Ausschnitt des Umschlags der Zeitschrift OST-WEST
Ausschnitt des Umschlags der Zeitschrift OST-WEST, Ausgabe 3/2020 (Nationalhelden – Mythos und Missbrauch). Gesamtgestaltung: Martin Veicht.
24.11.2020 – Online-Podiumsdiskussion

„Mythos und Missbrauch - Nationalhelden im Osten Europas"

„Haben Helden wieder Konjunktur?"- Das war eine der Fragen, mit der sich die Podiumsdiskussion der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven" in diesem Jahr beschäftigte. Das Fazit: Gerade in unsicheren Zeiten haben Menschen das Bedürfnis nach Orientierung, nach einem Leitstern, nach Idolen.

Am 19. November fand die diesjährige OWEP-Podiumsdiskussion zum Thema „Mythos und Missbrauch - Nationalhelden im Osten Europas" statt. Ursprünglich als Präsenzveranstaltung im Domforum Köln geplant, musst sie Corona-bedingt online stattfinden. Insgesamt hatten sich 52 Personen angemeldet, darunter auch Zuschauer aus Slowenien, Rumänien und Russland. Diskussionsteilnehmer waren die Osteuropa-Historikerin Prof. Dr. Susanne Schattenberg (Universität Bremen), Dr. Klaudija Sabo (Universität Klagenfurt) und Dr. Grzegorz Rossolinski-Liebe (Freie Universität Berlin, zugeschaltet aus Warschau), die Moderation übernahm OWEP-Chefredakteurin Gemma Pörzgen (Berlin).

Ein Bericht von Dr. Christof Dahm (Renovabis)

In den kurzen Eingangsstatements der Podiumsteilnehmer ging es unter anderem um die Bedeutung des Begriffs „Held" bzw. „Nationalheld“. Im Anschluss stellten die Diskussionspartner einige markante Beispiele von historischen und modernen Heldenfiguren vor. Zu den besonders umstrittenen „Helden“ aus jüngerer Zeit zählt der Ukrainer Stepan Bandera, dessen Rolle innerhalb der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung in den 1930er und 1940er Jahren bis heute nur unvollständig aufgearbeitet worden ist. Für viele Ukrainer ist er, wie Dr. Rossolinski-Liebe hervorhob, wegen des Kampfes seiner Bewegung für eine unabhängige Ukraine und gegen die Kommunisten ein Held, für andere wegen seiner Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten ein Verräter. Eine kritische Beschäftigung mit ihm und mit der von ihm angeführten faschistischen Bewegung ist in der Ukraine bisher kaum erfolgt, im Gegenteil: Seit den 1990er Jahren hat sich vor allem in der Westukraine ein regelrechter Kult um ihn entwickelt. Frau Prof. Schattenberg wies im Hinblick auf unterschiedliche Beurteilungen ein und derselben Person auf das Phänomen der gespaltenen Erinnerung an bestimmte historische Ereignisse hin, etwa im Fall des Widerstand gegen Hitler: Viele Jahre sei es in Deutschland üblich gewesen, allein Graf Stauffenberg und seine Mitverschworenen vom 20. Juli 1944 in den Mittelpunkt zu stellen, andere wichtige Personen wie etwa Georg Elser wurden jedoch nur am Rande erwähnt oder ignoriert.

Für Südosteuropa ging Frau Dr. Sabo weit in die Geschichte zurück: Um die Schlacht auf dem Amselfeld 1389, in der ein serbisches Heer sich den Osmanen entgegengestellte, hätten sich so viele Legenden gebildet, dass die tatsächlichen Ereignisse und die Rolle einzelner Personen kaum mehr klar erkennbar seien. Bezeichnend war es allerdings, dass nach dem Zerfall Jugoslawiens alle Nachfolgestaaten bei der Suche nach Legitimation an historische Größen anknüpften und damit einen modernen Helden- (und Personen-)Kult betrieben, den es selbst unter Tito in diesem Ausmaß nicht gegeben hätte. Frau Professor Schattenberg erwähnte in diesem Zusammenhang die Kolossalstatue des Fürsten Stefan Nemanja (12. Jahrhundert), die zur Zeit in Belgrad errichtet wird. Ähnliches gilt für die kürzlich aufgestellte Figur des Fürsten Wladimir (10. Jahrhundert) in Moskau, deren Errichtung für viele Ukrainer ein Stein des Anstoßes war.

Bilanzierend ist also festzuhalten: Auch wenn bei Personen aus „grauer Vorzeit“ Biografie und Wirken eher vage bleiben oder legendenhaft übermalt sind, gibt es so etwas wie ein Bedürfnis nach Figuren als Orientierung, Leitsterne, Idole – besonders in unsicheren Zeiten. Aktuell wird dies etwa für Greta Thunberg gelten, aber auch – so Frau Professor Schattenberg – für die „Corona-Helden“, die sich trotz des eigenen Risikos für die Opfer der Pandemie in Krankenhäusern und Pflegeheimen einsetzen. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang auch das 2019 erschienene Buch von Dieter Thomä „Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus“. All das ist, wie sich die Diskussionsteilnehmer einig waren, ein klarer Hinweis dafür, dass es auch heutzutage angemessen ist, von Helden zu sprechen.

Auftakt-Filmclip zur Veranstaltung

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Inhalt erstellt: 24.11.2020, zuletzt geändert: 24.11.2020