darum, Vorurteile und Hass abzubauen und eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Also eine Zukunft.“

„Die Kirche kann nicht den Konflikt beenden“, sagt mehr als tausend Kilometer weiter im Westen des Landes Myroslaw Marynowytsch. Der 71-jährige wurde zu Sowjetzeiten für seine Dissidententätigkeit zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Heute ist er stellvertretender Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg und genießt in der Ukraine große Autorität. „Wir können über theoretische Friedenspläne sprechen und über den Krieg diskutieren, aber wenn die Menschen schnelle Hilfe benötigen, dann ist das am wichtigsten“, sagt Marynowytsch.

Nothilfe der Kirche ist und war wichtig

Durch ihre Hilfe nah am Menschen zeige die katholische Kirche ihre Stärke, sagt der früher von den Sowjets als Dissident Verfolgte. Etwa durch ihre humanitäre Direkthilfe seit dem Beginn des Krieges 2014. „Das ist die Idee von Solidarität.“ Denn an einen Tisch können die Kirchen die Konfliktparteien Ukraine, Russland und die Separatisten im Osten nicht setzen. Ohnehin laufen seit Ende des vergangenen Jahres neue Friedensbemühungen, an denen auch Deutschland beteiligt ist. Vielmehr gehe es darum, jetzt schon an
der Zukunft zu arbeiten. Das betont auch Schwester Symeona Nadija Dovhaniuk. Die dem ostkirchlichen Ritus zugehörige Ordensfrau ist Seelsorgerin im Krankenhaus in einer Militärkaserne, eine Autostunde von der Stadt Dnipro entfernt. Hier werden die meisten Verletzten des Krieges in der Ostukraine behandelt.

13.000 zivile und militärische Todesopfer sind bisher in dem Konflikt zu beklagen. Und auch wenn es neue Waffenstillstandsabkommen gibt, sterben weiterhin Menschen im Osten der Ukraine. „Frieden wird nicht von ungefähr und plötzlich kommen“, sagt Schwester Symeona. Sie hofft, dass es irgendwann keine bewaffneten
Auseinandersetzungen mehr geben wird und am Ende sogar ein Friedensvertrag steht. „Frieden beinhaltet auch Vergebung und die Bitte um Vergebung“, sagt die 46-jährige Nonne. „Es ist wie eine neue Seite in einem Buch. Und sie muss handgeschrieben werden von uns allen.“ Dabei helfen die Projekte der Kirche und darunter diejenigen von Renovabis.

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Inhalt erstellt: 14.02.2020, zuletzt geändert: 14.02.2020