Pfarrer Dr. Witold Kania
Pfarrer Dr. Witold Kania
Foto: jp2forum.org
29.11.2018 – Umweltschutz

Klimaschutz und (kirchliches) Umweltengagement in Polen

Umwelt- und Ressourcenschutz: was hat sich in den letzten Jahren in Polen getan? Darüber berichtet Pfarrer Dr. Witold Kania, zuständig für die Organisation der katholischen Konferenz im Vorfeld des UN-Klimagipfels.

Pfarrer Dr. Witold Kania, Dozent an der Theologischen Fakultät der Universität Katowice, wurde vom Erzbischof von Katowice, Wiktor Skworc, mit der Koordination der kirchlichen Aktivitäten im Kontext der COP 24 betraut. Dazu gehört auch die Planung der Konferenz „Aus Sorge um das gemeinsame Haus“.

Bei einer Tagung mit Renovabis-Ansprechpartnern aus deutschen Diözesen in Bensberg berichtete er im Dezember 2017 über den Klimaschutz und das kirchliches Umweltengagement in Polen.

"Oberschlesien ist die schadstoffbelastetste Region in Polen - nicht zuletzt versursacht durch die Heizungssysteme von Privathaushalten. Gerade in der kälteren Jahreszeit bei hohem Luftdruck kann man das deutlich sehen und merkt es beim Einatmen. Im Mai, Juni, Juli und August ist diese Region jedoch einfach nur reizvoll. Als ich vor 25 Jahren das erste Mal nach Chorzów/Oberschlesien kam, sah ich im Innenraum der Kirche Rußpartikel, die am Ende des Kirchenschiffs Wände und Decken wie Wolken überzogen.
In der Zwischenzeit hat sich diesbezüglich vieles verändert, was hauptsächlich mit dem Rückgang der Industrie, vor allem der Schwerindustrie und der chemischen Industrie zusammenhängt. Obwohl es immer noch Fabriken gibt, hat sich die Qualität der Luft wesentlich verbessert. Lassen Sie mich zunächst einige Fakten benennen. Die Feinstaub-Partikel PM 10 und PM 2,5 greifen beim Einatmen unsere Lungen an und führen unter Umständen zu Herzanfällen und weiteren Komplikationen. Ihr Ausstoß wird hauptsächlich durch Kesselanlagen, Haushalte, Werkstätten, die Landwirtschaft und zum großen Teil natürlich durch Autos verursacht. Ein weiteres Thema ist das Stickstoffdioxid: am meisten verunreinigen hier die Automobile die Luft, gefolgt von industriellen Kraftwerken und solchen zur allgemeinen Energiegewinnung. Man kann also nicht alle Schadstoffe herausfiltern. Beim Ausstoß der extrem gesundheitsschädigenden Schwefeldioxide befinden sich die privaten Haushalte abermals an erster Stelle.

Was ist mittlerweile geschehen?

Insgesamt sehr viel Gutes. Es wird viel recycelt und zudem ist Polen innerhalb der EU ein Land, das mit am wenigsten Abfall pro Kopf produziert.
Lassen Sie mich zudem etwas über die Forstwirtschaft sagen. Entgegen vieler Annahmen wird in Polen stetig aufgeforstet, denn der Wald stellt auch eine Einnahmequelle für das Land und hiesige Eigentümer dar. Wir Polen lieben es, zum Pilze sammeln in die Wälder zu gehen. Dort gibt es immer noch Wisente und ca. 1.400 Wölfe und mehr als 200 Braunbären. Zudem gibt es in Oberschlesien ein Netz an Forstwäldern, die zur Reinigung der Luft beitragen. Die Arbeit der Forstbetriebe trägt also auch zur Reduzierung des Verschmutzungsgrades bei, der durch die Schwerindustrie verursacht wird.
In den Jahren 2000 bis 2015 gab es großangelegte Initiativen, um Abwässer zu reinigen. Fast alle Stadtbewohner nutzen das zentrale Wassersystem, in den Dörfern ist die Zahl der Nutzer etwas geringer. Obwohl es diesbezüglich sicherlich noch vieles zu tun gibt, kommen diese Maßnahmen den polnischen Flüssen bereits jetzt zugute.

Der Ausstoß von Klimagasen wie beispielsweise Kohlendioxid und Methan verringerte sich in den Jahren zwischen 1988 und 2014 und wird stetig geringer. Als Mitglied der EU überschreitet Polen mit rund 33% den Durchschnitt bei der Verringerung des Kohlendioxidausstoßes, der bei etwa 20% liegt. Es gibt jedoch auch EU-Mitgliedsstaaten in denen sich der Ausstoß im Laufe der letzten Jahre erhöhte. Die Verantwortlichen in der Kohleindustrie sagen natürlich, dass nicht die Kohle daran Schuld ist, vorausgesetzt man verbrennt sie sachgemäß. Ich selbst würde natürlich denken, dass dieser Vorgang sehr wohl Kohlendioxid produziert, doch dies geschieht ebenso bei der Verbrennung von natürlichem Gas.
Es gibt also keine Alternative zum natürlichen Prozess der Verbrennung. Obwohl wir in Polen dieses Jahr ungefähr 60 Millionen Tonnen Stein- bzw. Braunkohle produzieren, müssen wir immer noch in hohem Maß Kohle importieren. Den größten Kohleverbrauch in Europa verzeichnet jedoch Deutschland, wo die Energie in (Kohle-)Kraftwerken gewonnen wird. Deutschlands Potenzial beträgt aufgrund seiner Wirtschaft in diesem Fall das Dreifache. Noch interessanter ist es, den Anteil der Kohle bei der Energieproduktion in verschiedenen Ländern zu vergleichen.

Wie sie sehen, nutzt Frankreich zum größten Teil die Atomenergie. Bisher gibt es in Polen keine Atomkraftwerke, doch es wird immer wieder einmal über einen Einstieg diskutiert. Um Windenergie zu nutzen, benötigt man Wind, doch den kann man nicht künstlich herstellen. Deutschland hat in diesem Bereich naturgemäß viel bessere Möglichkeiten. Als ich in Spanien lebte, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Windräder, was mich sehr überraschte. Dort gibt es eben, im Vergleich zu Polen, Wind UND viele Berge, auf die man Windräder stellen kann. Gemäß des sogenannten Energie-Mixes plant Polen, innerhalb der nächsten 20 Jahre die Hälfte seines Energiebedarfs durch Kohle und die andere Hälfte durch alternative Quellen zu decken.

Die Rolle der Kirche

Bischöfe sind die obersten Lehrer des Guten. In diesem Fall haben wir Bischöfe, die in offener Art und Weise nicht nur soziale, sondern auch umweltbezogene Belange lehren. Die Bischöfe von Katowice sind diesbezüglich wahrscheinlich Meister. Wir veranstalten beispielsweise eine jährliche Wallfahrt zum Heiligtum Unserer Lieben Frau in Płoki, an der ca. 60.000 Menschen teilnehmen, und die etwas sehr Außergewöhnliches darstellt. Und natürlich sprechen die Bischöfe dort ganz offen und direkt über Lebensbedingungen, Umweltverschmutzungen, den Wert des menschlichen Lebens und die Möglichkeiten seines Schutzes.
Die Zahl der Besucher von Sonntagsgottesdiensten beträgt in Polen heute im Durchschnitt ca. 40%. Somit kann man auf einfache Weise viele Menschen innerhalb kürzester Zeit erreichen. Wenn die örtlichen Behörden etwas zu verkünden haben, bitten sie stets den Priester, der es dann vom Ambo aus verliest – sogar, wenn es um das Impfen von Hunden oder um Einladungen zu Veranstaltungen geht.

Zu unseren Aktivitäten gehört aber auch das Engagement an Universitäten. Ich selbst bin Mitglied der Theologischen Fakultät der staatlichen Schlesischen Universität, an der sich sogar eine gesamte Fakultät mit Umweltthemen beschäftigt. Aber auch an der Theologischen Fakultät forcieren wir diesen Themenkomplex, beispielsweise durch Kongresse. Vor zwei Jahren organisierte ich einen solchen, der sich in Form eines interdisziplinären Dialogs aus verschiedenen Blickwinkeln mit der Rolle der Kohle im Umweltbereich beschäftigte. Zudem kooperieren wir mit einigen weiteren Universitäten. Nächstes Jahr im Februar findet in der am meisten verunreinigten Stadt eine Konferenz zum Thema Kohle und Luftverschmutzung statt. Wir geben Bücher heraus, man kann sich mit Fachleuten austauschen und es ist ein sehr interessantes Thema.

Des Weiteren gibt es die katholischen Medien. Die auflagenstärkste Wochenzeitschrift ist katholisch und wird von meiner Diözese herausgegeben. Zu zahlreichen Themen gibt es dort Artikel, Meinungen und Interviews mit Fachleuten. Mindestens zweimal hatten wir dieses Jahr Beilagen zu Umweltthemen; die letzte befasste sich mit dem Problem des Smog. Wenn man diese Zeitschrift liest, weiß man ganz genau, was man tun sollte oder nicht und wie man reagieren sollte.

Wir haben auch das katholische Radio, das speziell für das Thema “grünes Schlesien”, das heißt für Umweltthemen, die Schlesien betreffen, Sendezeit vorsieht. In allen Arten von Schulen Polens leistet der Religionsunterricht die religiöse Bildung der Schüler. Aus geschichtlichen Gründen gibt es in unserem Land nicht allzu viele katholische Schulen, aber ich selbst war fast sechs Jahre lang auch Religionslehrer an einer Schule. Vom Kindergarten bis zur höheren Schule kann man alle möglichen Themen während des Unterrichts behandeln. Eine der Initiativen bezieht sich auf das Programm des österreichischen Bildungsnetzwerkes PILGRIM. Es handelt sich um eine Vereinigung von Lehrern/innen. Dank dieses Programms wird beispielsweise Anfang nächsten Jahres ein spezielles Lehrbuch herausgegeben, das sich auf “Laudato sí” beziehen wird. Ursprünglich wurde es in spanischer Sprache in Peru geschrieben, nun ist es von Studierenden ins Polnische übersetzt worden. Sicherlich werden auch künftig die Lehrer darüber sprechen.

Nach einem Brauch aus dem 16. Jahrhundert besuchen wir in der Winterzeit alle Haushalte, um zusammen zu beten und unseren Segen auszusprechen. Dies mag zwar altmodisch klingen, doch es ist immer noch aktuell. Normalerweise sind wir Priester bei 90% der Gesellschaft willkommen. Dies gibt uns aber nicht nur die Möglichkeit, zu beten und Einblicke in die menschliche Seele zu erhalten. Mein Pastor verteilte dieses Jahr beispielsweise Broschüren unseres Rathauses, das für einen Wechsel zu einem alternativen Heizungssystem in Privathaushalten Zuschüsse bereitstellt.
Es gibt sogar ein religiöses Musikfestival, das unter dem Zeichen der Ökologie steht, das so genannte “Eco-Song”(-Festival) das seit 27 Jahren von franziskanischen Mönchen in Katowice veranstaltet wird. Unsere Kirche ist vielerorts aber auch eine Wegbereiterin für neue klima- und umweltfreundliche Lösungen. Heizungen werden zunehmend durch Solarzellen auf dem Dach gespeist oder wir errichten Fotovoltaikanlagen auf Kirchendächern."

Vortrag gehalten am 7. Dezember 2017 im Kardinal-Schulte-Haus in Bensberg, leicht gekürzt und aus dem Englischen übersetzt von Thomas Hartl.

Inhalt erstellt: 29.11.2018, zuletzt geändert: 12.02.2019