25 Jahre „Wende“

Um das Thema „25 Jahre Wende“ geht bei Renovabis im Jahr 2014. Das Leitwort für dieses Jahr lautet: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern - Gemeinsam für ein solidarisches Europa.“
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Übersicht

Gedanken von Pater Stefan Dartmann

Vor „Mauern“ steht jeder von uns irgendwann in seinem Leben. Da sind die Ängste, die uns hindern, das Richtige zu tun. Da existieren Feindschaften, manche schon über Generationen hinweg. Da trennen Vorurteile Menschen voneinander, und da stehen wir am Ende unseres Lebens vor der Mauer des Todes. Was dahinter liegt, bleibt uns verborgen.

Eigentlich, so spüren wir, müssten wir gegen diese Mauern anrennen. Wenn es uns doch nur gelänge, sie wie Hürden beim Hindernislauf in der Leichtathletik zu nehmen! Mit Blick auf unsere schwachen Kräfte finden wir uns dann aber doch mit dem „Status quo“ ab. Wer riskiert schon gerne, frustriert zu werden oder sich gar die Stirn blutig zu schlagen…

Von 1961 bis 1989 teilte eine Mauer, nein „die Mauer“ unser Vaterland. Und nicht nur Deutschland war betroffen: In den meisten Staaten Mittel- und Osteuropas herrschten damals totalitäre kommunistische Regime. Denk- und Glaubensverbote waren dort an der Tagesordnung. Der „Eiserne Vorhang“ spaltete Europa. Zu dieser Zeit gab es viele Menschen, die nicht – oder nicht mehr! – daran glauben wollten, dass sich das noch einmal ändern könnte. Man war ja schließlich „Realist“…

Die friedliche Revolution vor 25 Jahren war ein Wunder. Sie überstieg alles, was man zu hoffen gewagt hatte. Auffallend viele von denen, die damals für die Freiheit kämpften, bezogen die Kraft für ihr Engagement aus dem Glauben. Kirchen waren so etwas wie Tankstellen, wo erschöpfte Revolutionäre sich mit neuer Energie aufladen und ihre Durchhaltekraft stärken konnten. Am Ende schafften sie es tatsächlich. Mit vereinten Kräften wurde die Mauer zum Einsturz gebracht. Buchstäblich niedergerissen wurde sie und Grenzanlagen schließlich demontiert.

Was da in Deutschland geschah, hatte seine Entsprechung in vielen Ländern in der Mitte und im Osten Europas. In einigen, vor allem in Polen, begann der Prozess schon viel früher, in anderen erst Jahre später und bisweilen auch nur zaghaft. Heute blicken wir dankbar auf die grundlegenden Veränderungen zurück. Wir fragen uns: Wer hat damals eigentlich die Regie geführt? Die Heiligsprechung Johannes Paul II. in diesem Jahr ist ein nicht zu übersehendes Ausrufezeichen bei der Antwort auf diese Frage…

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Psalm 18,30), so lautet das Leitwort der diesjährigen Renovabis-Pfingstaktion. Der Glaube, der bekanntlich Berge versetzt, er vermag auch Mauern zu überwinden. Am 18. Mai findet die bundesweite Eröffnung der Aktion im Bistum Dresden-Meißen statt, den Abschluss markiert ein Gottesdienst am Pfingstsonntag im Bistum Essen.

Vieles ist in den letzten 20 Jahren seit der Gründung von Renovabis 1993 erreicht worden. Mehr als 20.000 Projekte haben wir bisher unterstützt mit insgesamt über einer halben Milliarde Euro (genauer gesagt 602 Millionen Euro)! Wenn das nicht ein Zeichen einer aus der Kraft des Glaubens gespeisten Solidarität ist!

Und doch – im Rückblick auf die Ereignisse der Jahre um 1989 spricht man heute oft von einer „unvollendeten Revolution“. Auch wenn sich die Situation in den einzelnen Ländern unterschiedlich darstellt – deutlichen Fortschritten und Verbesserungen stehen ebenso erkennbare Defizite und Probleme gegenüber. Leider sind die Verhältnisse an vielen Stellen weit von sozialer Gerechtigkeit und Freiheit entfernt. Die aktuelle Entwicklung in der Ukraine macht schmerzlich deutlich, wie viel Misstrauen noch zwischen den Völkern existiert. Es erschreckt zu sehen, wie leicht es gelingt, das nur scheinbar erloschene Feuer der Aggression, Gewalt und Machtpolitik neu zu entfachen.

Vorurteile und Klischees, aber auch tatsächlich unterschiedliche Mentalitäten und Lebenserfahrungen bilden nach wie vor unsichtbare Mauern. Sie behindern gegenseitiges Verständnis, Empathie und Verantwortungsgefühl. Viele Mauern müssen noch übersprungen, viele Brücken noch geschlagen werden! Der Gott, der „unsere Finsternis hell macht“, gibt uns Kraft, „Wälle zu erstürmen“ und „Mauern zu überspringen“. Und da an Gottes Segen alles gelegen ist, möchte ich Sie einladen, in der Zeit vor Pfingsten mit uns um die Gaben des Heiligen Geistes zu beten. Denn, wie Paulus schreibt: „wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). Der Autor der diesjährigen Pfingstnovene ist der Vorsitzende des Aktionsausschusses von Renovabis, Bischof Gerhard Feige (Magdeburg).

Hintergrund

Die Europäische Wende mit dem späteren Zusammenbruch der Sowjetunion jährt sich 2014 zum 25. Mal. Sie berührt in besonderer Weise das Selbstverständnis und den – nach wie vor – aktuellen Auftrag von Renovabis, wie er in Art. 1 des Renovabis-Statuts formuliert ist:

„Die Aktion Renovabis unterstützt nach dem Ende der totalitären kommunistischen Systeme die Christen in Mittel- und Osteuropa bei ihren Bemühungen um die Verkündigung des Evangeliums und bei der Erneuerung der Gesellschaft in Gerechtigkeit und Freiheit.“ Die Ereignisse im Herbst 1989 markierten das sichtbare Ende der totalitären kommunistischen Systeme in Mittel- und Osteuropa, ermöglichten den Völkern im Osten Europas den Aufbruch zur Freiheit und machten die Grenzen zwischen Ost und West durchlässig. Vor dem Hintergrund dieser radikalen Veränderungen steht der Auftrag der 1993 gegründeten Aktion Renovabis, die „Christen in Mittel- und Osteuropa bei ihren Bemühungen um die Verkündigung des Evangeliums und bei der Erneuerung der Gesellschaft in Gerechtigkeit und Freiheit zu unterstützen“.

Im Rahmen der Pfingstaktion und weiterer Aktivitäten knüpft Renovabis im Jahr 2014 an „25 Jahre Wende“ an und lenkt den Blick darauf, wie die neue Freiheit nach dem Ende des Kommunismus gestaltet wurde, wo der Osten Europas heute steht und wie sich die Situation in den einzelnen Länder politisch, sozial und ökonomisch entwickelt hat.

Auch wenn „der Eiserne Vorhang“ bereits vor einem Vierteljahrhundert gefallen ist - die „Mauern in den Köpfen“, die das Zu- und Miteinander von Menschen im Osten und Westen Europas behindern, sind vielfach noch vorhanden. Vorurteile und Klischees bilden unsichtbare Grenzen, die Empathie und Verantwortungsgefühl füreinander hemmen. Renovabis fördert Begegnung und Austausch, um durch menschliche Brücken noch vorhandene Gräben und Mauern zu überwinden. Dies gehört seit je zum partnerschaftlichen Anliegen der Solidaritätsaktion Renovabis.

Im Mittelpunkt der Pfingstaktion wie auch des Jahres 2014 insgesamt steht für Renovabis der Appell zu weitergehender Solidarität zwischen West und Ost einerseits sowie zur Überwindung von Fremdheit und Vorurteilen in Europa andererseits. Diese Intentionen finden ihre Zusammenfassung in dem Leitwort (nach Psalm 18,30):

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern – Gemeinsam für ein solidarisches Europa!

Material zum Jahresthema

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Ausstellung

Porträts über Schicksale von Menschen vor, während und nach der „Wende“-Zeit dokumentieren wir im Jahr 2014 in einer Wanderausstellung und hier im Internet. Der Journalist Rolf Bauerdick hat mit 25 Menschen aus Ländern im Osten Europas gesprochen und viele Blickwinkel auf die Zeit der “Wende” eingefangen.

Ausstellung ansehen

Filmclips: 1989 - Erinnerungen an ein besonderes Jahr

Eine verbotene Demo in Riga, der Beginn der blutigen Revolution in Rumänien, … Erlebnisse aus der Zeit des politischen Umbruchs im Jahr 1989 erzählen Projektpartner in kurzen Filmclips auf dem Youtube-Kanal von Renovabis

Inhalt erstellt: 12. August 2013, zuletzt geändert: 04. Juli 2014