08.08.2012

Vor 70 Jahren ermordet: Sr. Theresia Benedicta a Cruce (Edith Stein)

Gedanken von Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pater Stefan Dartmann

Am 9. August 1942 wird in Ausschwitz die gerade einmal 50 Jahre alte Karmelitin Sr. Teresia Benedicta a Cruce (so der Ordensname von Edith Stein) samt ihrer Schwester Rosa im KZ Auschwitz-Birkenau vergast. Viele Stichworte gibt es, unter denen ihr Name nachzuschlagen ist: Deutsche Jüdin, Christliche Philosophin, Frauenrechtlerin, Glaubenszeugin, Märtyrerin. Nicht erst seit sie am 1. Oktober 1999 von Johannes Paul II. zur Mitpatronin Europas erklärt wurde, sondern von Anfang an inspiriert sie unsere Arbeit bei Renovabis.

Die Tatsache, dass Edith Stein, die 1891 in Breslau geboren und jüdisch erzogen wurde, stets zu ihrer jüdischen Identität gestanden hat, konfrontiert uns mit der grausamen Geschichte des Antisemitismus in Europa. Wir haben hier ein schweres Erbe zu tragen, und haben die Verantwortung, einem Wiedererstarken dieser Strömungen entschieden entgegenzutreten. Als Philosophin hat Edith Stein gegen den Totalitarismus gekämpft und sich für die Würde des Einzelnen eingesetzt. Auch hier bietet sie Orientierung für unser gesellschaftliches und kirchliches Engagement. Zwanzig Jahre nach dem Fall des Kommunismus sind ja totalitäre Tendenzen in manchen Ländern Europas nicht zu übersehen. Würde und Freiheit des Menschen, nicht zuletzt die Religionsfreiheit, sind noch immer nicht überall eine Selbstverständlichkeit.

Noch wenig in den Blickpunkt geraten ist das starke Engagement Edith Steins für die Emanzipation der Frauen in Gesellschaft und Kirche. Sie, der man Habilitation und Professur verweigert, weil sie eine Frau ist, setzt sich schon früh für das Frauenstimmrecht ein und beschäftigt sich intensiv mit der Frage der Integration von Frauen in das moderne außerhäusliche Berufsleben. Was die karitative und apostolische Wirksamkeit der Frau in der Kirche angeht, zeigt sie sich offen für den Gedanken an ein Diakonat der Frau. „Ob das dann der erste Schritt auf einem Weg wäre, der schließlich zum Priestertum der Frau führt, ist die Frage. Dogmatisch scheint mir nichts im Wege zu stehen, was es der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen.“ Für Renovabis gehört heute besonders die moderne Versklavung von Frauen in Europa (Frauenhandel und Prostitution) zu den Feldern, auf denen wir uns im Geiste Edith Steins und in Verbund mit unseren Partnern engagieren.

Auch für den Renovabis-Kongress, der in diesem Jahr das Thema der Neuen Evangelisierung aufgreift, ist Edith Stein eine gute Patin. Sie hat ihren Glauben verloren, bezeichnet sich als Atheistin, die sich „das Beten ganz bewusst und aus freiem Entschluss abgewöhnt“ hat, bevor sie über die Bekanntschaft mit den Schriften der Hl. Theresia von Avila schließlich ihren Weg zu „Anbetung in Geist und Wahrheit“ (Joh. 4,23) findet und sich taufen läßt. Die Kraft zu ihrem engagierten Leben als Christin und vor allem im Zugehen auf den sicheren Tod als Jüdin im KZ schöpft sie seit der Taufe aus der Eucharistie: „Eucharistisch leben heißt, ganz von selbst aus der Enge des eigenen Lebens hinausgehen und in die Weite des Christuslebens hineinwachsen.“

Edith Stein, Sr. Benedicta, vom Kreuz (a Cruce) gesegnete „große Tochter des jüdischen Volkes und gläubige Christin inmitten von Millionen unschuldig gemarterter Mitmenschen“ (Johannes Paul II. bei der Seligsprechung am 1. Mai 1987 in Köln), bitte für uns und die Zukunft Europas.

P. Stefan Dartmann

Interview

Interview mit Pater Stefan Dartmann über Edith Stein im Domradio
Domradio-Interview mit P. Stefan Dartmann SJ zu Edith Stein (5.1 MB)

Inhalt erstellt: 08. August 2012, zuletzt geändert: 21. August 2012