Pfingstaktion und Jahresthema
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Zwei Porträts aus Lwiw/Ukraine von Karin Finkenzeller (Text) und Vitali Dovgopolyi (Fotos)
Wo ihr Vater im Einsatz ist, erfuhr Anna Sobolevska erst nach seiner Abreise. Beim Abschied im Juli hatte er gesagt, er werde als Kryptoanalytiker in der Region Kyjiw arbeiten, also dort verschlüsselte Nachrichten der russischen Armee für das ukrainische Militär in Klartext übersetzen. Doch als er sich vor ein paar Tagen telefonisch meldete, kam der Anruf von der Front. „Er hat sich freiwillig gemeldet“, erzählt die 18-Jährige in der westukrainischen Stadt Lwiw, wo sie trotz der Sorge um ihren Vater versucht, sich auf ihr Studium der politischen Wissenschaften zu konzentrieren. Ihr drittes akademisches Jahr begann im September, im vergangenen war sie die Zweitbeste ihres Jahrgangs.
Das allein würde sie schon für ein Stipendium qualifizieren. Doch daneben engagiert sich Anna in mehreren sozialen Projekten. Wenn Moskau nicht - wie erneut im August - auch Raketen und mit Sprengsätzen bestückte Kampfdrohnen bis weit in den Westen des Landes schickt, scheint der Krieg in Lwiw mit seiner Kulisse der K+K-Architektur im Stadtzentrum manchmal weit weg, nicht nur geografisch. „Aber auch hier können wir unsere Soldaten unterstützen“, sagt Anna. So hat sie zusammen mit 150 Schülerinnen und Schülern 600 Mahlzeiten für Armeeangehörige zubereitet. Sie haben Lebensmittelspenden in Supermärkten gesammelt, das ukrainische Nationalgericht Borschtsch aus Rote Bete, Zwiebeln, Weißkohl, Karotten, Kartoffeln und Rindfleisch gekocht und dann so getrocknet und verpackt, dass die Soldaten an der Front nur heißes Wasser darauf gießen müssen. „Es geht darum, Teenagern zu zeigen, wie sie Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen können.“
Lwiw war 2025 Europäische Jugendhauptstadt - unter ganz anderen Bedingungen, als es sich die jungen Menschen bei der Bewerbung 2021 vorgestellt hatten. Resilienz ist plötzlich das große Thema, den Optimismus und das Engagement für eine bessere Zukunft nicht zu verlieren, Kriegsversehrte in die Gesellschaft zu integrieren. Anna gehört zu den Organisatoren, und bis vor kurzem war sie auch Mentorin in einem Programm, bei dem Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen in den Fächern Geschichte, Mathematik und Fremdsprachen begleitet wurden.
Die junge Frau ist ein ermutigendes und beeindruckendes Beispiel einer Generation, die unter schwierigen Bedingungen in das Erwachsenenleben startet, darüber aber nicht lamentiert, sondern mit Tatkraft die eigene Zukunft und die der Gesellschaft mitgestalten will.
Yuri Sckola stammt aus Krywyj Rih, wie der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj. Als er 2020 seine Heimatstadt in der Zentralukraine zum ersten Mal überhaupt verließ, ging der heute 22-Jährige auf eine weite Reise: Er sollte für ein Schuljahr nach Tennessee in den USA wechseln. „Das hat für mich alles geändert“, sagt er. Seither blicke er nicht nur mit anderen Augen auf Krywyj Rih, er spreche und schreibe seither auch nicht mehr auf Russisch wie früher.
„Dass ich russifiziert war und die russische Sprache gar nicht meine Wahl war, wurde mir erst in den USA bewusst“, erzählt Yuri. „In der Schule waren wir als Kinder ausgelacht worden, wenn wir ukrainische Wörter benutzten.“ Viele Menschen in seiner Heimat seien aber nie aus Krywyj Rih heraus gekommen und kommunizierten heute entweder immer noch auf Russisch oder sprächen einen Mix aus Ukrainisch und Russisch.
An der UCU studiert Yuri Sprachen und Literatur: Latein und Altgriechisch in der klassischen Philologie, Ukrainisch, Englisch und Französisch in der modernen Philologie. Als Nebenfach hat er noch Psychologie gewählt. Weil kaum ein Kind oder Jugendlicher die Chance auf einen so markanten Perspektivwechsel habe wie er, engagiere er sich bei den Pfadfindern und betreue Sechs- bis Zwölfjährige, die so genannten Novakes. Das slawische Wort heißt übersetzt Neuling.
Yurii bringt sie in die Natur: „Da können sie Kinder sein, ihre eigene Persönlichkeit entdecken.“ Und ein paar Regeln für das Leben lernen, die er ihnen gerne beibringen möchte: „Dass sie die Gesetze des Fair Play nicht brechen sollen, zum Beispiel“. Dass der Weg zum Ziel führt, scheint nicht immer ganz einleuchtend in Zeiten des Krieges, wenn der Gegner sich nicht daran hält. „Aber ich versuche ihnen beizubringen, dass sie einen Unterschied machen können.“
Renovabis unterstützt die Stipendienstiftung der Ukrainischen Katholischen Universität bei der Vergabe von Stipendien an bedürft ige Studierende. Die Stiftung übernimmt die Studiengebühren und die Unterkunft im Wohnheim. Dafür beteiligen sich die Studierenden aktiv am Freiwilligen-Programm der Uni und tragen so zum sozialen Zusammenhang bei. Mehr als 600 junge Frauen und Männer können dadurch ihren Traum von einem Studium verwirklichen. Gleichzeitig gewinnt die ukrainische Gesellschaft gut ausgebildete junge Menschen. Möglich ist das auch dank der großzügigen Unterstützung der Spenderinnen und Spender von Renovabis.