Pfingstaktion und Jahresthema
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Eine Reportage aus Armenien von Daniel Pelz mit Fotos von Maximilian Gödecke
„Musik an“ ruft Lyoka. Einer der Jugendlichen wischt über sein Handy-Display und die ersten Beats dröhnen durch den Seminarraum. Lyoka, der schmächtige 36jährige Rapper und Kursleiter, ist sofort auf den Beinen, tanzt im Rhythmus. Die acht Jungen und Mädchen, die an dem Rapkurs teilnehmen, machen mit, erst etwas steif und dann sichtlich begeistert.
Gut 90 Minuten haben sie Zeit, einen Song zu komponieren. „Ihr müsst ehrlich in euren Texten sein und dem Publikum eure Gefühle mitteilen“, mahnt Lyoka, der eigentlich Valery Ghazaryan heißt. Er ist einer der berühmtesten Rapper Armeniens. Sechs Millionen Mal ist sein bekanntester Song “Bringt mich heim“ auf YouTube abgespielt worden.“
Der traurige Glanz in seinen dunklen Augen zeigt, wie unerfüllbar dieser Wunsch ist. Dreimal floh er vor dem Krieg in seiner Heimat Bergkarabach nach Armenien, zuletzt im September 2023. Seit dem Zerfall der Sowjetunion hatten sich Armenien und Aserbaidschan mehrfach blutige Kriege um die Region geliefert, die bis dahin mehrheitlich von Armenien bewohnt war, aber nach internationalem Verständnis zu Aserbaidschan gehört. Zweimal konnte Lyokas Familie zurückkehren. Nachdem Aserbaidschans Armee die Region 2023 erobert hatte, war das nicht mehr möglich.
„Ich habe meinen Schmerz in Kunst verwandelt, ich bin dadurch stärker geworden und habe gelernt, nach vorne zu blicken“, sagt Lyoka. Das will er auch den Teilnehmenden des Programms „Create to Change“ der lokalen Nichtregierungsorganisation KASA mitgeben.
„Die Vertreibung 2023 war nicht nur ein Trauma für die Menschen aus Arzach (ein traditioneller Name für Bergkarabach), sondern für beide Gesellschaften. Wie man darüber redet oder wie man - abhängig von den eigenen Erfahrungen - damit umgeht ist unterschiedlich, aber es war ein Trauma für alle und wir müssen es gemeinsam überwinden“, sagt KASA-Chefin Monika Sargsyan.
„Create to Change“ soll dabei helfen, mit neuen Ansätzen. Um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, lernen sie in Workshops, Online-Trainings und Mentoringprogrammen etwa Rappen, Comic-Zeichnen oder Theaterspielen. Anschließend sollen sie ihr Wissen an 500 andere junge Menschen weitergeben. Die 30 jungen Menschen, die derzeit insgesamt am Programm teilnehmen, sind zwischen 15 und 29 Jahre alt, gut ein Drittel von ihnen stammt aus Bergkarabach.
Zum Beispiel Inessa Sarukhanyan,aus dem Rap-Kurs mit Lyoka. Die zierliche 18jährige musste 2023 aus Bergkarabach fliehen. Nun lebt sie mit ihrer Familie in der armenischen Hauptstadt Jerewan. „Ich vermisse unser Haus, die Friedhöfe mit den Gräbern unserer Soldaten und unsere Denkmäler“, sagt sie. In Armenien setzt sie ihr Studium als Buchhalterin fort, hat Freunde gefunden und möchte doch Teile ihres alten Lebens bewahren: „Nun da wir in Armenien leben ist es mir wichtig, dass wir unsere Kultur bewahren und an die nächsten Generationen weitergeben“, sagt sie.
Und das geht nicht nur mit Musik: Auf den Tischen im Seminarraum nebenan türmen sich Papierrollen, dicke Filzstifte und bunte Notizzettel. „Ich zeige euch jetzt die Grundlagen des Graphic Recordings“ sagt eine der Trainerinnen. In einfachen Bildern und kurzen Texten sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Projekt skizzieren, dass sie gerne umsetzen möchten. „Drückt mal einfach eure Ideen aus und ich begleite euch dabei“, sagt sie.
Vahrati Manukyan hat schon eine Idee: Er will lernen, ein Brettspiel zu entwickeln. Der schlaksige 15jährige stammt aus einer Kleinstadt in Armeniens Süden und sagt: „Viele junge Menschen interessieren sich nicht für unser kulturelles Erbe und das Ergebnis ist, dass viel davon verloren geht“. Durch die Seminare hat er gemerkt, dass viele Geflüchtete ähnliche Sorgen haben: „Es gibt viele historische Monumente in Bergkarabach, die zerstört oder vergessen werden.“ Laut Berichten der US-amerikanischen Cornell Universität sollen aserbaidschanische Truppen mehrere armenische Kirchen und Friedhöfe in Bergkarabach beschädigt und andere Kulturdenkmäler zerstört haben. Durch das Projekt will Vahrati Wege finden, die Erinnerungen an das kulturelle Erbe Armeniens und Bergkarabachs zu erhalten.
Kurz vor der Mittagspause kommen alle im großen Seminarraum zusammen, um die Ergebnisse der Kleingruppen zu präsentieren. „Habt ihr etwas dagegen, wenn wir unsere Präsentation im Dialekt von Bergkarabach machen?“ fragt ein Mädchen aus der Rap-Gruppe. Im Alltag tun sich viele Armenier mit dem Dialekt der Geflüchteten noch immer schwer. Aber hier rufen alle wie aus einem Mund „Nein.“