Quelle: Renovabis
FREISING. Wie können Gesellschaften in Europa zusammenhalten, wenn Kriege, Polarisierung, soziale Entfremdung und Vertrauensverlust sie herausfordern? Diese Frage steht im Mittelpunkt des 30. Internationalen Kongresses Renovabis am 17. und 18. September 2026 in Freising (und per Livestream). Unter der Überschrift „Jenseits der Polarisierung: Perspektiven für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ost und West“ bringt Renovabis Stimmen aus Politik, Kirche, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen und fragt: Wie entsteht Vertrauen neu?
Einige der bislang mehr als 200 angemeldeten Teilnehmenden aus 26 Nationen haben sich im Vorfeld des Renovabis-Kongresses zur Thematik geäußert:
Der Bürgermeister von Prishtina, Përparim Rama, setzt bei den konkreten Orten des Zusammenlebens an. „Vertrauen beginnt nicht allein in Institutionen“, sagt er, „sondern in Räumen, Gesprächen und Möglichkeiten, die Menschen gemeinsam gestalten.“ Nach Konflikten und gesellschaftlichen Spaltungen könnten Teilhabe, Dialog und offene öffentliche Räume auch neue Zukunft eröffnen.
Dr. Volker Ullrich, Vizepräsident der Bundeszentrale für politische Bildung, weitet den Blick auf Demokratie und Dialog. „Es geht um Zusammenhalt, es geht um die Frage von Verständigung“, betont er. Er erinnert an die Rolle von Glauben und Hoffnung in Mittel- und Osteuropa vor dem Ende des Eisernen Vorhangs – und sieht heute neue Bewährungsproben: wehrhafte Demokratie und die Fähigkeit, Gegnern von innen und außen zu widerstehen.
Der lettische Politikwissenschaftler Toms Rostoks macht deutlich, dass sozialer Zusammenhalt in Europa zu einem zentralen Sicherheitsthema geworden ist: „Vertrauen aufzubauen und aufrechtzuerhalten ist ein wesentliches Element der europäischen Sicherheit.“ Russlands Krieg gegen die Ukraine zeige, wie gefährlich gesellschaftliche Spaltungen für Widerstandsfähigkeit, Solidarität und gemeinsames Handeln werden können. Wer Frieden sichern wolle, müsse deshalb Vertrauen stärken.
Die Psychologin Sanda Smoljo-Dobrovoljski von der Universität Zagreb verbindet die politische Diagnose mit theologischer und psychologischer Tiefenschärfe. Unter der biblischen Frage „Wo ist dein Bruder?“ beschreibt sie digitale Vernetzung bei gleichzeitiger Einsamkeit und Isolation. Gegen Hyperindividualismus, ideologische Lagerbildung und Gleichgültigkeit gegenüber verletzlichen Menschen setzt sie aktive Empathie – als ethische Verpflichtung zum Nächsten.
Der Moraltheologe und Technikethiker Christopher Koska von der Universität Augsburg nähert sich dem Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ als Wahrheitssucher im digitalen Raum zwischen Algorithmen, Filterblasen und Orientierung: Dabei ist ihm wichtig, dass „der Mensch – nach Kant – niemals nur Mittel zum Zweck sein und deshalb auch nicht nur als moralische Knautschzone Künstlicher Intelligenz dienen darf.“ Gerade weil Maschinen anfingen, sich eigene Zwecke zu setzen, sollte der Mensch derjenige bleiben, der über die Ziele entscheidet.
Beim 30. Internationalen Kongress Renovabis wird also nicht bloß abstrakt nach „Zusammenhalt“ gefragt, sondern ganz praktisch nach dessen Wiedergewinnung im Alltag: in Städten, Kirchen, Demokratien, Nachbarschaften und europäischen Bündnissen. Der Kongress verbindet Erfahrungen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa mit westlichen Perspektiven und sucht nach Wegen, wie Vertrauen zwischen Menschen, Institutionen und Völkern neu wachsen kann.