Vom 11. bis 16. August kamen 24 Menschen aus ganz Europa im Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim zusammen, direkt neben den ehemaligen Lagern Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. Beim 17. Europäischen Workshop „On dealing with the past of Auschwitz burdened by violence" (Vom Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz) stand eine Woche lang stand die Frage im Mittelpunkt, was Erinnerung heute bedeutet.
Ein Bericht von Renate Krekeler-Koch, Leiterin des Renovabis-Büros in Berlin.
Zwei ausführliche Führungen durch Auschwitz und Auschwitz-Birkenau eröffneten die Woche. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden hier ermordet, darunter 200.000 Kinder. Es gibt keine Gräber, nur Asche. Jährlich besuchen rund zwei Millionen Menschen diesen Ort. Besonders eindringlich wirkte der Widerspruch zwischen dem Wissen um die Verbrechen und dem friedlichen Eindruck des Geländes. Weite Flächen, Bäume, scheinbare Normalität – gerade diese Gegensätzlichkeit verdeutlicht das Ausmaß des Grauens.
In den anschließenden Gesprächen blieb es nicht bei der Vergangenheit. Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalt prägen auch die Gegenwart – etwa im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und in anderen Konflikten. Viele Teilnehmende fragten sich, wie sie selbst unter ähnlichen Bedingungen gehandelt hätten. Wer würde Widerstand leisten? Wer würde schweigen? Wer in Frieden und Freiheit aufgewachsen ist, kennt darauf keine Antwort.
Jerzy Tomaszewski überlebte Auschwitz als Kind und wurde 1945 mit sechs Jahren befreit. Zdzisława Włodarczyk kam nach dem Warschauer Aufstand 1944 als Zwölfjährige ins Lager. Wie viele Überlebende begannen beide erst in höherem Alter öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Mich beeindruckte die Kraft und Klarheit, mit der sie ihre Erinnerungen teilten. Im Mittelpunkt standen nicht Bitterkeit oder Vergeltung, sondern die Mahnung, die Würde des Menschen zu achten und alles dafür zu tun, dass sich solche Verbrechen nie wiederholen.
Auch die Kunst wurde zu einer Form des Erinnerns. In den Katakomben der Franziskanerkirche besuchten wir eine Ausstellung mit Werken des Auschwitz-Überlebenden und renommierten polnischen Bühnenbildners Marian Kołodziej. Erst viele Jahrzehnte nach dem Krieg begann er, sich künstlerisch mit seinen Erinnerungen auseinanderzusetzen. In seinen letzten Lebensjahren entstand ein umfangreiches Werk von Zeichnungen. Die oft biblisch inspirierten Darstellungen machen das Leid, die Angst und die Entmenschlichung der Opfer sichtbar.
Jörg Lüer, Vizepräsident der Maximilian-Kolbe-Stiftung, skizzierte den konfliktreichen Weg der deutschen Erinnerung nach 1945. Robert Żurek, Direktor der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, nannte vier zentrale Aspekte der polnischen Erinnerungskultur: das Bewusstsein, zwischen mächtigen Nachbarn zu stehen, die eigenen Opfererfahrungen, die materiellen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und den Stolz auf den polnischen Freiheitskampf.
Elisabeth Radoeva berichtete über die kommunistischen Lager Bulgariens, insbesondere Belene. Dort wurden zwischen 1984 und 1989 auch Angehörige der türkischen Minderheit interniert, die sich der erzwungenen Bulgarisierung ihrer Namen widersetzten. Der Historiker Andrij Schestak schilderte den Wandel der ukrainischen Erinnerungskultur seit 2014, etwa am Museum „Territory of Terror" in Lwiw, das entfernte sowjetische Denkmäler ausstellt.
Die Gruppe vereinte Partnerorganisationen der Stiftung aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Deutschland, Estland, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Polen, Russland, der Ukraine und dem Südsudan. Die Begegnung zwischen ukrainischen und russischen Teilnehmenden prägte die Woche. Eine ukrainische Teilnehmerin reiste am zweiten Tag ab. Andere blieben bewusst und sahen den Ort als Einladung, trotz aller Verletzungen miteinander zu sprechen.
Der Weg führte in Stille durch das Gelände von Auschwitz-Birkenau, ohne andere Besuchergruppen. Frieden, Versöhnung und gegenseitiges Verständnis entstehen nicht von selbst. Sie müssen gesucht, geübt und gestaltet werden, gerade an einem Ort wie diesem.
Renate Krekeler-Koch