Außenansicht KZ Auschwitz
Im Konzentrationslager Auschwitz wurden nach heutigen Schätzungen zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet.
Foto: Markus Nowas
07.03.2018 – Reportage

Versöhnungszeichen am Ort des Grauens

Auschwitz ist wie kein anderer Ort ein Sinnbild für den Holocaust – Ausgerechnet hier gibt es Schritte zur Versöhnung zwischen Deutschen, Polen und Juden

Ein Beitrag von Markus Nowak

Drei Worte haben weltweite „Bekanntheit“ erlangt. Traurige. „Arbeit macht frei“. Noch heute steht jener zynische Spruch am Eingangstor des einstigen KZ Auschwitz in der südpolnischen Stadt Oświęcim. Mehr als 73 Jahre nach der Befreiung durch die Rote Armee laufen nicht wie einst Häftlinge in gestreiften Anzügen zu ihrem Arbeitseinsatz durch das Tor. Heute sind es täglich tausende Touristen. Manche bleiben stehen und machen ein Foto mit ihrem Handy. Andere halten inne. „Wir sind das am meistbesuchte Museum in Polen“, konstatiert Paweł Sawicki, Mitarbeiter im PR-Team der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Allein letztes Jahr kamen mehr als zwei Millionen Besucher aus der ganzen Welt hierher.

Für Sawicki stehen weniger die Zahlen als die Mission der Gedenkstätte im Vordergrund. Er will „über die Geschichte von Auschwitz sprechen und die Menschen über das deutsche Lager aufklären.“ Mit anderen Worten: Die Erinnerung wachhalten an den wohl grausamsten Ort der Weltgeschichte, wo schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden. Jenes Anliegen verfolgt auch Manfred Deselaers. Der 53-Jährige ist Auslandsseelsorger der Deutschen Bischofskonferenz und lebt seit 28 Jahren in Oświęcim. Nach seiner Dissertation über den Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß gilt er nicht nur als Kenner der Geschichte des ehemaligen KZ. Zugleich ist er jemand, der die Stimme erhebt und über die Verantwortung aus der historischen Tragödie spricht. „Auschwitz steht für die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges mit dem radikalsten und schlimmsten Beschluss: der geplanten Vernichtung des jüdischen Volkes“, sagt der Geistliche. Aber in den letzten Jahren sei etwas Seltsames passiert. „Auschwitz ist zu einem Ort der Versöhnung geworden.“

Die Besucherrekorde der Gedenkstätte seien nicht nur zu erklären mit einer Zunahme des Interesses an Geschichte. „Die Besucher spüren, dass von hier auch eine positive Botschaft ausgeht. Ein Ruf an die Verantwortung, sich für Versöhnung und Frieden einzusetzen“, sagt Deselaers, der Verdienstorden der Republik Polen und Deutschlands erhielt. Deselaers arbeitet im Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim, einem katholischen Begegnungshaus wenige hundert Meter Luftlinie von dem „Arbeit macht frei“-Spruch am Eingangstor zum Stammlager Auschwitz.

Zu Hunderten in Eisenbahnwaggons gepfärcht, wurden die Menschen mit dem Zug direkt in das Lager transportiert.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Markus Nowak</small>
Zu Hunderten in Eisenbahnwaggons gepfärcht, wurden die Menschen mit dem Zug direkt in das Lager transportiert.
Foto: Markus Nowak
Der Schriftzug "Arbeit macht frei" verhöhnte die Insassen, die unter menschenunwürdigen Umständen arbeiteten und starben.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Markus Nowak</small>
Der Schriftzug "Arbeit macht frei" verhöhnte die Insassen, die unter menschenunwürdigen Umständen arbeiteten und starben.
Foto: Markus Nowak

Auschwitz: Mehr als Zeugnis des Menschenheitsverbrechens

Oft hat er es mit Gruppen aus Deutschland zu tun, mit ihnen spricht er über ihre und seine Erfahrungen oder betet den Kreuzweg. Bei der Besichtigung der Gedenkstätte bleiben die Gruppen aus den verschiedenen Ländern meistens unter sich, konstatiert Deselaers. „Das Zentrum für Dialog ist aber ein Ort, der eine Chance bietet, um ins Gespräch zu kommen. So entsteht Begegnung“, sagt Deselaers, und das sei ein erster Schritt zur Aussöhnung: „Denn woher soll das Vertrauen kommen, dass sich Auschwitz nicht mehr wiederholt?“, fragt Deselaers. „Es braucht neues Vertrauen, und dafür braucht es offene und ehrliche Begegnung.“

Ortswechsel. Das Konarski-Lyceum liegt unweit des Bahnhofs von Oświęcim. Szymon, Kasi-a, Paweł, Anita und Alek besuchen hier die 12. Klasse. Die fünf sind gute Freunde. Zurzeit sitzen sie zwar viel über ihren Büchern, um in den anstehenden Prüfungen gute Noten im Abitur zu bekommen. Ansonsten verbringen sie ihre Freizeit miteinander, gehen auch gemeinsam feiern. Ein Leben, das andere 18-Jährige in einer polnischen Kleinstadt so oder ähnlich auch führen. Bloß eines bekommen sie öfter zu spüren. „Die Leute schlucken erst einmal“, sagt die 18-jährige Kasia, „wenn sie erfahren, dass wir aus Oświęcim sind.“ Oft denken Menschen, die die Jugendlichen aus Oświęcim in Polen oder im Ausland treffen, nur an das Lager Auschwitz. „Viele wissen gar nicht, dass es eine ganz normale Stadt ist.“ Der 18-jährige Szymon ergänzt: „Oświęcim wird immer noch nur als Zeugnis der Naziverbrechen gesehen.“ Die Menschen von außerhalb verstehen oft nicht, wie Jugendliche in Oświęcim etwa in die Disko gehen können, stellt die gleichaltrige Anita fest. „Weil wir hier ganz normal leben, können wir die Erinnerung wach halten“, glaubt Anita. „Oświęcim und Auschwitz können ein Ort der Versöhnung sein“, glaubt Szymon. Denn hierher kommen Menschen aus der ganzen Welt. „Sie können die Geschichte am realen Ort sehen. Vielleicht kommt es so noch nicht zur Versöhnung“, glaubt der Oświęcimer Schüler. „Aber auch die tragische Geschichte verbindet, und wenn man gemeinsam Schlüsse aus ihr zieht, dann beginnt Versöhnung.

Aussöhnung nach Auschwitz möglich

Versöhnung, dieses Thema beschäftigt die Krakauer Philosophin Joanna Barcik immer wieder. Gerade auch, weil ihr Großvater Tadeusz Szymański drei Jahre in Auschwitz inhaftiert war und überlebte. Nach dem Krieg kehrte er sogar an diesen Ort zurück, zog in eine der Wohnungen in den ehemaligen SS-Blöcken auf dem Gelände des Stammlagers. Mit seinen ehemaligen Mithäftlingen arbeitete der Holocaust-Überlebende am Aufbau eines Gedenkortes. „Sie hatten die Idee, das alles als Zeugnis zu bewahren“, erzählt Barcik. „Also haben sie versucht zu retten, was ging.“ Ob Archivmaterial, die Hinterlassenschaften der Opfer und selbst Backsteine oder Holzbalken der Baracken, die im Mangel der Nachkriegszeit häufig von der benachbarten Bevölkerung zum Wiederaufbau der Häuser genutzt wurden. Barcik gehört zur Enkelgeneration der Holocaust-Überlebenden und auch in ihrer Forschungstätig-keit an der päpstlichen Johannes-Paul-II.-Universität in Krakau geht es oft um den Holocaust. „War Gott in Auschwitz?“, dieser Frage geht die promovierte Philosophin immer wieder nach. „Meine Antwort ist: Ich weiß es nicht.“ Mancher Häftling im Lager soll Gottes Anwesenheit in einem Mithäftling gesehen haben, berichtet Barcik. „So etwas gespürt haben könnte der Mann, für den Maximilian Kolbe in die Todeszelle gegangen ist.“ Kolbe wurde für seinen Märtyrertod später heiliggesprochen. Sieben Jahrzehnte Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seien aber gerade auch der Blick nach vorne und die Frage der Aussöhnung wichtig, so die Philosophin. Schon ihr Großvater habe in der Aussöhnung „eine Art Lebenssinn“ gesehen. Die Aussöhnung und Aufarbeitung des Traumas Auschwitz solle aber nicht auf Schuldgefühlen basieren, hat Barcik von ihrem Großvater gehört. „Schuld sah er bei den Tätern und nicht bei den Nachkommen“, erklärt Barcik. „Opa wollte, dass sich die Menschen verantwortlich für die Zukunft fühlen.“ Etwa durch konkrete Taten in Sachen Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen. So habe er mit anderen Häftlingen daran gearbeitet, Stätten der Begegnung in Oświęcim zu errichten und Austausch- oder Freiwilligendienste für Jugendliche zu ermöglichen. Teresa Richter aus Göttingen und der Österreicher Dorian Schiffer sind 73 Jahre nach der Befreiung des KZs aus diesem Grund auch in Oświęcim.

Aufgabe für Generationen

Von der Begleitung von Jugendaustauschprojekten bis hin zum Kaffeekochen im „Café Bergson“, einem Begegnungsort für Gedenkstättenbesucher und Einheimische. Die Aufgaben der beiden Freiwilligen sind vielfältig, doch die Begegnung mit der Geschichte steht oft im Mittelpunkt. Eine „Perspektivenverschiebung“ hat der 18-jährige Dorian nach seiner Ankunft in der 40.000-Einwohner-Stadt erlebt. „Auschwitz war für mich ein Symbol des Holocaust, eine Todesfabrik. Und dann sah ich, das Verbrechen ist in einer normalen polnischen Stadt begangen wurde.“ Daraus leiten er und Teresa ihr fast ein Jahr dauerndes freiwilliges Engagement ab: „Dass sich Auschwitz nicht wiederhole.“

Keine drei Kilometer Luftlinie vom Café Bergson steht Janusz Marszałek neben einem Spielplatz, auf dem Kinder toben. Hinter einem Zaun gibt es einen Streichelzoo mit Schafen und Ziegen, gleich nebenan eine idyllische Siedlung mit acht weißen Häusern. Es ist Polens erstes privates Kinderdorf, benannt nach dem polnisch-jüdischen Reformpädagogen Janusz Korczak, das der heute 62-jährige Marszałek Anfang der 1990er Jahre gegründet und aufgebaut hat. „Das ist ein Werk der Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen“, sagt Janusz Marszałek, und: „Denn ohne die Unterstützung aus Deutschland, würde es dieses Kinderdorf nicht geben.“ Außer Renovabis beteiligen sich auch andere Organisationen und Wohltäter westlich der Oder am Bau und dem Betrieb. Acht Familien wohnen hier und bieten Waisen und Kindern aus zerrütteten Verhältnissen eine neue Heimat. Marszałek, der von 2002 bis 2011 Oberbürgermeister von Oświęcim war, appelliert, „man muss alles machen, dass sich solche Zeiten nicht mehr wiederholen.“ Wie? „Kinder sind ein Symbol der Zukunft“, konstatiert Marszałek. Aussöhnung sei vor allem eine Aufgabe für die nachfolgenden Generationen.

Das Kinderdorf bietet eine Heimat für Kinder ohne Eltern und aus schwierigen sozialen Verhältnissen.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Markus Nowak</small>
Das Kinderdorf bietet eine Heimat für Kinder ohne Eltern und aus schwierigen sozialen Verhältnissen.
Foto: Markus Nowak

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Inhalt erstellt: 07.03.2018, zuletzt geändert: 13.04.2018