
Quelle: Maximilian Gödecke

Ein Porträt von Daniel Pelz
„Barez dzes“ - Mit einem herzlichen „Guten Tag“ begrüßt Anush Matirosyan die Kinder vom Tanzclub. Sie verbeugt sich - und dann sind die Mädchen und Jungen mit ihrer Lehrerin Anush zwei Stunden lang auf den Beinen: Zu „Waka Waka“ von Shakira wirbeln sie durch den Raum, schreiten grazil zu den melancholischen Klängen armenischer Weisen in einer langen Schlange oder tanzen im Kreis.
„Tanzen ist mein Leben“, sagt Anush, eine schlanke, kleine Frau mit strahlendem Lächeln. Ihr Vater, auch Tanzlehrer, hat es ihr in die Wiege gelegt und seit sie 18 ist, bringt auch Anush anderen Menschen das Tanzen bei. Erst in ihrer Heimat Bergkarabach und jetzt hier in Armenien.
„Wenn ich die Tür zum Club öffne, vergesse ich alles. Der Club ist wie eine zweite Familie für mich“, schwärmt die 30jährige. Doch nicht nur die Leidenschaft zum Tanzen verbindet sie mit den 26 Kindern im Club, sondern auch eine persönliche Geschichte: Die meisten von ihnen sind Geflüchtete aus Bergkarabach. Für sie hat die Community Development NGO in der armenischen Kreisstadt Jeghegnadzor den Club gegründet – mit finanzieller Unterstützung von Renovabis. Und den Verantwortlichen war klar: Als Trainerin ist niemand besser geeignet als Anush. Nicht nur wegen ihrer Liebe zum Tanzen.
„Ich weiß, was die Kinder durchgemacht haben“, sagt sie. Schon 2020 musste sie nach Armenien fliehen, aserbaidschanische Truppen hatten damals ihre Heimatstadt erobertet. Ihr Schwager fiel mit 21 Jahren im Krieg. Seine Fotos und Medaillen erinnern im neuen Haus der Familie noch heute an ihn.
Das Tanzen soll es den Kindern aus Bergkarabach leichter machen, ihre Trauer zu vergessen. Durch Auftritte vor Publikum tanken sie neues Selbstbewusstsein und finden Freunde vor Ort. Deshalb sind auch Kinder aus der Region dabei.
Am Anfang waren die geflüchteten Kinder noch sehr scheu, erzählt Anush. Aber nach einem Jahr sieht sie in jeder Tanzstunde, wie weit alle gekommen sind: „Sie haben nicht nur neue Tänze einstudiert, sondern auch gelernt, sich zu öffnen, ihre Erfahrungen und Sorgen zu teilen. Und viele der Geflüchteten haben neue Freunde gefunden.“