Jingalov Hats
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Eine Reportage aus Armenien von Daniel Pelz mit Fotos von Maximilian Gödecke
Gohar Sargsyan backt ein kleines Stück Heimat: Schnell schneidet sie Kräuter, mischt Mehl und Wasser, knetet kleine Fladen. Die flachen Kräuterbrote heißen Jingalov Hats - in Armenien ein beliebter Snack, für Gohar viel mehr: „Ich vermisse meine Heimat so sehr“, sagt die fünffache Mutter, ihr Blick wandert zu Schüsseln und Speiseöl vor ihr auf dem Tisch.
Wie Familie Sargsyan stammen auch die Brote ursprünglich aus Bergkarabach. In der Sowjet-Ära wird die Region an Aserbaidschan angegliedert, obwohl dort damals mehrheitlich Armenier leben. Sie rufen 1991 einen eigenen Staat aus, völkerrechtlich gehört das Gebiet aber weiter zu Aserbaidschan. Dessen Truppen greifen im September 2023 an, um die aus ihrer Sicht illegale Besetzung zu beenden.
Gohar und ihre Familie fliehen in Todesangst nach Armenien – wie fast alle Bewohner Bergkarabachs. Nicht zum ersten Mal: Schon 2020 mussten sie nach Armenien fliehen, konnten aber wieder zurückkehren. Sie investierten Zeit und Geld in ein neues Haus in Bergkarabach – nur, um es nach vier Monaten schon wieder verlassen zu müssen. Diesmal für immer: Die Republik Artsakh (Bergkarabach) wurde am 1. Januar 2024 offiziell aufgelöst. „Ich habe die Haustür nicht abgeschlossen. Ich wollte nicht, dass die künftigen Bewohner sie zerstören. Es war doch noch alles neu“, sagt Gohar, während ihr Blick in die Ferne schweift.
In Jeghegnadsor, einer verschlafenen Kreisstadt im Süden Armeniens, kommt die Familie schließlich an. Hilfe bekommen sie von der lokalen Nichtregierungsorganisation Community Development NGO, finanziert von Renovabis. Um die unmittelbare Not zu lindern, versorgte die NGO die Familie zunächst mit Lebensmitteln und Betten in einer Notunterkunft. Dazu kam ein Trauma-Seminar, um die psychischen Folgen der Flucht zu verarbeiten.
Inzwischen hat die Familie das Notquartier verlassen und in einem bescheidenen Haus Unterkunft gefunden: In den Schlafzimmern stehen nur einige klapprige Bettgestelle. Das Wohnzimmer wirkt mit seinem winzigen Tisch, dem durchgesessenem Sofa und einem Buffetschrank schon fast vollgestellt. Dank einer Solartherme hat Gohars Familie wenigstens warmes Wasser, sonst spendet nur ein wackeliger Ofen in den bitterkalten Wintern etwas Wärme.
Um diese Situation zu verbessern, hilft die NGO bei der Jobsuche. Dadurch hat Gohar eine Anstellung als Köchin gefunden. Ihr Mann jobbt als Taxifahrer. Damit gehören die beiden zu den Glücklichen, viele andere Geflüchtete haben gar keine Arbeit. Doch einen Job zu finden, ist nicht das einzige Problem: „Die Löhne sind hier sehr niedrig“, klagt Gohar.
Gohar vermisst ihr altes Leben jedoch nicht nur wegen der Wohn- und Arbeitssituation: „In Bergkarabach war der Umgang viel wärmer. Immer war jemand zum Frühstück oder Abendessen da“, sagt sie. Und ist gleichzeitig froh, in Jeghegnadsor zu leben und nicht in der anonymen Millionenstadt Jerewan, wo viele Geflüchtete noch immer kaum Kontakte haben: „Wir fühlen uns hier wohl, wir haben viele Freunde gefunden“, sagt Gohar, während die Berge hinter ihrem Haus golden in der Sonne leuchten und eine kleine Katze über den Hof flitzt.
Die meisten Flüchtlinge aus Bergkarabach leben in Armeniens Hauptstadt Jerewan. Dort gibt es Jobs, einfacher ist die Integration aber in Regionen wie Jeghegnadsor, sagt Renovabis-Projektpartner Harutyun Harutyunyan von der Community Development NGO: „Sie können sich in den Kleinstädten und Dörfern viel schneller integrieren als in Jerewan, wo man oft nicht mal weiß, wo mein Nachbar arbeitet oder man sich im Aufzug nicht mehr grüßt“, sagt er.
Bei der Integration hilft die Community Development NGO kräftig mit: Etwa durch Tanz- und Malclubs möchte sie Kinder aus Armenien und Bergkarabach zusammenführen. An diesem Mittwoch trifft sich in der Halle hinter dem Büro der Organisation in Jeghegnadsor der Malclub: 21 Kinder und Jugendliche sind dabei, 14 kommen aus Bergkarabach.
„Am Anfang haben die Kinder fast nur mit dunklen Farben gemalt. Viele konnten sich kaum konzentrieren, sie konnten keine Stunde stillsitzen und manche waren äußerst aggressiv“, sagt Kunstlehrer Aram Smbatyan. Heute ist das anders: Die Wände sind mit Bildern in fröhlichen Farben gepflastert: Landschaften, Herzen oder Comicfiguren in gelb, rot oder grün. Und doch kommt die Erinnerung in den Bildern der geflüchteten Kinder immer wieder hoch: Elisa, 11, hat gerade die Kathedrale der Stadt Schuschi in Bergkarabach gemalt, wo sie früher immer sonntags mit ihren Eltern war.
Durch die Angebote wie den Malclub sollen die Kinder nicht nur ihre Trauer über den Verlust der Heimat verarbeiten. Ganz bewusst hat die NGO auch Kinder aus der Gegend um Jeghegnadsor eingeladen – so können die Kinder und Jugendlichen aus Bergkarabach und aus der Region schneller Freundschaften schließen. Bei Elisa hat das schon gut geklappt: „Ich habe hier auch Freunde gefunden, das war gar kein Problem“, sagt sie stolz.
Für Projektkoordinatorin Hayarpi Aghakhanyan von der Community Development NGO sind Erfahrungen wie die von Elisa ein klares Zeichen, wie viel die Kinder und Jugendlichen vom Projekt in ihren Alltag mitnehmen können: „Wir glauben, dass sie diese Freundschaften und Netzwerke weiterführen werden, in der Schule, in anderen Clubs. Das ist ja auch unsere Mission: Wir helfen ihnen zu wachsen, und dann ohne unsere Hilfe weitere Schritte zu machen.“