Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Srebrenica in Potočari, Bosnien.
Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Srebrenica in Potočari, Bosnien.
Foto: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0
23.11.2017 – n-ost Feature

Ratko Mladić - verurteilt als Völkermörder

Nach langen Jahren juristischer Aufarbeitung ist Ratko Mladić jetzt ein verurteilter Völkermörder. Der 74-jährige General wird die letzten Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen, doch sein politisches Erbe lebt: Ein serbischer Parastaat, in dem er bis heute als Held verehrt wird.

Ein Feature von n-ost-Korrespondent Krsto Lazarevic, Gacko.

Gacko (n-ost) — In Gacko scheint niemand Ratko Mladić für einen Kriegsverbrecher zu halten. Kommt man in das kleine Städtchen, steht man schnell vor einem Haus, auf dem das Konterfei des Generals prangt - auf mehreren Metern.
„Mladić hat uns vor den Türken verteidigt“, sagt eine 50-jährige Frau, die mit Einkaufstüten aus dem kleinen Laden in dem Haus mit dem Mladić-Mural kommt. „Türke“ ist eine unter bosnischen Serben verbreitete abwertende Bezeichnung für bosnische Muslime, also jener Bevölkerungsgruppe, die Mladićs Einheiten systematisch töteten. Dass Mladić ein Kriegsverbrecher sein soll, kann die Frau nicht nachvollziehen: „Wir wurden angegriffen und er hat uns verteidigt“, sagt sie.
Zu Kampfhandlungen, vor denen die Serben hätten verteidigt werden müssen, kam es in dem Städtchen aber gar nicht. Trotzdem wurde fast die gesamte nichtserbische Bevölkerung von dort vertrieben. Mladić selbst soll sich nach dem Bosnienkrieg zeitweise hier aufgehalten haben, als er einer der meistgesuchten Männer der Welt war.

Heute gehört Gacko zur Republika Srpska, einem Staat im Staate, der 49 Prozent des Territoriums Bosnien-Herzegowinas ausmacht. In weiten Teilen des Teilstaates gab es vor dem Bosnienkrieg keine serbische Bevölkerungsmehrheit. Sie entstand erst durch systematische Vertreibungen, Massaker und den Genozid von Srebrenica, für die Ratko Mladić nun schuldig gesprochen wurde.
Auch für den amtierenden Präsidenten des serbischen Teilstaates ist Ratko Mladić kein Kriegsverbrecher. Noch am Tag vor der Urteilsverkündung sagte Milorad Dodik im staatlichen Fernsehen: „Ratko Mladić hat professionell und patriotisch seine Pflicht getan. Für die Serben wird er eine Legende bleiben.“
Eine Fahrt durch die Republika Srpska ist eine Reise durch die Leugnung der schlimmsten Kriegsverbrechen auf europäischem Boden, seit Ende des zweiten Weltkriegs. In Banja Luka, der Hauptstadt des Parastaates, kann man für sieben Euro Mladić-T-Shirts kaufen. Sie hängen neben Shirts mit Putins Konterfei und serbischen Nazikollaborateuren. Was dort nicht hängt, ist die Flagge Bosnien-Herzegowinas.
Als Ratko Mladić im Juli 1995 in Srebrenica einmarschierte, sagte er: „Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk.“ Das hat er getan: Srebrenica gehört heute zur Republika Srpska. Obwohl Serben dort mit den Hinterbliebenen der Opfer zusammenleben, wollen die meisten nichts vom Genozid von Srebrenica wissen. Für viele bosnische Serben ist Mladić bis heute ein Held.
Der Völkermord und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit für die Ratko Mladić nun verurteilt wurde, werden das Zusammenleben von Bosniaken, Serben und Kroaten auf Jahrzehnte erschweren: Die Republika Srspka wird sich nicht in den bosnischen Gesamtstaat integrieren. Die meisten Vertriebenen werden nicht zurückkehren.
Mladić hat die meisten seiner politischen Ziele erreicht. Als Radovan Karadzic vom Kriegsverbrechertribunal verurteilt wurde, hat die Regierung der Republika Srpska ein Studentenwohnheim in Pale nach ihm benannt. Es sollte also niemanden überraschen, wenn die bosnischen Serben nun öffentliche Gebäude nach Ratko Mladić benennen.

Inhalt erstellt: 23.11.2017, zuletzt geändert: 30.01.2018