Weihnachtskrippe, entdeckt in einer Kapelle in Westrumänien
Weihnachtskrippe, entdeckt in einer Kapelle in Westrumänien
Foto: Daniela Schulz
27.12.2017 – Ukraine

Der zweite Geburtstag Christi

In der Ukraine wird Weihnachten 2017 offiziell nicht nur am 7. Januar gefeiert, sondern auch am 25. Dezember. Welche politischen Fragen hinter dieser Entscheidung stecken, erklärt n-ost-Korrespondentin Inga Pylypchuk.

Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer. Das Gemischte Doppel ist Teil des Internationalen Presseclubs Stereoscope von n-ost.

Liebe Leserinnen und Leser,

Weihnachten wird in der Ukraine dieses Jahr zweimal offiziell gefeiert. Einmal nach dem gregorianischen Kalender, wie in Deutschland und anderswo im Westen üblich, am 25. Dezember, und danach noch einmal am 7. Januar, nach dem alten julianischen Kalender, an dem vor allem die russische orthodoxe Kirche festhält. Weihnachten in der Ukraine ist eine Illustration dafür, in welcher geopolitischen Situation sich die Ukrainer heutzutage befinden: Auf dem Sprung gen Westeuropa, aber noch mit einem Fuß in der postsowjetischen Vergangenheit. In den letzten fast Hundert Jahren hat man Weihnachten am 7. Januar in der Ukraine gefeiert – wenn überhaupt. Denn in der Sowjetunion waren religiöse Feste unerwünscht und sogar verboten. Verboten war von 1929 bis 1935 auch der Weihnachtsbaum, bis er dann in einen „Silvesterbaum“ umgewidmet wurde.

Wie kam es denn überhaupt zu einem „7. Januar“? Das war eine Folge von politischen Entscheidungen. 1918 haben die Bolschewiken den gregorianischen Kalender eingeführt – und so rutschte das Weihnachtsfest, welches im Russischen Kaiserreich am 25. Dezember gefeiert wurde, 13 Tage nach hinten. Da Weihnachten vom sowjetischen Staat nicht anerkannt wurde, ist es auch niemandem in den Sinn gekommen, die Feiertage anzupassen, sogar im Gegenteil. Den sowjetischen Machthabern war es ganz recht. Da Weihnachten nun erst nach Silvester kam, hat es mit der Zeit an Bedeutung verloren. Das neue Jahr wurde zum größten und wichtigsten Fest in der Sowjetunion.

Dieses Jahr hat dann das ukrainische Parlament beschlossen, den 25. Dezember zum offiziellen Feiertag zu ernennen. In der Begründung stand, dass es in der ersten Linie damit zu tun hat, dass in der Ukraine 11 Tausend katholische und protestantische Gemeinden gebe. Sie würden insgesamt 30 Prozent der ukrainischen Gläubigen ausmachen. Es sei schlicht fair, ihnen die Möglichkeit zu geben, an dem Tag Weihnachten zu feiern, der ihren „religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen“ entspricht. Diese Argumentation zeigt die verbreitete Meinung in der Ukraine, es würde sich beim 25. Dezember um „katholische Weihnachten“ handeln und beim 7. Januar um „orthodoxe“. Als wäre es wirklich möglich, dass Jesus Christus zweimal geboren wäre – einmal für Katholiken, danach noch einmal für Orthodoxe.

Die Idee eines doppelten Festes wird von den Ukrainern mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Neben Freude hörte man Kommentare wie: „Soll man jetzt vom 24. Dezember bis zum 8. Januar durchfeiern? Welche Leber hält da mit?“. Besonders empört waren einige darüber, dass man für den 25. Dezember den Feiertag am 2. Mai opfern musste, den Tag, der in der sowjetischen Tradition als der zweite „Tag der Arbeit“ galt und in der jüngsten Praxis auf der Datscha oder beim Kurztrip ins Ausland (dank den Feier-und Brückentagen) verbracht wurde. In der Tat markiert aber die Entscheidung, auch am 25. Dezember Weihnachten zu feiern, einen langsamen Übergang zu europäischen Traditionen. Sie muss im Lichte der ukrainischen Entkommunisierungspolitik, des Abschieds vom Kommunismus, gesehen werden. Sie markiert auch generell den Versuch, sich von Russland kulturell loszusagen.Genauso wie beim Beschluss, den Gedenktag für die Opfer des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai einzuführen, aber gleichzeitig den „Tag des Sieges“ zu behalten, geht es hier um einen geschichtspolitischen Kompromiss. Denn egal, wie sehr „europaorientiert“ die jungen Ukrainer sind, selbst ihnen fällt es nicht immer leicht, auf die Feste ihrer Kindheit, wie z.B.Weihnachten im Januar, zu verzichten. Eine solche Umstellung braucht Zeit. Aber vielleicht wird eines Tages in der Ukraine auch das orthodoxe Weihnachtsfest am 25. Dezember wie zum Beispiel in Griechenland gefeiert.

Bis dahin könnte man versuchen, den doppelten Geburtstag Christi mit Humor zu nehmen wie „The Economist“: „Warum nur einmal feiern, wenn es zweimal geht?“ Schließlich sei der Spruch „Weihnachten kommt nur einmal im Jahr“ nichts als eine Lüge, um das Geld für Geschenke zu sparen.

Inhalt erstellt: 27.12.2017, zuletzt geändert: 27.12.2017