Hände halten eine Zeitung
Kolumne von Inga Pylypchuk (Journalistennetzwerk n-ost).
Foto: www.kaboompics.com
07.12.2017 – Kommentar

"Der Donbass wird zur Ukraine zurückkehren" - Inga Pylypchuk, n-ost

Der Krieg im Osten der Ukraine dauert an – und kein Ende ist in Sicht. Doch das wird nicht immer so sein, glaubt Inga Pylypchuk. Eines Tages werden die besetzten Teile der Regionen Donezk und Luhansk sich mit dem Rest der Ukraine versöhnen müssen

Liebe Leserinnen und Leser,

neulich habe ich eine Wette abgeschlossen. Mit wem kann ich leider nicht sagen – aber das ist sowieso unwichtig. Ich verrate dennoch ein paar Details, damit Sie sich unser Gespräch ein bisschen besser vorstellen können. Mein Gesprächspartner war: männlich, deutsch, über 50 und aus meiner Branche, was mit Medien also.
Gegenstand unserer Wette war der Donbass. Mein Opponent erklärte, dass die ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk in zehn Jahren sicher von Moskau aus regiert würden. Es sei ausgeschlossen, dass sie wieder unter die Kontrolle Kiews kämen, meinte er. Sie ahnen es schon, ich wettete dagegen. Unser Einsatz war nur eine Tasse Kaffee, und trotzdem: Wie gerne wüsste ich jetzt schon, wer von uns beiden gewinnen wird.

Sie fragen sich, warum ich glaube, dass der Donbass zur Ukraine zurückkommen wird? Vielleicht einfach, weil Donezk und Luhansk nicht weniger ukrainisch sind als Kiew, Odessa oder Lviv. Weil diese Gebiete ebenfalls Schauplätze der schlimmsten ukrainischen Tragödien des 20. Jahrhunderts waren – des Zweiten Weltkrieg, des Holodomor (die von Stalin organisierte Hungersnot), der Repressionen gegen die ukrainische intellektuelle Elite. Und jetzt ist der Donbass durch diesen neuen Krieg – das mag absurd klingen – noch einmal mehr, noch tiefer und schmerzhafter mit dem Rest der Ukraine verbunden.

Die russische Propaganda spielt gerne die Mentalitäts-Karte und will uns weismachen, die Menschen dort wollten zur „großen russischen Welt“ gehören, aber davon hat dort vor 2014 (bevor die russischen Fernsehkanäle diese imaginäre Heimat nicht in die Welt gesetzt haben) niemand etwas gehört. Die meisten Menschen arbeiteten in Fabriken und Kohlegruben, sie interessierten sich nicht für Ideologien. Sie interessierten sich für stabile Gehälter. Es gab keine „Separatistenbewegung“ in dieser Region. Und Russland wird auf Dauer nicht imstande sein, eine solche zu simulieren, egal wie viele Söldner und Panzer es noch dorthin schickt und mit wie vielen Propaganda-Lügen es zum Hass gegen den anderen Teil der Ukraine anstachelt. Etwa 800.000 Bewohner des Donbass sind vor dem Krieg nach Russland geflohen. Und etwa doppelt so viele zogen nach 2014 in andere Städte und Dörfer der Ukraine.

Als ich in letzter Zeit in Kiew war, traf ich fast mehr Menschen aus Donezk, als gebürtige Kiewer. 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge leben nun in der Ukraine – davon fast 82.000 allein in Kiew. Und das sind nur die registrierten – die tatsächlichen Zahlen sind noch höher. Der Osten (und die Krim) haben sich längst im ganzen Land ausgebreitet.
Die russische Propaganda behauptet, die Menschen aus dem Donbass würden nur Russisch sprechen und das sei ihnen besonders wichtig. Ich muss immer wieder darüber lachen, wenn ich mit meinen Donezker Freunden und Bekannten locker mit Russisch und Ukrainisch jongliere, je nachdem, wie es gerade passt. Die meisten von ihnen kommen aus den Großstädten, wo im Alltag mehr Russisch gesprochen wird. Dabei passen die Menschen aus den Dörfern des Donbass noch weniger ins Propaganda-Bild: dort wurde schon immer mehr Ukrainisch oder Surzhyk (eine Mischung aus Ukrainisch und Russisch) gesprochen.

„Warum will man nicht einfach das Land aufteilen, um den Krieg zu beenden?“, fragt mich mein Wetten-Partner. Mir fehlen die Worte. Weil man damit mindestens 1,7 Millionen Menschen ihre Heimat endgültig nehmen würde? Weil fast 60 Prozent des Landes (laut der jüngsten Umfrage) der Meinung sind, der Donbass solle auf politisch-diplomatischem Weg zur Ukraine zurückkehren? Weil nur 3 bis 4 Prozent der Menschen im Donbass auf verschiedenen Seiten der Front den Kontakt miteinander abgebrochen haben – und das trotz des Krieges? Soll man sie endgültig voneinander trennen oder gleich den ganzen Osten Wladimir Putin schenken? „Ich provoziere Sie nur,“ sagt mein Gesprächspartner.

Die meisten Binnenflüchtlinge aus dem Donbass, die ich interviewt habe, erzählen, dass sie und ihre Verwandten sich nur wünschen, dass wieder Frieden einkehrt. Nach Russland wollen sie nicht. Russland wolle sie umgekehrt auch nicht. Dass Putin ihre Region für seine geopolitischen Zwecke ausnutzt, ist ihnen völlig klar.
Genauso wie die Tatsache, dass die selbst ernannten „Volksrepubliken“ (die übrigens nur etwa 5 Prozent des Territoriums der Ukraine ausmachen) keine Zukunft haben. Auch deswegen glaube ich, dass der besetzte Teil des Donbass eines Tages zur Ukraine zurückkehren wird. Die Frage ist nur, in welchem Zustand und ob der ukrainische Staat bis dahin endlich eine vernünftige Versöhnungspolitik entwickelt haben wird. Inga Pylypchuk - n-ost

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Inhalt erstellt: 07.12.2017, zuletzt geändert: 07.12.2017