Quelle: Renovabis
FREISING. Zum 30. Mal hat das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis Gäste aus Ost und West zu seinem Internationalen Kongress eingeladen. Mehr als 200 Teilnehmende aus 26 Ländern waren nach Freising gekommen, um sich über Ursachen gesellschaftlicher Spaltung und Wege zu mehr Zusammenhalt auszutauschen. Der Jubiläumskongress stand unter dem Titel „Jenseits der Polarisierung – Perspektiven für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ost und West“. Das Fazit: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht von selbst, sondern muss aktiv eingeübt und gestaltet werden.
30 Jahre nach dem ersten Kongress 1997 in Freising sind für Hauptgeschäftsführer Pfarrer Thomas Schwartz viele Fragen noch immer erstaunlich aktuell: „Auch heute erleben wir tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen.“ Polarisierung, schwindendes Vertrauen in Institutionen, digitale Echokammern und die Folgen von Krieg und Krisen setzten den gesellschaftlichen Zusammenhalt unter Druck.
Vor diesem Hintergrund brachte der Kongress Teilnehmende aus Ost und West zusammen – darunter den römischen Kurienkardinal Mario Grech, der in seiner Rede dafür warb, sich in einer zerrissenen Welt, die ihre Menschlichkeit zu verlieren droht, nicht mit den Trümmern abzufinden, sondern erneut gemeinsam aufzubauen. „Wir müssen Vielfalt als Stärke begreifen und Zuhören und Dialog zu einem gemeinsamen Boden machen, auf dem Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit wachsen können.“
Mit diesem Ziel vor Augen suchten die Teilnehmenden nach Wegen, die Polarisierungen zu überwinden. In Workshops, Dialoggruppen und auf Podien standen Themen wie gewaltfreie Kommunikation, die Wahrheitssuche im digitalen Raum oder christliche Verantwortung für Inklusion im Fokus.
So warnte der slowakische Soziologe Hugo Gloss aus Bratislava, dass Gesellschaften ohne ausreichenden Zusammenhalt in „moderne Stämme“ zerfallen könnten. Er sprach von Wert- und Haltungsblasen, in denen Menschen immer mehr allein mit Gleichgesinnten kommunizierten.
Eine Gesprächsrunde über die Rolle der Kirchen zwischen Einheit und Spaltung griff diesen Gedanken auf. Die kroatische Theologin und Friedensaktivistin Ana Raffai merkte an, dass es vielfach an Konfliktkultur fehle. Die Menschen müssten lernen, Konflikte nicht zu verdrängen, sondern miteinander auszutragen und in Dialog zu verwandeln: „Zusammenhalt bedeutet nicht Harmonie. Er bedeutet die Fähigkeit, trotz Unterschieden miteinander verbunden zu bleiben.“
Mit Blick auf die Rolle der Politik erklärte der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung Volker Ullrich, diese könne Zusammenhalt und Engagement nicht diktieren. „Das muss aus der Gesellschaft herauskommen, von Menschen, die daran glauben, dass Zusammenhalt und der Einsatz für andere – also im besten Sinne von Solidarität und Caritas – wichtig sind.“
Als Fazit nach zwei intensiven Kongresstagen fasste Pfarrer Schwartz zusammen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein Gegenstand wissenschaftlicher Analyse und politischer Debatten sei. „Er beginnt bei jedem Einzelnen von uns. Die Frage, wie wir zuhören, wie wir mit unterschiedlichen Positionen umgehen, wie wir Verantwortung übernehmen und Brücken bauen, nehmen wir als Auftrag aus diesem Kongress mit nach Hause.“
Im kommenden Jahr wird Renovabis deshalb auf diejenigen aufmerksam machen, die Unterstützung brauchen, aber auch auf jene Menschen, die für andere zum Halt werden. Unter dem Jahresthema „Halt finden. Anker sein. Wege aus seelischer Not im Osten Europas“ stellt das Hilfswerk mentale Gesundheit, Einsamkeit und Sucht sowie die psychischen Folgen von Krieg, Unsicherheit und gesellschaftlichen Umbrüchen in den Mittelpunkt. Diese Herausforderungen werden auch den nächsten Internationalen Kongress prägen, der vom 22. bis 24. September 2027 in Berlin stattfinden wird.