18.10.2012

Opfer von Frauenhandel – Sprachlos, hilflos, rechtlos?

Fachtagung anläßlich des 5. Europäischen Tags gegen Menschenhandel

Die Opfer des Frauenhandels standen im Mittelpunkt bei der diesjährigen Fachtagung des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel, die am 17. Oktober 2012 in Zusammenarbeit mit Renovabis und der Hanns-Seidel-Stiftung im Ingolstädter Kolpinghaus stattfand. Rund 100 Interessierte und Experten von Fachberatungsstellen, Hilfsorganisationen, der Polizei und der Politik diskutierten gemeinsam darüber, wie die Situation der betroffenen Frauen effektiv verbessert werden könne.

Die Referentinnen und Referenten beleuchteten die Situation aus verschiedenen Perspektiven. Barbara Abdallah-Steinkopff von Refugio in München zeigte die psychologischen Folgen der oftmals langanhaltenden Gewalterfahrungen auf.

Es gibt in diesem Bereich Vorurteile, die vor Gericht oder bei Befragungen zum Aufenthaltsrecht, zu falschen Urteilen führen,

stellte die Psychotherapeutin klar. So sei etwa die lückenlose und chronologische Erinnerung an die Ereignisse keineswegs selbstverständlich. Die Opfer von derartigen Gewalterfahrungen erinnerten sich häufig noch sehr detailliert an bestimmte Details, die ihnen besonders bedrohlich erschienen, nicht aber an die Tageszeit oder andere vermeintliche Selbstverständlichkeiten.

Besonders problematisch seien diese Fehleinschätzungen beim Thema Aufenthaltsrechts für Betroffene, betonte Renate Hofmann von der Fachberatungsstelle Solwodi. Die Opfer von Zwangsprostitution aus nicht EU-Staaten dürften meist nur für die Zeit ihres Gerichtsverfahrens in Deutschland bleiben, da sie als Zeugen dringend benötigt werden, danach allerdings müssten sie in ihre Heimatländer zurückkehren. Für viele eine schwierige Situation, denn durch die Aussage vor Gericht, bringen sie sich nicht selten in Gefahr. Die Menschenhändler verfügten häufig über gute Kontakte in die jeweiligen Länder aus denen die Frauen verschleppt wurden. Auch für die Juristin Naile Tanis vom “Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess (KOK)”, die das Thema rechtlich beleuchtete, steht fest, dass es in diesem Punkt dringend einer neuen gesetzlichen Regelung bedürfe.

Opfer brauchen Ebenbürtigkeit

Die Theologin Barbara Haslbeck vom Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising arbeitete die ethisch-moralischen Perspektive auf. „Opfer brauchen Ebenbürtigkeit“, lautete einer ihrer Kernthesen. Es sei wichtig, dass die Betroffenen wieder selbst ihr Leben gestalten lernen. Das Gefühl der Ohnmacht werde verstärkt, wenn sie sich auch nach der Zwangsprostitution noch ausgeliefert fühlten. Darum sei es wichtig, so Haslbeck, dass die Beraterinnen immer gemeinsam und in Absprache mit den Frauen agieren und nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, und sei es in noch so guter Absicht.

Renovabis engagiert sich bereits seit über 10 Jahren im Aktionsbündnis gegen Frauenhandel. Mehr Informationen dazu unter www.gegen-frauenhandel.de.

Pressemitteilung vom 22. Oktober 2012: “Handelsware Frau” - Das Geschäft blüht. Fachtagung zur Situation der Opfer von Frauenhandel in Ingolstadt

Inhalt erstellt: 18. Oktober 2012, zuletzt geändert: 25. Oktober 2012