Selma Puzic (30) an einer Bushaltestelle in Tuzla.
Selma Puzic (30) macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, um in Deutschland arbeiten zu können.
Foto: Jasmin Brutus / n-ost
08.11.2017 – n-ost Reportage

„Hier kann man nur überleben, nicht leben“

Viele Bosnier verlassen ihre Heimat um im deutschen Gesundheitssektor zu arbeiten. Als Ärzte, Kranken- oder Altenpfleger. Deutschland profitiert von den gut ausgebildeten Arbeitskräften, in Bosnien-Herzegowina droht die Gesundheitsversorgung zu kollabieren.

Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Krsto Lazarević, Sarajevo/Tuzla

Sarajevo/Tuzla (n-ost) – Arnesa Mašić blickt optimistisch in die Zukunft. An einem sonnigen Herbstmorgen steht die 26-Jährige in der Warteschlange vor den hohen weißen Gittern des Eingangs zur deutschen Botschaft in Sarajevo. Mašić lächelt ihre Unsicherheit weg. In ihren Händen hält sie eine rote Mappe mit einem dicken Stapel Papier. Arbeitserlaubnis, Sprachzertifikat des Goethe-Instituts, Ausweispapiere und ihr Visumsantrag. Alle Dokumente in zweifacher Kopie. Sie tippt nervös auf dem Ordner herum. Seit fünf Monaten versucht sie bereits ein Arbeitsvisum zu bekommen. Ihre Gedanken kreisen um die Hoffnung, dass es nun endlich klappt. Mašić ist Ärztin und will bald in einem bayerischen Klinikum arbeiten.

Selma Puzic (30) in Tuzla. Sie hat Jura studiert, findet aber keine ihrer Profession entsprechende Arbeit. Gerade macht sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, um in Deutschland arbeiten zu können.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Jasmin Brutus / n-ost</small>
Selma Puzic (30) in Tuzla. Sie hat Jura studiert, findet aber keine ihrer Profession entsprechende Arbeit. Gerade macht sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, um in Deutschland arbeiten zu können.
Foto: Jasmin Brutus / n-ost

Sie sagt: „Ich hatte den gesamten Abend ein Flattern im Bauch. Hoffentlich fehlen keine Unterlagen. Hoffentlich klappt alles.“ Für den Termin bei der Botschaft musste sie knapp drei Stunden aus der ostbosnischen Stadt Tuzla nach Sarajevo fahren. Ein Beamter öffnet um Punkt 8 Uhr das Tor. In der Schlange stehen rund 20 Menschen. Die meisten wollen ein Arbeitsvisum. Die deutsche Botschaft ist mit den vielen Anfragen überfordert. Oft muss man Monate auf einen Termin warten.

Nach einer Stunde kommt Mašić wieder aus der Botschaft heraus. Es fehlt ein wichtiges Dokument. Der Bescheid über ihr zukünftiges Gehalt in Deutschland. Die Klinik soll es per E-Mail nachreichen. Mašić wirkt nervös. „Ich hoffe es klappt alles und ich kann in zwei Wochen in Deutschland sein. Die Klinik wartet schon lange auf mich.“ Sie ruft ihre Mutter an. „Das wird schon in ein paar Tagen erledigt sein“, sagt sie in den Hörer, während sie ihre linke Augenbraue nach oben zieht und wegen des fehlenden Dokuments genervt dreinblickt. Was sagen ihre Eltern dazu, dass sie ihre Heimat verlässt? „Meine Eltern freuen sich, weil sie wissen, dass ich hier wirklich keine Zukunft habe.“ In einem fast entschuldigenden Ton sagt sie: „Ich habe sechs Jahre lang studiert und kann hier einfach keine angemessene Arbeit finden. Deswegen freuen wir uns alle, dass ich bald endlich in Deutschland anfangen kann.“

Die Arbeitslosenquote in Bosnien-Herzegowina liegt offiziell bei rund 40 Prozent. Die zweithöchste in Europa. Auch die Demografie macht dem Land zu schaffen. „No Man’s Land“ heißt der oscarprämierte Film des bosnischen Regisseurs Danis Tanović. Heute wäre „Old Man’s Land“ treffender. Vor dem Krieg 1992 hatte Bosnien-Herzegowina 4,5 Millionen Einwohner, heute sind es 3,5 Millionen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass Bosnien-Herzegowina im Jahr 2050 nur noch 3 Millionen Einwohner haben wird. Auswanderung und die niedrigste Geburtenrate Europas (1,31 Kinder) führen zu einer massiven Überalterung. Vor allem auf dem Land sieht man kaum noch junge Menschen.

In Tuzla im Nordosten des Landes merkt man davon noch nichts. Die beiden Wahrzeichen der Universitätsstadt sind ein Salzsee und die sechs Kühltürme eines Kohlekraftwerks, aus denen pausenlos Rauchschwaden steigen. Tuzla wirkt jünger als die Hauptstadt Sarajevo. Arnesa Mašić läuft mit ihren beiden Mitbewohnerinnen Valentina Mitrović und Alma Jahić durch die medizinische Fakultät. Die drei leben in einer Wohngemeinschaft und haben zusammen die Universität abgeschlossen. Und noch etwas haben die drei gemeinsam: Sie wollen alle nach Deutschland. Die 25-Jährige Valentina als Ärztin und die 24-Jährige Alma als Pharmazeutin. Dafür lernen die beiden gerade Deutsch.

An der Wand im Eingangsraum der Fakultät hängen Fotos der Absolventen des vergangenen Jahrgangs. Mašić deutet mit dem Finger darauf und sagt: „Von zehn wollen acht oder neun ins Ausland, die meisten davon nach Deutschland.“ Die Zahl der Studienplätze für Medizin wurde in Tuzla erhöht. Mašić ist nicht auf den Fotos, weil sie im Jahr davor fertig wurde und seit ihrem Abschluss keine angemessene Stelle finden konnte. „Das war eine schwere Zeit mit vielen Tränen“, sagt sie. Mašić wollte eigentlich in Bosnien-Herzegowina bleiben, aber sie sieht im Land keine Perspektive für sich. Rund hundert Bewerbungen an deutsche Kliniken hat sie geschrieben. Die meisten hat sie nach Bayern geschickt. Dort ist es für bosnische Staatsbürger mit der Approbation leichter. Deutschland war Mašić’ erste Wahl, weil sie dort schon vier Jahre lang gelebt hat. Als Kind während des Bosnienkriegs. Sie erinnert sich noch an Weihnachten in Deutschland und freut sich darauf: „Ich möchte Ärztin werden seit ich denken kann und möchte jetzt endlich das tun, worauf ich mich mein ganzes Leben lang vorbereitet habe.“

Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit steigt die Anzahl von Bosniern im deutschen Gesundheitssektor seit 2013 deutlich an. Offiziell arbeiten in Deutschland rund 7.000 bosnische Staatsbürger im Gesundheitssektor, davon 360 als Ärzte. Tatsächlich aber sind es mehr, weil viele Menschen aus Bosnien-Herzegowina einen kroatischen EU-Pass oder einen serbischen Pass haben, mit dem sie sich in Deutschland melden. Bosnische Berufsverbände warnen, dass die Gesundheitsversorgung im Land selbst immer schlechter wird. Der bosnische Staat investiert viel Geld in die Ausbildung von Menschen, die danach ins Ausland gehen. In Bosnien-Herzegowina kommen auf 100.000 Einwohner noch 190 Ärzte. Im EU-Durschnitt sind es fast doppelt so viele. Das Gesundheitssystem ist schlecht aufgestellt und droht völlig zu kollabieren.

Selma Puzić blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Die 30-Jährige ist sichtlich erschöpft von ihrer Nachtschicht in der Kundenbetreuung eines US-Amerikanischen Tech-Unternehmens. Sie beginnt ihre Schichten zeitgleich mit den Kollegen in Übersee und arbeitet vom späten Nachmittag bis in die Nacht. Zwischen Tuzla und dem Sillicon Valley liegen rund 10.000 Kilometer und sieben Stunden Zeitunterschied. In Selmas Stadtteil sieht es auch nicht aus wie im Sillicon Valley. Miladije wurde in den 50er-Jahren um ein Industriegebiet herum errichtet, welches heute zerfallen ist. Die Busse fahren unregelmäßig über die Schlaglöcher des Asphalts. Die Fassaden sind heruntergekommen, viele Balkone haben kein Geländer.

Puzić lebt noch bei ihren Eltern. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, schlafen sie bereits. So wie ihre Freunde auch. Viel Freizeit oder soziale Kontakte bleiben ihr bei ihren Schichten nicht, denn neben ihrer Arbeit macht sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Eigentlich würde sie gerne in Tuzla bleiben. Bei ihrer Familie. Doch wie Arnesa Mašić fehlt ihr die Perspektive. „Ich beende die Ausbildung und wenn es hier nicht besser wird, dann gehe ich nach Deutschland.“ Es klingt als sei Deutschland ihr Plan B. Als habe sie immer noch einen Funken Hoffnung, eine angemessene Stelle in Bosnien-Herzegowina zu finden.

Selma Puzićs Mutter arbeitet als Krankenpflegerin im Krankenhaus von Tuzla. Sie hofft, das ihre Tochter nach Deutschland geht und dort dieselbe Arbeit unter besseren Lebensbedingungen machen wird. Ihre jüngere Tochter Belma, Selmas Schwester, ist bereits dort. Auf dem Personalkärtchen an der Brust der Mutter ist kein Foto von ihr selbst, sondern eines der deutschen Bundeskanzlerin: „Ich möchte Angela Merkel gerne persönlich treffen und ihr dafür danken, dass Deutschland meine Tochter aufgenommen hat und hoffentlich auch meine zweite Tochter aufnehmen wird.“

Selma Puzić hat Jura studiert. Wenn sie sich beworben hat, kam immer dieselbe Antwort: „Wir warten auf jemand anderen.“ In Bosnien-Herzegowina herrscht ein Klientelsystem. Jobs bekommt man selten durch Qualifikation, sondern meist über Kontakte oder das richtige Parteibuch. Beides hat Selma nicht:

„Bei uns ist alles korrupt. Ich würde mich schmutzig fühlen, wenn ich in dieses System einsteige. Hier kann man nur überleben, nicht leben.“

Weil sie diesen Strukturen entfliehen will, investiert sie ihr Gehalt in ihre Ausbildung: „In Deutschland suchen sie dringend Pflegekräfte. Das ist die realistischste Chance die ich für mich sehe, um einen Job zu finden.“ Wirklich glücklich wirkt sie damit nicht. „Ich habe Depressionen. Es ist hart, wenn man ein Jurastudium absolviert und damit nichts finden kann.“

Ihre Schwester Belma und ihr Schwager arbeiten in Deutschland, beide als Krankenpfleger. Sie öffnet die Facebook-Profile der beiden und zeigt Fotos von ihnen beim Urlaub am Strand. Fotos von einem besseren Leben. Selma war seit vielen Jahren nicht mehr am Strand. „Die Menschen gehen nach Deutschland, weil sie sich dort ein Leben aufbauen können, dass wir uns hier nicht aufbauen können.“

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Inhalt erstellt: 08.11.2017, zuletzt geändert: 09.11.2017