Arbeiter steigen ein, in den Pendlerbus von Strakonice nach Aicha vorm Wald
Tschechische Arbeiter steigen in den Pendlerbus von Strakonice nach Aicha vorm Wald.
Foto: Florian Bachmeier/n-ost
19.07.2017 – n-ost Reportage

Vom Ende der billigen Arbeit

Als der Eiserne Vorhang fiel, war die Angst groß: Die Menschen im bayerischen Grenzraum fürchteten die Konkurrenz der „Billigarbeit“ aus dem Osten. Fast 30 Jahre später sind Pendler aus Tschechien Normalität geworden. Inzwischen wirbt Bayern auch ganz offensiv um qualifizierte Arbeitnehmer.

n-ost-Themenreihe: „Gehen oder bleiben?“ - in Kooperation mit Renovabis

Eine Reportage von n-ost-Korrespondentin Annette Kraus (Text) und Florian Bachmeier (Fotos).

Aicha / Waldsassen /Bärnau (n-ost) — Wenn Jan Salat zur Arbeit fährt, muss er durchs Gebirge. Jeden Tag durch den Böhmerwald, hoch bis auf 1.000 Meter mit dem Pendlerbus, von Strakonice in Südböhmen bis nach Aicha in Niederbayern. „Am 13. Juli habe ich Jubiläum, dann sind es 25 Jahre“, erzählt er, während am Fenster tiefgrüne Wälder und sanfte Hügel vorbeiziehen. Geplant waren eigentlich drei Monate. Solange gab sich Jan Salat, als er 1992 seinen ersten Job in einem Sägewerk in Bayern antrat. Da hatte er gerade geheiratet und wollte Schulden abbezahlen. „Und jetzt habe ich noch fünf Jahre bis zur Rente.“

Viele suchten ihr Glück in Bayern

Pläne, die vom Leben durchkreuzt wurden – Jan Salat goutiert das mit einem breiten Lächeln. Er lacht oft während dieser langen Fahrt zu seinem Arbeitsplatz, und manchmal geht dabei fast unter, dass es ernst wird. Die Ehe zum Beispiel ist längst zerbrochen. Pendeln ist anstrengend und es kostet Zeit. 240 Kilometer hin und zurück, vier Stunden pro Tag, 20 Stunden pro Woche, macht in 25 Jahren eine halbe Ewigkeit. Dass er trotzdem durchgehalten hat, liegt am Lohn. „Als ich mit dem Pendeln angefangen habe, hatten wir in Tschechien ein Einkommen von 3.500 Kronen.“ Umgerechnet 240 Mark waren das – auf der deutschen Seite war der Verdienst zehnmal so hoch.

Jan Salat ist Vorarbeiter beim Automobilzulieferer Kaiser im niederbayerischen Aicha. Zu seinem Arbeitsort pendelt er jeden Tag zwei Stunden hin und zurück.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Florian Bachmeier / n-ost</small>
Jan Salat ist Vorarbeiter beim Automobilzulieferer Kaiser im niederbayerischen Aicha. Zu seinem Arbeitsort pendelt er jeden Tag zwei Stunden hin und zurück.
Foto: Florian Bachmeier / n-ost
Blick aus dem Pendlerbus von Strakonice nach Aicha vorm Wald.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Florian Bachmeier / n-ost</small>
Blick aus dem Pendlerbus von Strakonice nach Aicha vorm Wald.
Foto: Florian Bachmeier / n-ost

Jan Salat ist damals einfach losgezogen und hat bei den Firmen in Bayern nachgefragt. „Deutsch konnte ich zwei Wörter, Guten Tag und Auf Wiedersehen.“ Und bald sei dann noch „genau“ dazugekommen. Gelernt hat er Zerspanungsmechaniker bei Ceska Zbrojovka in Strakonice – bis 1989 der führende Motorradhersteller der Tschechoslowakei, berühmt für die Marke Java. Nach der Wende war Schluss.

Die Staatsbetriebe wurden zerschlagen, die tschechoslowakische Wirtschaft lag am Boden. Viele Arbeiter in Westböhmen suchten ihr Glück hinter der Grenze. Es galt die Grenzgängerregelung, freie Stellen durften nur dann mit Tschechen besetzt werden, wenn sich nach dreimonatiger Ausschreibung kein Deutscher gemeldet hatte. Jahr für Jahr musste die befristete Arbeitserlaubnis verlängert werden.

Die Bürokratie ist kein Thema mehr, dafür andere Hürden

„In den neunziger Jahren war die bayerische Politik in Bezug auf tschechische Arbeitnehmer ziemlich reserviert“, erklärt Michael Moritz vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Es herrschte Angst vor den „Billigarbeitern“ aus dem Osten. Leichter wurde es erst, als Tschechien 2005 der EU beigetreten ist und 2011 endgültig die vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit in Kraft trat. Die Bürokratie ist heute keine große Hürde mehr, andere Barrieren sind geblieben.

„Die deutsche und die tschechische Mentalität sind ganz anders“, sagt Jan Salat. Und dann die Geschichte. 40 Jahre Eiserner Vorhang, Vertreibung der Sudetendeutschen, die Okkupation der Tschechoslowakei durch die Nazis. Gerade hier an der Grenze herrsche immer noch großes Misstrauen gegenüber den Tschechen, so empfindet es Jan Salat. Seit 1995 ist er beim Automobilzulieferer Kaiser in Aicha beschäftigt, die Motorenteile gehen an VW in Salzgitter, Ungarn und Polen. 400 Tschechen und 200 Deutsche arbeiten hier gemeinsam. Wenn aber die Weihnachtsfeier ansteht, feiern sie getrennt.

Ortswechsel. Waldsassen ist eine Kleinstadt etwa 200 Kilometer weiter nördlich. Der Böhmerwald heißt hier Oberpfälzer Wald, ist nicht ganz so hügelig, aber nicht weniger grün. Daniel kommt erst gegen Mittag ins Büro – Home Office, erklärt er. Sein Arbeitgeber sitzt in einem flachen Neubau, dem Gründerzentrum von Waldsassen. BioVariance analysiert biomedizinische Daten und veranschaulicht sie in Apps und Grafikanwendungen. 16 junge Biologen und Informatiker arbeiten hier.

Kommuniziert wird auf Englisch

Lange galt die dünn besiedelte nördliche Oberpfalz als Armenhaus Bayerns. Während die tschechischen Nachbarn den Systemwechsel bewältigen mussten, hatte die bayerische Seite mit einem tiefgreifenden Strukturwandel zu tun: Alteingesessene Gewerbe wie die Porzellanindustrie brachen komplett weg. Von den Krisenjahren hat sich die Oberpfalz erholt, mit drei Prozent ist die Arbeitslosigkeit inzwischen sogar auf dem niedrigsten Stand in ganz Bayern.

Für den 30-jährigen Daniel ist es der erste Job nach dem Informatikstudium. „Ich habe kein Problem, eine Arbeit zu finden“, sagt der Software-Ingenieur selbstbewusst. Dass es ausgerechnet Waldsassen geworden ist, liegt vor allem an der räumlichen Nähe – Daniels Heimatstadt Cheb ist gerade einmal zehn Kilometer entfernt.

Auch Tschechien sucht mittlerweile händeringend Fachleute

Spätestens seit dem EU-Beitritt bemüht sich die bayerische Seite intensiv um qualifizierte tschechische Arbeitnehmer. Die Regensburger Industrie- und Handelskammer hat 2008 ein Kontaktbüro in Pilsen eröffnet, um Interessenten zu informieren und im besten Fall nach Deutschland zu holen. „Da ist noch viel Luft nach oben“, sagt Wirtschaftswissenschaftler Michael Moritz. Von den etwa 5,3 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern in Bayern sind 25.000 Tschechen, inklusive der Grenzgänger.

Dass die Bayern bei ihnen ganz offen um Fachkräfte werben, bereitet den Nachbarn Sorgen. In Tschechien herrscht ein Wirtschaftsboom, die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie nirgends sonst in der EU und Fachleute werden händeringend gesucht. „Die Furcht vor den Grenzgängern hat sich gewissermaßen auf die tschechische Seite verschoben“, so Moritz.

Derzeit machen Hochschulabsolventen ein knappes Zehntel der tschechischen Arbeitnehmer in Bayern aus. Überproportional vertreten sind die Grenzgänger seit Jahren im Verkauf, im Gesundheitswesen und im Service.

Für eine richtig gut dotierte Stelle in Tschechien hätte er nach Pilsen oder Prag gehen müssen. „Hier gefällt es mir besser als in Tschechien, das Team funktioniert gut, die Arbeit bringt mich wirklich weiter“, sagter. Die Sprache ist dabei nicht so wichtig, wie überall in der IT wird ohnehin auf Englisch kommuniziert.

„Das will hier keiner machen“, sagt Robert Rapac. Seit fünf Jahren ist er Chefkoch im Gasthof „Zur Post“ in Bärnau direkt an der Grenze. Auf der Karte stehen Forelle, Karpfen und Sulz, manchmal auch böhmische Knödel. Der Slowake ist vor über zehn Jahren nach Westböhmen gekommen. In der Gastronomie hat er seine tschechische Frau kennengelernt, nun leben sie mit zwei Kindern in der Nähe von Sokolov. Von dort aus pendelt er nun über eine Stunde mit dem Auto nach Bärnau. Ob er auch mal überlegt hat, nach Deutschland zu ziehen? Ja, aber die Kinder waren dagegen. Sie seien schon zu groß, um sie einfach in ein neues Umfeld zu verpflanzen.

Zwei Stunden Fahrt zur Arbeit

Auch Kellner Jan Karlicek arbeitet schon seit fünf Jahren im Gasthof. Sein Arbeitsweg beträgt nur eine halbe Stunde, er kommt aus Marienbad gleich hinter der Grenze. Dort hat er die Hotelfachschule besucht, die in Tschechien einen ausgezeichneten Ruf genießt. Anders als auf bayerischer Seite gibt es im westböhmischen Bäderdreieck eine lange Tradition im Gastgewerbe.

Von diesen Standards profitieren nun auch die Gaststätten auf deutscher Seite. In den Gasthof in Bärnau kommen hauptsächlich die Ortsansässigen, Tagesausflügler oder Geschäftsreisende. Weil seine Eltern eine kleine Pension haben, ist Jan Karlicek von klein auf an den Umgang mit deutschen Gästen gewohnt. Mentalitätsunterschiede? Findet er nicht dramatisch. „Es kommt immer auf den Chef an“, sagt Koch Robert Rapac. Wenn der keine Unterschiede macht, kämen die deutschen und tschechischen Kollegen gut miteinander aus. Dass es auch Spannungen gebe, sei logisch. Aber: „Es ist nur Arbeit, nicht das Leben.“

Jan Salat ist nach zwei Stunden Fahrt bei seiner Firma in Aicha angekommen. Die tschechischen Pendler verlassen den Bus, ziehen sich um, dann beginnt die Achtstundenschicht in der Produktionshalle. Als Einsteller an der CNC-Fräse geht Jan Salat mit 2.000 Euro netto im Monat nach Hause– immerhin noch das Doppelte vom heutigen tschechischen Durchschnittslohn. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten in Tschechien massiv gestiegen. Dass das Lohngefälle zwischen Ost und West immer schmaler wird, verfolgen die Grenzgänger sehr genau.

Jan Salat wird wohl als Pendler in Rente gehen. Auch Robert Rapac hat sich an das Leben beiderseits der Grenze gewöhnt. An eine neue Generation der Grenzgänger glaubt er allerdings nicht, zumindest nicht in der Gastronomie. „Wenn die Löhne in Marienbad weiter steigen, wird bald keiner mehr fahren, nicht wegen ein paar Kronen Unterschied.“ Und wie geht es dann in den Gasthöfen und Wirtshäusern auf bayerischer Seite weiter? „Gute Frage. Vielleicht kommen dann Rumänen oder Bulgaren?“

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Inhalt erstellt: 19.07.2017, zuletzt geändert: 12.02.2019