Einzug in den Hohen Dom zu Paderborn
Einzug in den Hohen Dom zu Paderborn
Foto: Achim Pohl
20.05.2019 – Pfingstaktion

„Christen sind für Verständigung und Versöhnung in Europa“

Mit einem feierlichen Pontifikalamt im Hohen Dom zu Paderborn ist am Sonntag die Renovabis-Pfingstaktion „Lernen ist Leben“ von Erzbischof Hans-Josef Becker und Pfarrer Dr. Christian Hartl, Renovabis-Geschäftsführer, eröffnet worden.

pdp / Ronald Pfaff
Im Mittelpunkt steht bei der diesjährigen Pfingstaktion die Bildung, die über den reinen Schulbesuch hinausgeht, und vielmehr die persönliche Reife und Wertevermittlung einbezieht.

„Wir möchten den Akzent unseres Europabildes auf gemeinsame Werte setzen und betonen, dass dafür die Basis ein christliches Europa mit einem von der christlichen Kultur geprägten Menschenbild ist“, so der Paderborner Erzbischof in seiner Predigt, der darauf verwies, dass das Christentum stets eine Bildungsreligion gewesen sei, die auf Aufklärung und Bildung setze.

Becker: „Der Glaube sucht den Verstand. Glaube hat also immer auch mit Nachdenken zu tun, mit der Liebe zur Weisheit, nicht zuletzt mit dem gesunden Menschenverstand.“

Umso mehr freue es ihn, so Erzbischof Becker, dass die Renovabis-Pfingstaktion den Gedanken der Bildung aufnehme: „Lernen ist Leben, Leben ist Lernen.“ Lernen und Bildung sei eine Chance für die Menschen in Mittel- und Osteuropa ihr Leben aktiv zu verändern. In Europa sei die Geschichte mit Kriegen und Katastrophen noch allgegenwärtig. Bei einem Treffen mit Schriftsteller Navid Kermani im vergangenen Jahr sei ihm das Buch „Entlang der Gräben“ aufgefallen. Dabei, so der Erzbischof, setze Kermani auf das Europa von heute als Hoffnung, als ein friedliches Nebeneinander von Unterschieden. Kermani verweise auf das Christentum und seiner Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe.

Auch das heutige Evangelium (Joh 13, 31-33a. 34-35) verweise darauf: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“

Das sei die Seele Europas, betonte der Erzbischof, der sich freute, dass Renovabis in diesem Sinn von „Herzens- und Lebensbildung“ spreche.

„Europa wäre ohne diese Bildung durch das Christentum anders. Christen sind für Verständigung in Europa, Versöhnung und Brückenbau. Das sind auch die Kernthemen von Renovabis.“

Bildungsprojekte im Erzbistum Paderborn in Verbindung mit dem Sozialinstitut Kommende in Dortmund oder mit dem Johann Möhler-Institut für Ökumene in Paderborn werden von Renovabis gefördert, ebenso wie die Jugendcamps und die Kampagne „Go4peace“.

„Zum Pessimismus und zum Ausheben neuer Gräben in Europa besteht also kein Anlass. Wir dürfen uns nur nicht von denen verführen lassen, die keine Hoffnung in sich tragen“, schloss Erzbischof Hans-Josef Becker seine Predigt und baut darauf, dass Europa seine Kraft aus den christlichen Wurzeln zieht.

Zum Abschluss des Pontifikalamtes an dem neben Erzbischof Hans-Josef Becker auch Weihbischof Matthias König, Bischof Stanislav Szyrokoradiuk (Ukraine), Bischof Vasile Bizau (Rumänien) sowie Pastor Meinolf Wacker (Kamen und Pfarrer Dr. Christian Hartl (Renovabis) teilnehmen, wurde die Pfingstaktion offiziell eröffnet. Renovabis Hauptgeschäftsführer Christian Hartl bedankte sich herzlich beim gastgebenden Erzbistum Paderborn für eine sehr gut organisierte Eröffnungswoche. Vor allem galt sein Dank aber auch den zahlreichen Spendern und Spenderinnen von Renovabis, die hauptsächlich aus Deutschland kommen. „Ich freue mich und kann nur hoffen, dass sie uns in unserer wichtigen Projektarbeit in Ost- und Mitteleuropa weiter unterstützen.“

Für den musikalischen Rahmen des Auftaktgottesdienstes sorgten die Mädchenkantorei am Paderborner Dom unter der Leitung von Domkantorin Gabriele Sichler-Karle, Domorganist Tobias Aehlig sowie das Vokalensemble von drei Seminaristen aus Kiew.

Empfang und Begegnung mit den Gästen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa

Beim anschließenden Empfang in der Aula der Michaelsschulen konnte Weihbischof Matthias König, Bischofsvikar für Aufgaben der Weltkirche und Weltmission im Erzbistum Paderborn, zahlreiche Gäste begrüßen, die in dieser Impulsveranstaltung mit Renovabis sowie den Partnerinnen und Partnern aus Osteuropa ins Gespräch kommen konnten.

Die Michaelsschulen seien ein Ort, der sich aus Überzeugung und dem Glauben heraus, für Solidarität stark mache, und der Einsatz für die Schwächeren in der Welt Programm des Unterrichts seien, betonte Schulleiter Claudius Hildmann.

Den Gästen wurden Jugendliche aus Projekten von Renovabis vorgestellt wie das Orchesterprojekt aus Tranzit oder die Aufgaben eines MaZler (Missionar oder Missionarin auf Zeit) auf Erfahrungsberichten erläutert. Abschließend erteilte Weihbischof Matthias König den Aussendungs-Segen.
Das Motiv, das die Eröffnung der Renovabis-Pfingstaktion in Paderborn auf Gebetszetteln oder dem Begleitheft zum Pontifikalamt prägte, stammt von einer Schülerin der St. Hildegardis-Schule. Laura Knura stellte das Bild im Kunst-Unterricht fertig und erntete viel Lob für ihre Darstellung.

Impressionen

Weihbischof Matthias König, Bischofsvikar für Aufgaben der Weltkirche und Weltmission im Erzbistum Paderborn<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Achim Pohl</small>
Weihbischof Matthias König, Bischofsvikar für Aufgaben der Weltkirche und Weltmission im Erzbistum Paderborn
Foto: Achim Pohl
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Foto: Achim Pohl

Impressionen vom Empfang

Rund 130 Gäste nahmen beim Empfang in der Aula der Michaelsschulen teil.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Achim Pohl</small>
Rund 130 Gäste nahmen beim Empfang in der Aula der Michaelsschulen teil.
Foto: Achim Pohl
Talkrunde mit Ulrich Klauke (2.v.l.), Leiter des Referates Weltmission - Entwicklung - Frieden im Erzbistum Paderborn.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Achim Pohl</small>
Talkrunde mit Ulrich Klauke (2.v.l.), Leiter des Referates Weltmission - Entwicklung - Frieden im Erzbistum Paderborn.
Foto: Achim Pohl
Ein Mitglied des Jugendorchsters vom Projekt Loyola Tranzit aus Prizren im Kosovo. Das Orchester hatte in Lennestadt gemeinsam mit dem Orchester des Maria Königin Gymnasiums gespielt.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Achim Pohl</small>
Ein Mitglied des Jugendorchsters vom Projekt Loyola Tranzit aus Prizren im Kosovo. Das Orchester hatte in Lennestadt gemeinsam mit dem Orchester des Maria Königin Gymnasiums gespielt.
Foto: Achim Pohl
Ein Vokalensemble von drei Seminaristen aus Kiew sang beim Pontifikalamt und beim Empfang.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Achim Pohl</small>
Ein Vokalensemble von drei Seminaristen aus Kiew sang beim Pontifikalamt und beim Empfang.
Foto: Achim Pohl
Zum Ende des Empfangs erteilte Weihbischof Matthias König den Aussendungs-Segen.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Achim Pohl</small>
Zum Ende des Empfangs erteilte Weihbischof Matthias König den Aussendungs-Segen.
Foto: Achim Pohl

Predigt von Erzbischof Hans-Josef Becker

Liebe Schwestern und Brüder,

das Christentum ist eine Bildungsreligion. So sagt es der Theologe Thomas Söding, und er hat Recht. Es ist eine Religion, die von Anfang an auf Bildung gesetzt hat! Denn Glaube ohne Vernunft und Bildung kann leicht fundamentalistisch und engstirnig werden oder verleitet im schlimmsten Fall zu Fanatismus und Hass. Das war zu allen Zeiten so, und das ist auch heute noch so. Aber das Christentum hat von seinen Anfängen her auf Aufklärung und Bildung gesetzt.

Auch das Wort „Bildung“ ist ursprünglich ein theologischer Begriff! Er stammt von dem Mystiker und Philosophen Meister Eckhart. Mit der Bildung einher ging für ihn ein hoher und sehr persönlicher Anspruch: „Gebildet“ war, wer das richtige Vorbild gefunden hatte und sich davon prägen und leiten ließ. Und das beste Vorbild war Jesus Christus selbst! Die Nachahmung Christi war die Mitte dieses christlichen Bildungsgedankens! Und sie ist es auch heute noch.

Denken Sie nur an die Szene vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Da diskutiert Jesus mit den Lehrern im Tempel, fragt und antwortet intelligent und belehrt sie. Und die Gelehrten hören aufmerksam zu und bewundern seinen Verstand. Sie nutzen die Gunst der Stunde, und sie lassen sich im Wortsinn – von ihm bilden und verändern!

Zwar hängt der Glaube an Jesus Christus natürlich nicht von der Intelligenz ab. Aber er gibt zu denken. Er ist niemals unvernünftig. Es ist ein Glaube, der nach Einsicht sucht: Fides quaerens intellectum: Der Glaube sucht den Verstand. Glaube hat also immer auch mit Nachdenken zu tun, mit der Liebe zur Weisheit, nicht zuletzt mit dem gesunden Menschenverstand.

Schwestern und Brüder, es freut mich sehr, dass das Leitwort der diesjährigen Pfingstaktion von Renovabis genau diesen Gedanken der Bildung aufnimmt: „Lernen ist Leben, Leben ist Lernen!“

Seit über 25 Jahren steht Renovabis besonders für Projekte im Bildungsbereich. Für viele Menschen in Mittel- und Osteuropa war und ist das ein Segen. Renovabis leistet so einen wichtigen Beitrag, dass die Menschen in der Ukraine, in Weissrussland, in Polen, in Rumänien, in Litauen und anderswo ihr Leben durch Lernen und Bildung aktiv verändern können.

Als ich mich auf diese Predigt vorbereitet habe, habe ich mich daran erinnert, dass ich im letzten Jahr beim Europakongress des Bonifatiuswerkes dem Schriftsteller Navid Kermani begegnet bin. Kermani ist Buchautor, aber er ist auch Moslem und habilitierter Orientalist.
Sein neues Buch heißt „Entlang den Gräben“.
Kermani berichtet darin von einer Reise, die ihn von Köln bis weit in den Osten Europas geführt hat. Besonders entlang der Autobahnen und Landstraßen in Weißrussland und in der Ukraine sieht er einen Friedhof nach dem anderen, und wo es kein Dorf mehr gibt, da steht zumindest ein vereinsamtes Gefallenendenkmal auf offenem Feld.

In Europa ist die Geschichte mit ihren Kriegen und Katastrophen allgegenwärtig: Wie viele Opfer des Völkerhasses, Ermordete, Gefolterte und sinnlos dahin Geschlachtete gab und gibt es! Wie viele Betrogene auch des blinden Wissenschafts- und Fortschrittsglaubens, in Tschernobyl und anderswo in Europa, gerade im Osten.

Kermani setzt diesen Abgründen das Europa von heute als Hoffnung entgegen. Europa bedeutet für ihn, dass das friedliche Nebeneinander von Unterschieden gelingen kann. Und das hat sehr viel mit Bildung zu tun. Aber noch mehr hat es für ihn mit dem Christentum und seiner Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe zu tun. Und das sagt er als Moslem! Wir haben davon gerade im Evangelium gehört:

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt!“

Das ist die Seele Europas! Das ist das, was uns ausmacht. Und hier liegt auch der Bildungsauftrag der kirchlichen Hilfswerke! Ich habe mich gefreut, dass die Verantwortlichen von Renovabis auch in diesem Sinn von „Herzens“- und „Lebensbildung“ gesprochen haben. Denn darum geht es. Europa wäre ohne diese Bildung durch das Christentum anders. Kein griechischer Halbgott hätte sich je um die armen und einfachen Leute geschert! Aber die Christen tun es bis heute. Verständigung in Europa, Versöhnung und Brückenbau: Das sind die Kernthemen auch von Renovabis. Ich bin dankbar für die Bildungsprojekte, die Renovabis auch in unserem Erzbistum immer wieder mit fördert und betreut. Projekte in Verbindung mit unserem Sozialinstitut Kommende in Dortmund zum Beispiel oder mit dem Johann Möhler-Institut für Ökumene. Es sind Projekte, die den Austausch und die Verständigung von jungen Leuten aus Ost und West zum Thema haben, den Austausch auch mit der orthodoxen Kirche.

Eigens und besonders möchte ich hier aber auch noch die Jugendcamps und Kampagnen wie „Go4peace“ hervorheben, die ein Priester unserer Diözese mit initiiert und vorangetrieben hat. Darin steckt viel Herzblut, und all diese Projekte dienen der Aussöhnung und dem Miteinander! Nicht wenige davon werden gefördert und begleitet von Renovabis. Und diese Förderung und Begleitung wäre nicht möglich ohne die vielen Spenderinnen und Spender auch in unserem Erzbistum! Dafür danke ich Ihnen allen von Herzen.

Schwestern und Brüder, Europa wandelt sich, aber wir Christen brauchen deshalb keine Angst vor der Zukunft zu haben. Es gibt nämlich eine Angst, die uns lähmt und die unsere Herzen verschließt. Gott nimmt Wohnung unter den Menschen und wird in unserer Mitte wohnen! Das ist unsere Gewissheit, daraus leben wir.
Zum Pessimismus und zum Ausheben neuer Gräben in Europa besteht also kein Anlass. Wir dürfen uns nur nicht von denen verführen lassen, die keine Hoffnung in sich tragen.

Der Dichter Novalis hat vor über zweihundert Jahren eine große Rede zum Thema „Europa und die Christenheit“ gehalten. Diese Rede handelt davon, dass Europa seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen soll und sie immer wieder neu freilegen kann. Aus diesen Wurzeln muss Europa seine Kraft ziehen. Novalis sagt:

„Nur Geduld, sie muss kommen, die heilige Zeit des ewigen Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt sein wird; und bis dahin seid heiter und mutig in den Gefahren der Zeit und (…) verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium.“ So soll es sein. Das, Schwestern und Brüder, ist unser aller Bildungsauftrag, hier und jetzt in Europa!

Inhalt erstellt: 17.05.2019, zuletzt geändert: 12.06.2019