Junge Menschen bei einer geistlichen Themeneinheit während der deutsch-rumänischen Jugendbegegnung in Archita
Geistliche Themeneinheiten waren ein wichtiger Programmpunkt während der deutschen-rumänischen Jugendbegegnung in Archita.
Quelle: Matthias Walczak
GoEast

„Ready for adventure!?" Eine deutsch-rumänische Jugendbegegnung

„Ready for adventure" war die Jugendbegegnung in Rumänien überschrieben - und ein Abenteuer war es tatsächlich für die 20 jungen Frauen und Männer aus Deutschland und Rumänien, die zehn Tage lang die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede in ihrem Leben und ihrem Glauben kennenlernen durften.

Um vier Uhr morgens an einem heißen Tag im Sommer 2022 ging es los: 12 junge Frauen und Männer und vier Betreuerinnen und Betreuer trafen sich in Bautzen, um mit zwei Kleinbussen aufzubrechen zu einer deutsch-rumänischen Jugendbegegnung in Archita in Rumänien. Die Oberlausitzer Jugendlichen - je zur Hälfte aus der katholischen und der evangelischen Jugend - trafen dort acht rumänische Teilnehmende und ihr Begleiterteam. Die Jugendbegegnung trug den Titel: „Ready for adventure!? Ökumenisch und multikulturell leben, arbeiten und unterwegs sein in Rumänien" - und ein Abenteuer war der zehntägige Aufenthalt in einer ländlichen Region Siebenbürgens für viele von ihnen tatsächlich, war doch keiner der Reisenden aus Deutschland jemals zuvor in Rumänien gewesen. Land und Leute waren den Jugendlichen ebenso fremd wie die Kultur und die religiösen Traditionen. Renovabis hat die Jugendbegegnung im Rahmen des GoEast-Programms gefördert. Einige der Teilnehmenden haben Tagebuch geführt und berichten hier - in Auszügen - über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.

Ein spannender Auftakt - mit Bären?

Die Busfahrt nach Rumänien war lang - und sehr heiß. Eine kleine Ablenkung und eine erste Einstimmung auf das unbekannte Land bot das eigens angefertigte Reiseführerheft - mit einer Quizseite, Liedern und einer Tabelle mit einigen deutsch-rumänischen Vokabeln.

Der erste Morgen in Rumänien begann - wie alle darauffolgenden Tage - mit einer kleinen Andacht vor dem Frühstück. Vom ersten Tag an waren zu unserer besonderen Freude immer auch die Rumäninnen und Rumänen im Alter von 16 bis 26 Jahren dabei. Sie waren eine Gruppe von 10 Personen. Wir unterstützten uns gegenseitig in der nicht immer einfachen Verständigung. Zur Auflockerung halfen Kennenlernspiele - und bei gemeinsamen Aktionen und thematischen Einheiten wurde von den Leitungspersonen auch gedolmetscht. Tagesthema dieses ersten Tages war: „ICH – Den Einzelnen abholen“. Mit Impulsgedanken ging es um die Fragen wie: Wie geht es mir gerade? Was bringe ich mit? Was hoffe ich hier zu finden? Wir spielten Teamworkspiele, bei denen es auf jeden Einzelnen ankam, um die gestellten Aufgaben zu lösen.

Am nächsten Tag ging es in die umliegenden Wälder von Archita zu einer Wanderung mit Klettermöglichkeiten - und Zwischenstationen mit Impulsgedanken zum Tagesthema. Ziel war es auch, die örtlichen sozialen Verhältnisse kennenzulernen.

Wir wurden darauf hingewiesen, dass es auch Bären in der Region gibt, aber eine Begegnung sei unwahrscheinlich. Tatsächlich sichteten zwei aus unserem Leitungsteam einen Bären, als sie mit dem Kleinbus an einem anderen Tag unterwegs waren. Während unserer gemeinsamen Tageswanderung aber kreuzten sich glücklicherweise unsere Wege mit keinem einzigen Bären. Wir wanderten durch einige kleinere Dörfer und sahen Stromkabel, die kreuz und quer über unseren Köpfen hingen und Häuser, deren halbes Dach fehlte. Direkt daneben dann ein anderes Haus, das „makellos“ und perfekt durchsaniert erschien. Wenn wir Dorfbewohner sahen, dann waren es vielfach ältere Frauen und Männer, die auf Plastikstühlen vor ihren Häusern saßen. Supermärkte oder Apotheken gab es keine. So sammelten wir erste Eindrücke von den sozialen Verhältnissen insbesondere in den ländlichen Regionen, wo sich sonst in der Regel keine Touristen aufhalten und konnten ein bisschen erahnen, unter welch schwierigen Bedingungen viele Menschen - besonders in den Dörfern - leben müssen.

Die Jugendlichen spielen mit den Roma-Kindern Fußball
Sprachprobleme? Spielen gerade für die Kleinsten keine Rolle mehr, wenn es darum geht, die Großen beim Rennen und Fangen alt aussehen zu lassen...
Quelle: Matthias Walczak
Deutsche und rumänische Kinder und Jugendliche gemeinsamen auf einem Feld
Zusammen geht alles leichter - seien es nun Spiele, die Proben für ein Theaterstück oder gemeinsame Arbeitseinsätze.
Quelle: Matthias Walczak

Von Rollenspielen und Vorurteilen

Während der folgenden Tage stand das „DU – Den Anderen wahrnehmen“ im Mittelpunkt. Dieses Thema wurde vor allem theaterpädagogisch aufgegriffen. Eine Aufgabe der Gruppe war es, in kleinen Teams auf der Straße Menschen diskret zu beobachten und sich aufgrund dieser rein äußerlichen Dinge eine Geschichte zu dieser Person auszudenken: Wie heißt die Person, ist sie berufstätig, verheiratet oder nicht, wie läuft sie, wie ist sie angezogen, wo geht sie hin... Ausgehend von diesen Beobachtungen sollten die Teilnehmenden eine Rolle erfinden für diese Person - und diese Rolle ohne Worte vor der Gruppe spielen.

Der Sinn und Zweck dieser Übung war, sich einerseits inspirieren zu lassen für die Suche nach einer fiktiven Rolle und Geschichte für ein Theaterstück, andererseits reflektierten wir anhand dieser Methode grundsätzlich über die Frage, wie wir andere wahrnehmen und von welchen Vorurteilen wir geprägt sind, wenn wir nur sehr oberflächlich Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes be- oder verurteilen. Wie urteilen wir über andere Nationalitäten, Kulturen, Mentalitäten und was macht das mit uns? Dieser Austausch bildete die Grundlage zur Entwicklung eines gemeinsamen Theaterstücks, zusammen mit unseren rumänischen Freunden.

Jugendliche stehen mit einem Seil im Kreis während eines Spiels.
Gemeinsame Spiele bei sengender Hitze: gut, wenn man zu Hause einen Hut eingepackt hatte.
Quelle: Matthias Walczak
Jugendliche sitzen um ein großes Lagerfeuer
Gemeinsamer Ausklang des Tages am Lagerfeuer
Quelle: Matthias Walczak

Wir nutzten die folgenden Tage, um an unserem Theaterstück weiterzuarbeiten und lernten vertieft Improvisationstechniken kennen, die hilfreich waren für die Rollen- und Szenenarbeit. Es entwickelte sich ein zweiteiliges Theaterstück: Im ersten Teil ging es um das Leben in Deutschland aus Sicht eines rumänischen Jugendlichen, der zum ersten Mal nach Deutschland reist, um hier zu leben. Dabei stellt er fest, wie viele Behörden aufzusuchen sind und wie komplex die deutsche Bürokratie ist, die szenisch auch sehr witzig dargestellt wurde. Schließlich schafft er es, sich durchzukämpfen, lernt einen deutschen Freund kennen und nimmt ihn eines Tages mit nach Rumänien, um ihm seine Heimat zu zeigen (zweiter Teil). In Gesprächen und verschiedenen Szenen kommt immer wieder zur Sprache, was beiden wichtig ist (Familie, Freunde, Bildung), worüber beide herzhaft lachen können (bestimmte Klischees von deutscher und rumänischer Seite) und was beide sehr besorgt: der Krieg, die Armut, der Hass. Aus dieser Aneinanderreihung von verschiedenen Szenen nahm das Theaterstück mehr und mehr Gestalt an.

Sehr lebhaft ging es zu, als die Gruppe eine Kinderarche mit Roma-Kindern besuchte.

Obwohl wir nichts verstanden, haben die Kinder so mit uns gesprochen, als könnten wir alles verstehen. Wir aßen mit ihnen zusammen, wir spielten Fußball - die Kleinen hatten keine Berührungsängste, so dass einige von uns anfangs mit der Situation etwas überfordert waren. Doch das legte sich mit der Zeit.

Ein weiteres Highlight der Reise war die Fahrt nach Târgu Mureș und die Stadtführung dort. Besonders beeindruckt waren die Jugendlichen vom Kulturpalast - einer der Hauptattraktionen der Stadt.

Die Fassade sowie das Innere sind mit bunten Mosaiken verziert. Im Palast befindet sich ein prachtvoller Spiegelsaal. Heute ist der Kulturpalast Sitz der Philharmonie. Überhaupt begeistern im historischen Zentrum die vielen fantastischen Gebäude und die sehr schönen Häuser im Jugendstil.

Gemeinsam anpacken

Nach den letzten beiden Tagesthemen vom ICH zum DU stand jetzt das Thema „WIR – Eins in der Vielfalt“ im Mittelpunkt: Was verbindet uns im WIR? Warum kommt es auf das WIR an? Was verleiht uns Kraft in diesem WIR-Gefühl?

Besonders interessant war dieser Austausch auch deshalb, weil wir als ökumenische Gruppe unterwegs waren und das Thema Vielfalt im Glauben und in der Kirche nochmal eine ganz besondere Stellung einnahm. Nach diesen Impulsen hieß es dann: Gemeinsam anpacken und sich an Arbeitseinsätzen in und an unserer Herberge zu beteiligen. Es gab verschiedene Aufgaben: Das Unkraut auf Wegen entfernen, Holz fürs Lagerfeuer sammeln, Gemeinschaftsräume neu streichen mit kreativen Motiven, Fenster einbauen oder alten Schutt aufsammeln... Als Zeichen besonderer Verbundenheit pflanzten wir einen kleinen Kugelbaum mit mitgebrachter Erde aus der Oberlausitz. Wir probten immer wieder für unser Theaterstück und lernten unsere Texte zum Teil auch auf rumänisch. Im Laufe der Proben wurden wir immer sicherer und trauten uns mehr zu - und zum Abendessen stand das Stück!

Ein deutsch-rumänisches Theaterstück

ICH – DU – WIR: Aus diesen drei Elementen entstand schließlich während des letzten Tages der Jugendbegegnung eine große Collage aus Bildern der Gruppe in den verschiedenen Situationen: Einzelporträts, Aufnahmen von Gruppenarbeiten und vieles mehr. Diese Bildcollage wurde schließlich für das Bühnenbild der Theateraufführung verwendet.

Im Zentrum all der Bilder stand GOTT, der uns letzten Endes im ICH, im DU und im WIR begegnet und bestärkt. Zur Theater-Aufführung am Nachmittag kamen ungefähr 30 Gäste aus der Umgebung, darunter auch viele Kinder. Mit den deutsch- und rumänischsprachigen Elementen war die Auftritt ein großer Erfolg. Vor allem die Kinder haben viel gelacht und hatten ihren Spaß. Am Ende konnten wir uns den Zuschauern vorstellen und erzählen, wer wir sind, wo wir herkommen und was wir die ganzen Tage hier gemacht haben.

Im Rahmen einer letzten Abendandacht blickte die Gruppe dankbar auf die Tage in Archita zurück - und zwischen Einzelnen entstand sogar eine innigere Freundschaft, so dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch in Zukunft in Kontakt bleiben möchten.

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Inhalt erstellt: 25.08.2022, zuletzt geändert: 08.11.2022

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