Portrait einer jungen Frau, am Tisch sitzend
Georgiana Ciordas kam in ihre rumänische Heimat zurück, nachdem sie drei Jahre in London gelebt hatte. Nun arbeitet sie als Englischlehrerin.
Foto: Markus Nowak
05.04.2017 – Migration

Neue Perspektiven in der Heimat

Migration ist keine Einbahnstraße: Einige Menschen kommen zurück und beginnen ein neues Leben. Andere sind geblieben und suchen ihr Glück zuhause. Text und Fotos: Markus Nowak

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Blaue Hemden hängen neben rosa Blusen auf einer Kleiderstange, und die Jeanshosen liegen gleich daneben in einem Regal. Säuberlich gefaltet und zusammengelegt warten die Kleider darauf, verkauft zu werden. „Vintage La Brandusa“ heißt das Geschäft in einem Vorort der rumänischen Stadt Blaj und geht zurück auf den Vornamen seiner Besitzerin, Brandusa Ciorteanu. Die 47-Jährige betreibt seit zwei Jahren den kleinen Second-Hand-Shop. „Die Leute hier haben nicht viel Geld“, erzählt sie. „Ich muss die Preise daher sehr niedrig halten. Meine Blusen etwa kosten nie mehr als 20 Lei“ – umgerechnet 3,50 Euro. Der Umsatz sei also nicht besonders hoch, sagt sie. „Überleben kann ich davon, aber Urlaub im Ausland kann ich mir natürlich nicht leisten.“

„Sie brachten mich dazu, dass ich kündige“

Neun von zehn ihrer Freunde leben und arbeiten im Ausland, auch Brandusa dachte oft ans Emigrieren. Einst machte sie Karriere in der Großstadt Cluj in einem großen Werbeunternehmen. Nach der Geburt ihres Sohnes war es jedoch damit vorbei. „Sie brachten mich dazu, dass ich kündige“, denn die Arbeitsbelastung „mit Zusatzjob Mutter“ stieg beträchtlich, erinnert sich die Frau heute. Auch in ihrer Ehe begann es zu kriseln, und insgesamt sechs Jahre lang konnte sie keinen neuen Arbeitsplatz finden. Dann ging sie zurück in das kleine Dorf bei Blaj, und ausgerechnet in der Provinz ergaben sich neue berufliche Chancen. Im Rahmen eines Projekts der Caritas eröffnete die tüchtige Verkäuferin ihr kleines Gebrauchtkleidergeschäft und erhält nun verbilligte Ware von der Caritas. „Ich hatte früher schon an Selbstständigkeit gedacht“, freut sich Brandusa und betont, dass ihr Laden für sie wirklich eine echte neue Perspektive sei.

Gegensätze charakterisieren das Land

Oradea ist eine Stadt mit 200.000 Einwohnern im Westen Rumäniens.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Markus Nowak</small>
In Oradea im Nordwesten des Landes entwickelt sich die Stadt und wächst.
Foto: Markus Nowak
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In der Provinz in Rumänien herrscht oft noch Armut.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Markus Nowak</small>
In den ländlichen Regionen allerdings herrscht oft immernoch bittere Armut.
Foto: Markus Nowak
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Arbeitsplätze im Kampf gegen Emigration

Chancen ermöglichen und neue Perspektiven aufzeigen – das bezeichnet Claudiu Nicuşan, Caritas-Mitarbeiter, als eine der wichtigen Aufgaben katholischer Wohlfahrtsorganisationen in Rumänien. Die Caritas Blaj, die auch langjähriger Projektpartner von Renovabis vor Ort ist, unterstützt nicht nur solche Kleinstunternehmer wie den Gebrauchtkleidershop von Brandusa. Die Caritas tritt selbst als Arbeitgeber auf, etwa in einer eigenen Wäscherei und einem Landwirtschaftsunternehmen, und eröffnet so Menschen Perspektiven. Der 43-jährige Nicuşan ist zugleich Stadtrat und weiß um die Folgen von Perspektivlosigkeit und Migration für das osteuropäische Land. „Es ist tragisch“, sagt er. „Die Emigration ist eine der größten Herausforderungen in Rumänien.“ Gerade auch, weil viele gut qualifizierte Menschen das Land verlassen, gebe es in einigen Sektoren nicht ausreichend Arbeitskräfte, in anderen dagegen nicht genügend freie Jobs. „Es ist wichtig, dass die Menschen hier bleiben oder wieder zurückkehren“, sagt der Caritas-Mitarbeiter und Lokalpolitiker. Und dafür brauche es eben Perspektiven in der Heimat.

Meine Tochter rief nach fünf Tagen an und weinte am Telefon.

Eine Chance auf Rückkehr fand auch Ádám Árpád Zoltan. Der Arbeitsplatz des 37-Jährigen liegt etwa drei Meter über der Erde, in der Kabine eines Mähdreschers. Noch bis vor zwei Jahren schraubte er in Deutschland als Mechaniker an Wohnmobilen. Nun holt er mit großen Landmaschinen die Ernte ein. „Im Ausland habe ich mich nie wirklich heimisch gefühlt“, erinnert er sich, obwohl er dort etwa vier Mal mehr verdient habe als nun zuhause. „Aber nun kann ich nach Feierabend mit meiner Familie zu Abend essen“, sagt er. Das sei ihm wichtiger.

Auch Zoltans Chef schätzt solchen Einsatz. Mihnea Cosmin Poptelecan, Leiter des Landwirtschaftsbetriebes Ecovert, versteht zwar diejenigen, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz oder besserer Bezahlung das Land verlassen. Auch er selbst habe sein Glück im Ausland gesucht. Er war damals in Italien: „Meine Tochter rief nach fünf Tagen an und weinte am Telefon. Noch in dieser Nacht habe ich das Auto genommen und bin nach Hause gefahren, 1.670 Kilometer.“ Zusammen mit der Caritas schafft der Ecovert-Chef nun in Blaj fast ein Dutzend Arbeitsplätze und damit eine Perspektive für die Daheimgebliebenen oder Rückkehrwilligen. So sind die Arbeiter auch nach der Ernte bei der Wartung der Maschinen das ganze Jahr über angestellt und zusätzlich zum Lohn gibt es immer wieder auch „Prämien“ in Form von Naturalien wie Mais, Kartoffeln, aber auch Benzin.

Emigration eröffnet neue Chancen

Auch an anderen Orten in Rumänien gibt es Perspektiven, damit die Menschen nicht das Land verlassen müssen oder in ihre Heimat zurückkehren können. In Oradea, etwa vier Autostunden von Blaj, hat die Caritas schon vor Jahren neben mehreren Second-Hand-Läden auch eine Buchhandlung eröffnet und ein kleines Bauunternehmen gegründet. Der Arbeiter András Szahiács fand vor zwei Jahren hier eine Anstellung. Der 46-Jährige war seit 1999 immer wieder auf Baustellen im Ausland, etwa in Griechenland oder in Ungarn. „Ich bin damals wegen des Geldes weggegangen“, erinnert er sich. Aber dann kam das Heimweh und mit dem Job als Bauarbeiter bei dem Caritas-Unternehmen auch die Chance auf Rückkehr. Szahiács schätzt zwar das Plus an Lohn im Ausland, aber „nochmal würde ich meine Familie nicht mehr verlassen.“

Auch Alexandru Guias ist nicht ganz entschieden, ob er wieder ins Ausland geht. Die letzten drei Jahre ist der studierte Journalist für sechs bis acht Monate nach Deutschland gefahren, um dort zeitweilig den Job zu wechseln: Statt für eine Zeitung zu schreiben, hat er in Solarparks und auf Dächern Photovoltaikanlagen montiert. Bis zu 1.700 Euro im Monat habe er so verdient. „Verglichen mit unserem Durchschnittseinkommen von 600 Euro oder dem Mindestlohn von 250 Euro war das sehr viel“, sagt der 46-Jährige. Für die 27-jährige Georgiana Ciordas war ebenfalls das niedrige Einkommen in Rumänien ein Grund, nach London zu gehen. Sie arbeitete während ihres Studiums in Großbritannien als Au-pair und Kellnerin. Finanziell war es in Ordnung, aber nicht das, „was sie im Leben machen wollte“. Nach drei Jahren entschied sie sich für die Rückkehr und unterrichtet nun in Schulen Englisch. Für sie eröffnete erst die Emigration diese neue Perspektive in der Heimat.

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Inhalt erstellt: 05.04.2017, zuletzt geändert: 24.08.2017