Die Wallfahrtskirche Mariánské Radčice
Die Wallfahrtskirche in der kleinen Gemeinde Mariánské Radčice
Quelle: Achim Pohl
26.04.2022 – Vorgestellt

Glaubenszeugnisse aus Tschechien

In Tschechien bekennt sich gerade einmal jeder Zehnte zum Glauben und selbst unter diesen sind die Kirchgänger rar. Doch der Münsteraner Pfarrer Philipp Irmer will die kleine Gemeinde Mariánské Radčice wieder aufbauen - eine Mammutaufgabe, die dennoch gelingen kann, wie diese Porträtreihe zeigt.

Eine Porträtreihe von Peter Beyer

Glaubensfindung mit Höhen und Tiefen

Karel Resl und Iva Reslova

Manchmal braucht der Mensch einen Anstoß, um auf den richtigen Lebensweg einzubiegen. So formuliert es Karel Resl aus dem tschechischen Krupka – er fand erst als Erwachsener zum Glauben. 1981 in Prag geboren, lernte er Bauzeichner und arbeitet seit einigen Jahren als Busfahrer in Dresden. Rückwirkend beschreibt der Vater von drei Kindern seinen Weg zu Gott als Erfahrung mit Höhen und Tiefen. Nach seiner Taufe als Zwanzigjähriger folgte eine Phase der Stagnation, begleitet von Zweifeln. „Warum bin ich hier?“, berichtet er von einer drängenden Frage, um gleich darauf befreit zu lächeln. „Meine Frau wurde schon als Baby getauft. Sie hat mir immer wieder Ansporn gegeben, mir Antworten aus der Bibel genannt. Iva hat mich zum aktiven Glauben gebracht!“ Doch auch Iva – gelernte Bauingenieurin für Wasser- und Umweltschutz – berichtet von Zeiten des Desinteresses am Glauben. „Als Kind und Jugendliche bin ich eher sporadisch mit meiner Mama in die Kirche gegangen. Ich war 25, als ich durch meine Sinnsuche zurück zur Religion fand.“ Zwei Kinder ließen Iva und Karel in Prag taufen. Dort hatten schon Ivas Mutter, Bruder und sie selbst das Sakrament der Taufe erhalten. Das dritte wurde coronabedingt in ihrem heutigen Wohnort Krupka getauft. Die bald sechsköpfige Familie wird im Haus von Karels Urgroßvaters in Krupka wohnen, das zuvor jahrzehntelang leer stand und das Karel schrittweise modernisiert. Der Umzug rückt näher. „Dann kommt wieder Leben ins Haus!“, freut er sich.

Die gute Seele

Lenka Dufková

„Dass ich hier bin, ist Gottes Wille“, erklärt Lenka Dufková. Voller Überzeugung wirft die gläubige Katholikin dabei so energisch die Hände in die Luft, dass ihr der um den Hals gehängte Schlüsselbund über das Hemd schlenkert. Seit 2018 hilft die 58-Jährige zweimal die Woche im Pfarrhaus von Mariánské Radčice aus. Neben Putzen und Aufräumen beweist sie im Pfarrgarten ihren Schöngeist und arrangiert Blumenschmuck für Haus und Kirche. Zehn Jahre lang war sie zuvor Katalog-Designerin für die Modefirma L’Oréal. Als diese den Firmensitz nach Rumänien verlegte, verlor Dufková ihren Arbeitsplatz. Pfarrer Irmer konnte sie mit einem Programm des Arbeitsamtes für ein Jahr beschäftigen. Danach wurde sie über das Bistum Leitmeritz als Pastoralassistentin angestellt. Einer Stelle als Kassiererin, bei der sie mehr verdient hätte, zog sie ihre jetzige Tätigkeit vor. „Hier habe ich die Abwechslung und die Kontakte, die ich brauche „Ich bin glücklich hier!“, erklärt Dufková. „Wenn man jung ist“, fügt sie hinzu, „hat man allerlei Ambitionen. Wenn man älter ist so wie ich, will man das Leben genießen, auch das Arbeitsleben.“

Es begann mit einem Riesenschreck

Maria Kováčová

Als Maria Kováčová 2003 mit Neuankömmling Pfarrer Irmer das Pfarrhaus der Wallfahrtskirche in Mariánské Radčice betrat, verschlug es ihr die Sprache. „Nie hätte ich für möglich gehalten, dass diese Räume wieder bewohnbar, ja wohnlich gemacht werden könnten!“, erinnert sich die 72-Jährige. Die gebürtige Slowakin wohnt nur einen Katzensprung von der Kirche entfernt und hatte deren Verfall über Jahrzehnte mitansehen müssen. Kennengelernt hatte Kováčová, die im benachbarten Osek als Küchenhilfe arbeitete, Irmer nach einem Gottesdienst. Von seinen klaren Worten in der Predigt war sie angetan, hellauf begeistert von seinem Vorhaben, die verwaiste Wallfahrtsstätte in Mariánské Radčice wiederzubeleben. Prompt bot Irmer ihr eine Stelle in seiner Pfarrei an. „Wir haben erst einmal alte Fliesen abgeklopft, damit der Pfarrer endlich sein Wohnhaus beziehen konnte“, erzählt sie. Unter ihrer Federführung wurde der völlig verwahrloste Pfarrgarten entholzt. Bis zur Pensionierung 2017 wirkte sie im Pfarrhaus als Mädchen für alles, war auch gute Seele und Ansprechpartnerin für die internationalen Besucher der Begegnungsstätte. Mit Pfarrer Irmers Eltern als Paten ließ sich die gläubige Katholikin hier sogar noch einmal taufen – die Dokumente waren verschollen. Selbst als Rentnerin kommt Maria Kováčová immer wieder auf einen Sprung vorbei und packt mit an. Ihr Blick zurück? „Ich bin von ganzem Herzen stolz darauf, was aus Mariánské Radčice geworden ist!“

„Wie viele Winke muss das Leben dir noch geben?“

Oldrich Cermak und Jarmila Cermáková

Zu den regelmäßigen Besuchern der Wallfahrtskirche von Mariánské Radčice gehören Oldrich Cermak (64) und seine Frau Jarmila (60). So, wie die beiden einander anschauen, wirken sie frisch verliebt, dabei ist Sohn Michael bereits zweiunddreißig. Jarmila wurde als Baby getauft. „Als Kind sprach ich oft Gebete, nicht aus dem Gebetbuch, sondern aus dem Herzen“, erinnert sie sich und setzt ein verschmitztes Lächeln auf. Echte Beziehung zu Gott fand sie erst später im Leben. „Ich spürte, dass da eine Kraft um mich war, etwas, das ich nicht erklären konnte und das mich beschützt“, beschreibt sie ihre Gefühle. Ihr Mann Oldrich war vom Glauben lange nicht besonders angetan. Erst als das Leben ihm wiederholt Nackenschläge versetzte, geriet er ins Grübeln. „Wie viele Winke muss das Leben dir noch geben?“, fragte ihn in dieser Phase seine Frau und riet ihm, auf Suche zu gehen. Eine Suche, die Oldrich nach Mariánské Radčice führte. Mit Pfarrer Irmer sprach er dort über Gott und die Welt, landete bei Glaubensfragen, wurde Kirchgänger – und ließ sich in der Osternacht 2021 von Irmer taufen.
Während sich Jarmila scheut, das Thema Glaube nach außen zu tragen, machte Oldrich damit gute Erfahrungen. Etwa, als sich sein Chef in der Firma überraschend ebenfalls als Christ zu erkennen gab. Ein anderes Mal räumte er einer Kundin Zahlungsaufschub ein, nachdem beide über Gott gesprochen hatten. Sein Vertrauen hat die Frau gerechtfertigt, die Schulden längst beglichen. Während Oldrich über seinen Glauben spricht, geht der sonst leise, zurückhaltende Mann in Gestik und Mimik aus sich heraus, spricht lauter, mit großer Überzeugung. Zum Schluss gehen er und seine Frau Hand in Hand in die Wallfahrtskirche, um dort ihren Lieblingsort aufzusuchen. Am Seitenaltar der Vierzehn Nothelfer entzünden sie wie fast immer eine Kerze.

Über Glauben zu sprechen ist nicht angesagt

Tomáš Turek

Einer der „Neuzugänge“ in Pfarrer Irmers Gemeinde ist Tomáš Turek. Sind es üblicherweise die Eltern, die den Glauben an ihre Kinder weitergeben, lag der Fall des 18-jährigen Gymnasiasten anders. Tomáš’ Vater, eher ein „Weihnachtskatholik“, brachte den Jungen vor Jahren sporadisch mit zum Gottesdienst in der Wallfahrtskirche Mariánské Radčice. Die Zeremonie gefiel dem Heranwachsenden, die Predigt des Geistlichen sprach ihn an. „Damals verspürte ich eine Leere in mir“, berichtet der schlaksige Zwölftklässler. Tomáš wurde regelmäßiger Kirchgänger, suchte den Rat des Pfarrers und besuchte bald dessen Katechese-Unterricht. Eines Tages fragte er ihn: „Kannst du mich taufen?“ „Wasser genug haben wir“, antwortete Irmer augenzwinkernd und spendete seinem Zögling am historischen Taufbecken das Sakrament der Taufe. In seiner Klasse ist Tomáš der einzige Katholik. „Außerhalb der Familie über Glauben zu sprechen, ist nicht angesagt“, sagt er. Tatsächlich fragten ihn Freunde nach seiner Taufe, ob er verrückt sei, blieben ihm jedoch treu. Mit der Spiritualität des Glaubens fühlt sich Tomáš stabiler, selbstsicherer. „Ich kann jetzt bessere Entscheidungen treffen, anderen als Vorbild vorausgehen“, urteilt der junge Mann über sich selbst. Am nächsten Tag kann er das gleich wieder beweisen – Tomáš unternimmt in den Schulferien mit Kameraden eine Kajaktour auf der Moldau.

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Inhalt erstellt: 26.04.2022, zuletzt geändert: 12.05.2022

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