27.05.2010

Schulprojekt: „20 Jahre Wende - der Osten Europas und wir“

Neun Wochen lang haben sich 200 Schüler aus Bonn, Dortmund und Neuzelle mit dem Thema Osteuropa auseinandergesetzt.
Das von Renovabis und dem Team “Zirkel” aus Münster durchgeführte Projekt “20 Jahre Wende - Der Osten Europas und wir” dauerte von Anfang Oktober bis Ende November 2009. In diesem Zeitraum befassten sich die beteiligten Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13 anhand von Zeitungsanalysen und Passantenbefragungen mit der Wahrnehmung von Osteuropa. Parallel dazu wurden sie selbst als Autoren tätig und arbeiteten an einem “Osteuropa-Buch”, das Texte in allen journalistischen Schreib- und Stilformen, aber auch Kurzgeschichten und Gedichte, Fotos, Bilder, Collagen und Zeichnungen enthalten soll. Ziel des Projekts war es, einer erst nach der Wende geborenen Generation Umstände, Vorgeschichte und Folgen des Mauerfalls sowie einen vorurteilsfreien Blick auf den östlichen Teil des europäischen Kontinents zu vermitteln.

Update: Im Mai 2010 ist das Buch zum Schulprojekt erschienen.

Spannende Interviews und kleine Essays haben die Schülerinnen und Schüler verfasst, um aufzuarbeiten, was vor 20 Jahren eigentlich genau passiert ist und wie sich das Leben im “Ostblock” angefühlt hat und wie die verschiedenen Menschen die Wende erlebt haben. Gerd Felder (Hg.): Kinder der Wende. Ein Schulprojekt zu Osteuropa, Mauerfall und Wiedervereinigung im Auftrag von Renovabis
160 Seiten, mit Abbildungen, kartoniert, ISBN 978-3-402-12848-0, 12,80 EUR, www.aschendorff-buchverlag.de

Übersicht

Teilnehmer

insgesamt: 3 Schulen, 10 Klassen, ca. 200 Schüler, Klassenstufen: Klasse 8 bis 13, Beteiligte Fächer: Katholische und Evangelische Religion, Deutsch, Geschichte, Politik, Sozialwissenschaften, Kunst, Praktische Philosophie

Projektteam „Zirkel“

Das „Team Zirkel“ steht nicht nur für professionellen Journalismus in Theorie und Praxis, sondern auch für eine ebenso konsequente wie kompetente Spezialisierung auf kirchliche Themen.

Ihm gehören Journalisten, Pädagogen und freie studentische Mitarbeiter an. Im Jahr 2002 hat Gerd Felder als Chefredakteur mit dem DOM aus dem Erzbistum Paderborn die erste deutsche Kirchenzeitung überhaupt in die Schule gebracht. Dem erfolgreichen Anfangsprojekt folgten 2003 und 2005 zwei weitere. Aus diesen positiven Erfahrungen ist das selbständige „Team Zirkel“ entstanden, das 2005 ein vielbeachtetes Pilotprojekt mit der Wochenzeitung „Unsere Kirche“ und dem Söderblom-Gymnasium im ostwestfälischen Espelkamp, der größten evangelischen Schule im Bundesgebiet, durchführte. Im Herbst 2007 folgte ein sehr erfolgreiches Pilotprojekt zum Thema „Sterben und Tod“ mit dem Johannes-Hospiz Münster und sieben Schulen (über 300 Schüler) aus Münster und Wilhelmshaven. Daraus entstand das 2008 im Dialogverlag Münster veröffentlichte Buch „Zwischen Ende und Anfang“. In diesem Jahr schloss sich das Projekt „Abschied und Ankommen“ mit dem Hospiz „Haus Hannah“ in Emsdetten und 12 Schulen (600 Schülern) aus dem Kreis Steinfurt an. Das gleichnamige Buch steht kurz vor der Veröffentlichung im Aschendorff Verlag Münster.

Projektleiter

Gerd Felder, Dipl.theol., Jahrgang 1957, arbeitet seit 2004 als Freier Journalist und Publizist in Münster (Westfalen). Zuvor war er Chefredakteur der katholischen Kirchenzeitung „Der Dom“ in Paderborn. Felder hat Katholische Theologie und Klassische Philologie in Bonn und Tübingen studiert. Er schreibt Artikel zu den Themen Kirche, Theologie, Kultur und Soziales für Zeitungen und Zeitschriften im ganzen deutschsprachigen Raum, berät Verlage, Verbände und Hilfswerke bei der Neukonzeption von Zeitungen und Broschüren und betreut Schulprojekte wie „20 Jahre Wende“.

Pressekonferenz - Start des Pilotprojektes

„Noch kein anderes katholisches Hilfswerk in Deutschland hat bisher ein vergleichbares Projekt in Angriff genommen“, betonte Gerd Felder vom „Team Zirkel“ aus Münster, der das Projekt leitet. „Das ist ein Experiment, aber wir gehen fest davon aus, dass es gelingen wird.“ An dem fächerübergreifenden Pilotprojekt nehmen insgesamt zehn Klassen der Theodor-Heuss-Realschule, der Liebfrauenschule in Bonn und des Gymnasiums im Stift Neuzelle (Brandenburg) teil.

Wie Projektleiter Felder ausführte, sei das Thema Osteuropa mit vielen Vorurteilen und Klischees belastet - ganz nach dem Motto: „Die sind alle arm, klauen Autos, nehmen uns die Arbeitsplätze weg und betreiben Lohndumping.“ Die Äußerungen von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zu Rumänien, die erheblichen Wirbel in der Öffentlichkeit verursacht hätten, seien da das beste Beispiel, so der ehemalige Chefredakteur der Paderborner Kirchenzeitung „Der Dom“. Dagegen würden die teilnehmenden Klassen unbefangen an das Thema Osteuropa herangehen und es in den kommenden Wochen zu ihrem machen. „Unser Ziel ist, dass das Bild der Schüler und der Öffentlichkeit im Allgemeinen von Osteuropa sich in den nächsten Wochen wandeln soll“, beschrieb der Journalist und Theologe die Ziele des Projekts.

Felder umriss in kurzen Zügen den weiteren Ablauf: Bis Ende November bekommen die Schüler der Klassen 8 bis 13 verschiedene Zeitungen, um sie auf ihre Berichterstattung über den Themenbereich Osteuropa hin durchzuarbeiten: Die Dortmunder Schüler erhalten die evangelische Kirchenzeitung „Unsere Kirche“, die Klassen aus Bonn und Neuzelle die Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“. Parallel dazu werden sie selbst als Autoren tätig und erstellen ein „Osteuropa-Buch“, das Texte in allen journalistischen Schreib- und Stilformen, aber auch Kurzgeschichten und Gedichte, Fotos, Bilder, Collagen und Zeichnungen enthalten soll. Jede Klasse, die teilnimmt, wird einmal vom „Team Zirkel“ und einmal von Renovabis besucht. Durch diese Klassenbesuche, ausführliches Begleitmaterial und ständigen Austausch werden die Lehrer und Schüler intensiv begleitet. Aktionen, die das Projekt in der Öffentlichkeit bekannt machen, wie Straßenbefragungen in den Innenstädten von Dortmund und Bonn, bilden eine wichtige Ergänzung.

„Bei den Themen sind der Phantasie der Schüler keine Grenzen gesetzt“, unterstrich Felder. „In Frage kommt alles, was in irgendeiner Weise mit der politischen Wende vor 20 Jahren und Osteuropa zu tun hat.“ So können die Schüler ihre eigenen Verwandten, Freunde, Mitschüler und Bekannten befragen, Prominente und weniger Prominente interviewen und Einrichtungen wie polnische und kroatische katholische Missionen, orthodoxe Gemeinden oder die Vertriebenenverbände besuchen. Darüber hinaus befassen sie sich mit dem Leben von jungen und alten Menschen, Musik, Literatur, Kunst, Film und Sport in Osteuropa sowie mit der Ökumene oder dem Menschenhandel. Renovabis-Referent Jürgen Schreiber fügte hinzu, man wolle mit dem Projekt einen vorurteilsfreien Blick auf den östlichen Teil des Kontinents und die Menschen dort ermöglichen. Damit verbunden sei die Chance, Renovabis bei der Jugend bekannter zu machen.

Ausgesprochen erfreut über das Projekt zeigten sich die beteiligten Lehrer und Schüler der Theodor-Heuss-Realschule. „Wir sind eine internationale Schule und haben viele Schüler aus dem Osten Europas“, erklärte Rektor Michael Boine. „Es ist gut, dass durch dieses Projekt einmal ein Teil Europas in den Blick kommt, der sonst nicht so im Rampenlicht steht. Unsere Schule öffnet sich dafür ganz bewusst.“ Die beiden Lehrerinnen Barbara Werres und Irene Kobsa-Liebegut ergänzten, das Projekt biete die Möglichkeit, die neuere Geschichte erlebbarer und bewusster zu machen. Ihre Kollegin Claudia Knuth betonte, sie betrachte sich selbst als Zeitzeugin und sei an der Wende stark interessiert. „Es ist erstaunlich, wie weit das für viele junge Leute schon weg ist. Da ist es ganz wichtig, die aktuelle Geschichte mit ihren Auswirkungen aufzuarbeiten.“ Auch die anwesenden Schülerinnen und Schüler zeigten sich begeistert: „Ich möchte gerne mehr über meine Vorfahren und meine Wurzeln erfahren“, sagte die ungarn-stämmige Yasmin Kyss stellvertretend für viele. (Gerd Felder)

Straßenbefragungen

Die Mauer wieder hochziehen?

Passantenbefragung in Dortmund

Die Dortmunder sind gespalten, wenn es um die Einschätzung der Wende vor 20 Jahren geht. Das ist das Ergebnis der Straßenumfrage der Klassen 8b und 8d der Theodor-Heuss-Realschule (Dortmund-Eving) in der Dortmunder Innenstadt. Von etwa 200 Befragten hielt eine knappe Mehrheit den Mauerfall für positiv, erfreulich und einen großen Event. Viele sagten aber auch, man solle die Mauer wieder hochziehen und die politische Entwicklung nach der Wende sei unglücklich verlaufen. Alle bis auf zwei Ausnahmen hatten am 9. November 1989 von der Wende durch Fernsehen oder Radio erfahren.
Auf die Frage, was den Passanten spontan zu Osteuropa einfällt, äußerten viele die üblichen Klischees: Kälte, Armut, Kriminalität, viel Kommunismus oder: “Die nehmen uns die Arbeit beziehungsweise Geld weg”. Einige wenige meinten aber auch, dass die Osteuropäer mehr Reformen gewagt hätten als die westeuropäischen Länder und deshalb wirtschaftlich weiter seien als diese. Deshalb sei es wichtig, in engeren Kontakt zu ihnen zu kommen. Ein Rumäne an einem Würstchenstand ergänzte, in seinem Heimatland sei eigentlich alles da, was man zum Leben brauche. Die Politik verstehe aber nicht richtig damit umzugehen. Etwa zehn Personen kannten das katholische Hilfswerk Renovabis, das sich seit 1993 für die Menschen in Mittel- und Osteuropa engagiert; alle anderen hatten noch nie etwas davon gehört.

Die Umfrage zeigt: Über die Wende und Osteuropa kursieren nach wie vor sehr viele Vorurteile und Klischees,

zog Projektleiter Gerd Felder vom Team Zirkel ein erstes Fazit.

Osteuropa sei einfach nicht cool, hip oder in. “Um so wichtiger ist es, dass wir die Schüler und damit auch die Öffentlichkeit ein bisschen sensibler für das Thema machen.” Gerade die Schüler mit osteuropäischen Wurzeln, von denen es auf der Theodor-Heuss-Realschule viele gebe, seien mit großem Einsatz und Interesse bei dem Projekt dabei. Es bereite ihnen große Freude, ihrer eigenen Familiengeschichte nachzugehen und ihre Wurzeln neu zu entdecken, so Felder. Die Umfrage gab ihm recht, denn die 44 Schülerinnen und Schüler, die daran teilnahmen, legten viel Neugierde und einen wahren Feuereifer an den Tag und stellten trotz teilweise starken Regens unermüdlich ihre Fragen.

“Der Mauerfall war ein großes Geschenk”

Passantenbefragung in Bonn

Es ist kalt und nass an diesem Nachmittag des 9. November in Bonn. An den Marktständen zeigt sich kaum ein Kunde, nur wenige Passanten hasten, unter ihre Schirme geduckt, durch die Fußgängerzone. Der Marktplatz wirkt wie leergefegt, bleiern hängt der dunkle Novemberhimmel über dem Rathaus. Es ist ein historischer Tag, - und in der ehemaligen Bundeshauptstadt merkt man (fast) nichts davon. Auf den Tag genau treffen sich 14 Schülerinnen der Klasse 9a der Liebfrauenschule unter Leitung von Lehrer Konrad Müller mit Projektleiter Gerd Felder und Inga Reuter vom Team “Zirkel” aus Münster zu einer Straßenumfrage in der Bonner Innenstadt. Doch von Feier- oder Jubelstimmung keine Spur. Offenbar sieht man sich hier als Verlierer des Mauerfalls.

“Wir haben uns bewusst für dieses besondere Datum und Bonn entschieden und sind gespannt auf die Stimmung in der damaligen Bundeshauptstadt”, betont Felder. “Die Mauern in den Köpfen beseitigen - das ist das Ziel unseres Projekts.”

Felder verteilt gerade die Zettel mit den Fragen an die Schülerinnen, als zufällig der erste Passant vorbeikommt und das Rathaus betreten will: Trotz Termindrucks stellt Stadtdirektor Dr. Volker Kregel sich spontan den Fragen der Schülerinnen und bezeichnet den Mauerfall als “großes Geschenk an die Deutschen”. Das Ereignis selbst hat er damals am Fernsehen verfolgt, allerdings nicht in Bonn, sondern im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet bei Göttingen. “Ich bin ja ein halber Ossi”, meint er schmunzelnd. Der bisherige Bürgermeister und jetzige Stadtälteste Ulrich Hauschild (FDP), der gerade das Rathaus mit seinem Hund verlässt, stimmt ihm zu: “Der Mauerfall war ein Segen für Deutschland.”

Nach diesem ersten Umfrage-Erfolg machen sechs Gruppen sich auf und verteilen sich durch die Innenstadt, gehen bis zum Münster- und zum Friedensplatz, streifen durch die Fußgängerzone und suchen einzelne Geschäfte auf. Wegen des schlechten Wetters ist es allerdings schwierig, die Passanten zu befragen. Letztlich sind es etwa 150 Personen, die angesprochen werden, aber nur etwa 80, die antworten. Die Tendenz aber ist eindeutig: Fast alle bis auf wenige Ausnahmen haben den Mauerfall zu Hause am Fernseher erlebt, und die weitaus meisten bewerten ihn im Nachhinein als positiv und großes Glück. Doch besonders auf dem Markt gibt es auch ein paar kritische Stimmen: “Ich sage Ihnen besser nicht, was ich darüber denke”, meint eine ältere Frau im Vorbeilaufen. Und eine andere fügt zornig-polemisch hinzu: “Das hat uns viel Geld gekostet, und die drüben haben wenig damit gemacht. Im Osten sieht es noch genauso aus wie vor 20 Jahren.” Insgesamt aber ist die Einstellung zur Wende in Bonn deutlich positiver als bei der Straßenbefragung wenige Tage zuvor in Dortmund, wo noch fast die Hälfte der Passanten die Ansicht vertrat, man solle die Mauer besser wieder hochziehen. In der Bundesstadt sind solche Stimmen nur ganz vereinzelt zu hören. Dagegen bedauert ziemlich genau die Hälfte, dass Bonn nicht mehr Bundeshauptstadt ist. “Ja, das bedauere ich sehr”, reagieren viele spontan und aus voller Überzeugung auf diese Frage. “Die Verlegung nach Berlin hat uns viel Geld gekostet, und Bonn wird jetzt zu einem Dorf.” Erstaunlich ist, wie wenig den meisten, ob jung oder alt, auf Anhieb zu Osteuropa einfällt. Auf intensives Nachfragen sind es dann Klischees wie Armut, Kriminalität, soziale Ungerechtigkeit, Bedürftigkeit, Kommunismus und Kalter Krieg, mit denen die meisten die Länder des früheren Ostblocks in Verbindung bringen. Viele assoziieren aber damit auch billige und interessante Urlaubsziele und phantastische Landschaften, eine neue und ganz andere Welt, die sie für sich entdeckt haben.
Es ist 15.30 Uhr. Der Regen ist inzwischen immer stärker geworden; nach und nach kommen alle Gruppen wieder am Rathaus zusammen. Katharina Langen, Rebecca Komp und Carolin Barfuß, die sich wie alle ihre Mitschülerinnen mit Hartnäckigkeit und Eifer engagiert und die Passanten mit Charme über Renovabis informiert haben, sind zufrieden: “Trotz des schlechten Wetters hat es uns großen Spaß gemacht.” (Gerd Felder)

Abschlussfeier

“Lasst uns die letzten Mauern in den Köpfen niederreißen”

In dem kleinen Grenzort Neuzelle an der deutsch-polnischen Grenze ging das bundesweite Pilotprojekt von Renovabis am 25. November 2009 mit einer Botschaft der Versöhnung nach Polen zu Ende. Nachdem alle Projektteilnehmer sich vor der imposanten barocken Klosterkirche hinter einem Transparent mit der Aufschrift „Wir sind ein Volk“ versammelt hatten, stiegen 200 Renovabis-Ballons mit Friedenstauben-Anhängern in den stahlblauen Himmel. Bereits am Abend zuvor waren die Klassen aus Bonn und Dortmund mit einem Bus in dem stimmungsvollen brandenburgischen Dorf eingetroffen, um zwei Tage lang eine Ost-West-Begegnung der besonderen Art zu feiern. In drei Gruppen bereiteten sie sich auf die Abschlussfeier vor, malten an einem Transparent, probten ein kurzes Theaterstück und übten das Vortragen der Texte ein. Am anderen Morgen präparierten sie unter Anleitung von Gabriele Felder (Team Zirkel) und Renovabis-Öffentlichkeitsreferent Jürgen-August Schreiber gemeinsam die Ballons für die Abschlussfeier.

Mehrere gehen auf die hohe, graue Mauer zu und werden abgewiesen. Einer versucht über die Mauer zu springen und zu fliehen und wird verhaftet, ein anderer erschossen. Eine junge Frau schreit ihren Protest heraus; daraufhin wird ihr der Mund zugeklebt. Doch dann fällt die Mauer, und alle von hüben und drüben liegen sich in den Armen. 20 Jahre später aber gibt es noch Mauerreste, und die Umarmung fällt allen wesentlich schwerer. Die Pantomime rund um den Mauerfall, aufgeführt von der Klasse 8b der Theodor-Heuss-Realschule Dortmund unter Leitung der Lehrerin Barbara Werres, war einer der Höhepunkte der Abschlussfeier des Projekts „20 Jahre Wende - Der Osten Europa und wir“ im brandenburgischen Neuzelle.

Zu Beginn der Abschlussveranstaltung hießen Schulleiter Kaspar Kaiser (Gymnasium im Stift Neuzelle) und Ortsbürgermeister Dietmar Bäsler die von weither angereisten Gäste willkommen. In einem Grußwort lobte Dr. Wolfram Meyer zu Uptrup vom Bildungsministerium des Landes Brandenburg die beteiligten Schüler: “Sie konnten bei diesem Projekt sehen, wie sehr die Entwicklung in Deutschland von der Entwicklung in Osteuropa abhängig war. Ihr Engagement bei diesem Projekt ist anderen Jugendlichen im Land Brandenburg ein Vorbild.”

In seinem Rückblick hob Projektleiter Gerd Felder (Team Zirkel, Münster) hervor, dass sich noch nie ein katholisches Hilfswerk an ein Schulprojekt von dieser Art und Größe herangewagt habe. Die teilnehmenden Schulen - bischöfliche Liebfrauenschule Bonn, Theodor-Heuss-Realschule Dortmund und Gymnasium im Stift Neuzelle - hätten sich als „ungewöhnliche, von reizvollen Gegensätzen lebende, aber sich gegenseitig auch sehr bereichernde und befruchtende Komination“ herausgestellt, so Felder. Das Ziel des Projekts, den Mann und die Frau auf der Straße und insbesondere die Jugend mit Renovabis und Osteuropa in Berührung zu bringen, sei erreicht worden. Vor dem Projekt hätten die meisten Schüler wenig oder gar nichts über das Osteuropa-Hilfswerk gewusst, was sich aber durch die Klassenbesuche und die gemeinsamen Aktionen schlagartig geändert habe. Durch die Impulse von “Zirkel” hätten die Schüler sich auf erstaunliche Weise dazu motivieren lassen, ihre familiären Wurzeln wiederzuentdecken und eigene Familie und Freunde zu befragen. Felder bekannte, er hätte nie gedacht, dass das Projekt „20 Jahre Wende“ eine solche Dimension angenommen hätte, lobte Kloster und Schule als “schönsten, symbolträchtigsten und stimmungsvollsten Ort” für eine solche Feier und dankte dem Gymnasium im Stift Neuzelle für die Gastfreundschaft. Der Journalist bekannte aber auch, ihm als “eingefleischtem Wessi” aus Aachen, der westlichsten Großstadt Deutschlands, sei deutlich geworden, wie kleingeistig und erbsenzählerisch so manche Kritik an der Entwicklung nach der Wende sei.

Alle unverbesserlichen Jammerossis und Besserwessis sollten sich vielleicht öfter die einzigartig emotionalen Bilder der Gemeinsamkeit von vor 20 Jahren ins Gedächtnis rufen,” mahnte Felder. “Wir alle sind ein Projekt, eine Gemeinschaft, ein Volk. Deshalb lasst uns die letzten Mauern in den Köpfen niederreißen!”

In mehreren Textblöcken stellten die Schüler der drei teilnehmenden Schulen anschließend ihre bewegenden, von tiefer Anteilnahme geprägten Texte vor. Unter die Haut ging dabei besonders “Als Kind in der Ukraine”, Tanja Rosners (Klasse 8b, Theodor-Heuss-Realschule Dortmund) fiktive Geschichte eines Mädchens, das in Tschernobyl verstrahlt worden ist und in Deutschland Aufnahme findet. Mehrere Artikel beleuchteten das Leben in Polen vor und nach der Wende und informierten über Ziele und Arbeit von Renovabis. Weitere Texte setzten sich in eindringlicher Form mit dem Leben im Osten Deutschlands vor und nach der Wende auseinander und legten dabei einen ausgesprochen kritischen Blick auf die DDR an den Tag. Wohl niemanden in der Aula ließ in diesem Zusammenhang die Geschichte von Silke Schneider und Laura Selmert kalt, in der die marxistisch-leninistische Vergangenheit der Schule in Neuzelle, einst “Institut für Lehrerfortbildung”, ungeschönt beschrieben wurde. Klar wurde aber auch: Bis zur vollen inneren Einheit Deutschlands ist noch ein Stück Wegs zurückzulegen, dauert es vielleicht sogar noch einmal 20 Jahre. Hoffnung machte da der symbolträchtige, von eigenen aufwühlenden Erfahrungen geprägte Erlebnisbericht von Sebastian Dambeck (Klasse 13e, Neuzelle), der sich als im westfälischen Bad Driburg geborener “Wossi” und “Kind der Wende” outete.

Was bleibt?

Renovabis-Öffentlichkeitsreferent Jürgen-August Schreiber und die beiden Schulleiter Sven Budach (Oberschule im Stift Neuzelle) und Michael Boine (Theodor-Heuss-Realschule Dortmund) bekannten am Ende in einer Gesprächsrunde, bei aller Arbeit habe das Projekt ihnen auch viel Spaß gemacht - ein Eindruck, den die Schüler bestätigten. Das Schlusswort aber blieb der Kolumbianerin Natalja Ibanez Hernandez (Liebfrauenschule Bonn) vorbehalten, die auf die Frage, ob sie durch das Projekt mehr über Osteuropa gelernt habe und bereichert worden sei, spontan antwortete: “Auf jeden Fall!” (Gerd Felder)

Bildergalerien

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Passantenbefragungen in Bonn und Dortmund

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Abschlussfeier in Neuzelle

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  • Fotos bis 25.11.2009, Abschlussfeier 099
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Inhalt erstellt: 27. Mai 2010, zuletzt geändert: 08. Juni 2016