Dzemil Gembicki kam vor elf Jahren nach Kruszyniany. Seitdem kümmert er sich um die Moschee und die Tradition seiner tatarischen Vorfahren.
Dzemil Gembicki kam vor elf Jahren nach Kruszyniany. Seitdem kümmert er sich um die Moschee und die Tradition seiner tatarischen Vorfahren.
Foto: Adam Lach
15.11.2018 – Polen

Muslimisch, stolz, polnisch

Seit 2015 verweigert die polnische Regierung konsequent die Aufnahme von Flüchtlingen. Politiker der nationalkonservativen Partei PiS hetzen offen gegen Muslime. Die Minderheit der Tataren scheint das nicht zu treffen. Im Gegenteil: Auf dem Land im Osten erlebt ihre Kultur gerade eine kleine Blüte.

Ein Bericht von n-ost-Korrespondent Philipp Fritz, Warschau

Kruszyniany (n-ost) – Es gibt sicher nicht viele Elektrotechniker, die sich hauptberuflich um ein Gotteshaus kümmern. Einer von ihnen ist Dzemil Gembicki. Sein Arbeitsplatz ist die Moschee von 1795 in dem Ort Kruszyniany weit im Osten Polens, fünf Kilometer entfernt von der Grenze zu Belarus. Er heizt, lüftet durch, macht sauber und führt Gäste hinein in den hölzernen, grün angestrichenen Sakralbau, der auf den ersten Blick stark an eine Kirche erinnert, wären da nicht die Halbmonde auf den Türmen. „Wir sind eben Polen und haben deswegen nach polnischer Art gebaut“, erklärt er, als er sich in dem kleinen Vorraum die Schuhe auszieht.

Der 44-jährige Gembicki ist ein polnischer Tatare oder tatarischer Pole – die Reihenfolge ist egal, wichtig ist: Er ist muslimisch. Er gehört damit im überwiegend katholischen Polen zu einer kleinen, aber historisch und kulturell für das Land bedeutenden Minderheit. Schätzungen zufolge leben 20.000 Muslime in Polen. Die meisten von ihnen kamen in den 1990er-Jahren: Türkische Geschäftsleute, arabische Botschaftsangehörige, Studenten, einige syrische Flüchtlinge und zuletzt auch Muslime aus Indien: sie leben überwiegend in den Ballungszentren, etwa in Warschau, Danzig oder Krakau.

Und dann sind da eben jene 5.000 Lipka-Tataren. „Lipka“: das heißt „Litauen“ auf Krimtatarisch. Ihre Vorfahren wanderten bereits Anfang des 14. Jahrhunderts ins Großfürstentum Litauen ein, also auch in das Gebiet, das heute Ostpolen ist. König Johann III. Sobieski schenkte ihnen Land, nachdem sie ihm als Kämpfer während der Schlacht am Kahlenberg 1683, die die türkische Belagerung Wiens beendete, und bis hin zum Frieden von Karlowitz 1699 die Treue gehalten hatten. Spätestens seitdem galten die seit jeher im Militärischen bewanderten Tataren den Polen gegenüber als besonders loyal. Zu ihren kulturellen Zentren wurden Ortschaften wie Luzany oder eben Kruszyniany, wo Gembicki gerade seine Moschee aufgeschlossen hat.

Polen und Muslime: Im Moment zumindest scheint da was nicht zu passen. Die 2015 gewählte nationalkonservative Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) widersetzt sich bis heute vehement dem Vorschlag, Flüchtlinge im Rahmen eines europäischen Verteilungssystems aufzunehmen. Den Migrationspakt wird sie wahrscheinlich nicht unterschreiben. Im Staatsfernsehen wird unverhohlen gegen Muslime gehetzt. Die Tataren aber genießen weitgehend Respekt als patriotische Polen. Wie sehen sie das? Und wie leben sie in ihrer Stammregion, fernab der großen Städte?

Acht tatarische Familien, insgesamt 150 Menschen, aber auch katholische und orthodoxe Christen, sind in Kruszyniany heute ansässig. Allerdings nicht das ganze Jahr über. In den kalten Monaten sind es weniger; einige Familien fahren dann zu Verwandten in die Städte, wo es wärmer und nicht so einsam ist. Eine Hauptstraße führt durch Kruszyniany, links und rechts stehen Holzhäuser. Im November brennt am Nachmittag, wenn sich die Dunkelheit langsam über den Ort legt, kaum ein Licht. Bei Dzemil Gembicki schon. Mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt er das ganze Jahr über hier. Sie ist katholisch, die Kinder je katholisch und muslimisch. „Damit alles auch gerecht zugeht“, sagt Gembicki und lacht. Der hochgewachsene Mann mit dem altbacken gescheitelten Haar und dem freundlichen Gesicht ist in Bialystok geboren und aufgewachsen, in der nächsten Großstadt, 50 Kilometer von Kruszyniany entfernt. Viele Tataren leben dort, vor allem sind sie aber über kleine Dörfer überall im Land verstreut. Weil es nur wenige junge Leute in den kleinen, abgeschiedenen Dörfern tief im Osten hält, ist die Abwanderung ein großes Problem für die Gemeinden geworden, die versuchen ihr Brauchtum und ihre Kultur zu erhalten.

Gembicki hat es anders gemacht. „Ich bin vor elf Jahren in unser Mekka zurückgekehrt.“ So nennt er Kruszyniany, wo schon seine Mutter geboren wurde. Der Vergleich hinkt nicht. Tatsächlich haben viele Tataren eine intensive Beziehung zu der Region und kommen regelmäßig hierhin zurück, nicht zuletzt, um ihre Ahnen zu besuchen; hinter der Moschee in einem Waldstück befindet sich der tatarische Friedhof. Einige Grabsteine sind über 300 Jahre alt. Ihre Inschriften sind auf Arabisch und Polnisch, manchmal sind kyrillische Gravuren zu sehen. Eine ältere Dame putzt gerade das Grab ihres Mannes. Sie scheint die einzige Besucherin zu sein. „Hier werde ich auch bald liegen“, sagt sie und lächelt. Festen Schrittes geht sie einmal um das Grab herum, wringt einen Lappen über einem Eimer aus. Gleich will sie los, zurück nach Bialystok. Der Bus fahre ja nur zweimal am Tag.

Ohne Dzenetta Bogdanowicz wäre Kruszyniany nicht das, was es heute ist.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Adam Lach</small>
Ohne Dzenetta Bogdanowicz wäre Kruszyniany nicht das, was es heute ist.
Foto: Adam Lach
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Dzemil Gembicki, der Hüter der Moschee, in Kruszyniany mit seiner Familie.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Adam Lach</small>
Dzemil Gembicki, der Hüter der Moschee, in Kruszyniany mit seiner Familie.
Foto: Adam Lach
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Der Koran- das Heilige Buch des Islam<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Adam Lach</small>
Der Koran- das Heilige Buch des Islam
Foto: Adam Lach
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Dzemil Gembicki genießt die friedliche Atmosphäre seiner Moschee.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Adam Lach</small>
Dzemil Gembicki genießt die friedliche Atmosphäre seiner Moschee.
Foto: Adam Lach
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Gebetet wird auf Arabisch – aber kaum jemand spricht es

Von dort kommt auch der Imam an den hohen Feiertagen nach Kruszyniany. Die Gemeinde ist zu klein, als dass jeden Freitag ein Gottesdienst in der Moschee stattfinden könnte. Wenn jemand einfach so mal rein möchte, dann schließt Gembicki gerne auf. Er führt durch den kleinen Raum. Der Boden ist, wie für eine Moschee üblich, mit Teppichen ausgelegt, an den Wänden hängen Bilder mit arabischen Schriftzügen. „Gebetet wird auf Arabisch“, erzählt Gembicki. „Aber kaum jemand von uns spricht es.“ Hinten ist der Raum getrennt, dort können die Frauen beten. Obwohl es nur wenige Fenster gibt, ist die Moschee lichtdurchflutet, einladend, warm.

Und hat sich die Stimmung gegenüber den Tataren geändert, seitdem die PiS regiert? „So ein Unfug“, sagt Gembicki und drückt dann, wie es polnische Männer gerne tun, wenn sie schnell sprechen, diesen hohen, länglichen Ton raus, bevor er wieder in seine normale Lage wechselt. „Hmm. Wir sind von so was nicht betroffen, wir sind akzeptiert und werden wertgeschätzt.“ Es klingt so, als würde er nicht zum ersten Mal auf jene Frage antworten. „Und überhaupt sind wir unpolitisch.“ Etwas fällt ihm dann aber doch dazu ein: „Natürlich hat sich das Bild von Muslimen in Europa verändert, seit es Terror gibt und Flüchtlinge herkommen. Aber dafür ist nicht unsere Regierung verantwortlich.“

2014 wurden Moschee und Grabsteine in Kruszyniany beschmiert

Einen Vorfall gab es aber trotzdem. 2014 wurden die Moschee und mehrere Grabsteine in Kruszyniany mit Farbe besprüht. An den Türen und Wänden waren Kreuze, Wellen und das Symbol des Warschauer Aufstands zu sehen. Die Polizei nahm sofort Ermittlungen auf, auch überregionale Medien berichteten. „Ja“, sagt Gembicki und dann beinahe schon als wäre es eine Nebensache: „Das war schrecklich. Aber der Schaden war schnell behoben.“

Er habe sich übrigens auch in Bialystok nie diskriminiert gefühlt, als Kind nicht, als er der einzige Tatare auf der Schule war und auch später als Erwachsener nicht.

Das Schicksal habe es dann so gewollt, sagt Gembicki, dass er in Kruszyniany gelandet sei. Eigentlich hatte der ausgebildete Elektrotechniker vor, zum Arbeiten nach England gehen. Aber dann kam er - frisch verliebt - mit seiner Freundin zu Besuch in den Ort. Dzenneta Bogdanowicz bot ihm an, sich um die Moschee zu kümmern und er sagte sich: „So eine Fernbeziehung macht sowieso keinen Sinn.“

Bogdanowicz ist so etwas wie die gute Seele des Ortes und maßgeblich dafür verantwortlich, dass Kruszyniany in den Sommermonaten anders aussieht, als zur kalten Jahreszeit. Dann nämlich kommen die Touristen, nicht nur Tataren. Sie besuchen die Moschee, den Friedhof, steigen in den Pensionen ab – und essen typisch tatarische Gerichte – viel Fleisch, viel Teig – bei Familie Bogdanowicz in ihrer „Tatarischen Jurte“, Wohnhaus, Restaurant und Gästeunterkunft zugleich. Zumindest war das so, bis das Gebäude im Mai dieses Jahres abbrannte.

Der Prince of Wales war auch schon da

Bogdanowicz sitzt auf der Terrasse des Gemeindezentrums. Hier ist sie mit ihrem Mann Miroslaw untergekommen. Trotz immensen Schadens, den das Feuer anrichtete, hat die kleine Frau mit den kurzen blonden Haaren unentwegt ein Lächeln im Gesicht: „Es war ein Schock“, erzählt sie, „aber dann war es umso schöner, zu sehen, wie wir alle zusammenrücken.“ Sie meint ihre Familie, aber auch Gäste, die ihr mit Spenden helfen. Jetzt wird das Haus wieder aufgebaut, die Grube ist schon ausgehoben, von der Terrasse aus kann man zu sehen, wie gehämmert und geschleppt wird. Das Feuer wurde durch einen Kurzschluss verursacht. Das Holzhaus brannte vollständig nieder, zu Schaden kam niemand.

Dass es nun so schnell geht, liegt auch an der finanziellen Unterstützung eines besonderen Freundes: Prinz Charles, Prince of Wales und Duke of Cornwall, setzt sich für einen raschen Wiederaufbau der „Tatarischen Jurte“ ein. Warum ausgerechnet er? 2010 besuchte Prinz Charles die Moschee in Kruszyniany und ließ sich von Familie Bogdanowicz bewirten. Vergessen hat er das offenbar nicht.

Damals wurde der kleine Ort so schlagartig im ganzen Land bekannt, dass viele Polen zum ersten Mal überhaupt die tatarische Gemeinde wahrnahmen. Mehr und mehr Einheimische fingen an, ihre tatarische Identität zu kultivieren – manchmal sogar diejenigen, die gar keine Tataren sind. Aus „Respekt“, erzählt eine ältere Dame aus Bialystok, deren Sohn vor zehn Jahren ein kleines Haus in Kruszyniany einer tatarischen Familie abgekauft hat. Sie selbst kocht dort nun für ihre Gäste. Vor dem Kamin hängen noch die Familienfotos der Vorbesitzer. „Die Familie wohnt noch in der Gegend“, sagt die Frau. So wie die anderen auch – seit Jahrhunderten schon.

Dieser Text wurde vom internationalen Journalistennetzwerk n-ost produziert und vom Osteuropa Hilfswerk Renovabis gefördert.

Fotos von Adam Lach

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Inhalt erstellt: 15.11.2018, zuletzt geändert: 09.07.2019