02.04.2026 – Reportage-Impuls Serbien

Wo Zusammenhalt Perspektiven schafft

Caritas-Initiativen in Serbien geben jungen Menschen Mut, Verantwortung zu übernehmen - und im eigenen Land Zukunft zu gestalten. Ob im Friseursalon, in der Werkstatt oder im Klassenzimmer: Aus Engagement und Glauben wächst neue Hoffnung. So entsteht Zusammenhalt, der bleibt.

Eine Reportage von Markus Nowak (Text und Bilder)

Ein Föhn surrt und übertönt die serbische Popmusik aus dem Radio. In der Luft liegt der Geruch von Haarspray. Mina beugt sich über den Kopf einer Kundin und wickelt eine Strähne um den Lockenstab. „Ich wusste immer, dass ich Friseurin werden will“, sagt sie, als sie zwischen zwei Kundinnen eine Pause einlegt. Ihr Blick wandert durch den hellen Raum des Beautysalons in der nordserbischen Stadt Zrenjanin.

Der Weg hierher war für Mina nicht einfach. Nach der Schule in ihrem Dorf Elemir, eine halbe Stunde von Zrenjanin entfernt, fand die heute 23-Jährige keine Ausbildung. Zwei Jahre stand sie daher in einer Autozulieferer-Fabrik bei Novi Sad am Fließband. Eineinhalb Stunden Anfahrt und danach Zwölf-Stunden-Schichten. „Es war wirklich schwer, eigentlich Männerarbeit“, erinnert sie sich.

Dann habe sie von YourJob, ein von der Caritas getragenes und von Renovabis mitfinanziertes Programm, erfahren. YourJob unterstützt junge Erwachsene beim Einstieg ins Berufsleben. Dazu gehören persönliche Berufsberatungen, Trainings zu Bewerbung und Auftreten, Kurse sowie Kontakte zu Betrieben, die bereit sind, junge Leute Schritt für Schritt anzuleiten und auszubilden. In Serbien ist diese Unterstützung besonders wichtig. Der Weltbank zufolge ist dort einer von fünf jungen Erwachsenen unter 24 Jahren ohne Arbeit (21,4 Prozent im Jahr 2024). Besonders auf dem Land finden sie kaum Perspektiven.

Deshalb arbeitet die Caritas mit lokalen Unternehmerinnen wie Danijela Mijatov zusammen, die jungen Menschen den Einstieg ermöglichen und sie begleiten. Vor einem Jahr nimmt die Friseurmeisterin Mina in ihrem Salon auf. „Ich will jungen Leuten eine Möglichkeit geben, die sonst kaum eine hätten“, sagt sie. „Viele von ihnen haben keine Erfahrung, aber sie bringen Energie mit – und wenn man sie fördert, blühen sie auf.“ Mina, sagt sie, sei das beste Beispiel dafür.

Mina steht hinter Kundin im Friserusalon und kämmt deren Haare.
Nach zwei Jahren harter Arbeit am Fließband in einer Autozulieferer-Fabrik hat Mina ihren Traumberuf im Friseursalon gefunden.
Quelle: Markus Nowak
Porträtfoft von Danijela Mijatov, der Chefin von Mina, vor dem Beautysalon.
Die Caritas arbeitet mit lokalen Unternehmerinnen wie Danijela Mijatov zusammen, die jungen Menschen den Einstieg in den Beruf ermöglichen.
Quelle: Markus Nowak

Menschen sichtbar machen, die sonst keiner sieht

Jugendliche wie Mina auf ihrem Weg in die Arbeitswelt zu begleiten – das ist die Aufgabe von Dijana Vašaš Kuručev. Sie arbeitet für das Programm YourJob und hat in den vergangenen Jahren mehr als 200 von ihnen unterstützt – vielen konnte sie eine konkrete Perspektive eröffnen. „Wir wollen junge Menschen sichtbar machen, die sonst niemand sieht“, sagt die Caritas-Mitarbeiterin, die selbst einmal ohne Arbeit war und sich anfangs ehrenamtlich bei der Caritas engagierte. „Manche Jugendliche wissen nicht, was sie einmal werden wollen, andere haben jede Hoffnung verloren“, sagt sie. „Wir hören zu, wir suchen gemeinsam nach Lösungen. Manchmal reicht es, wenn jemand einfach da ist und an sie glaubt.“

Auch Aleksa Božović hat jemanden gefunden, der an ihn glaubt. Wo Druckluft zischt und Schraubenschlüssel klirren, beugt er sich über den Motor eines Autos. Fünf Monate hospitiert der 20-Jährige nun schon in der Werkstatt von Daniel Jovin – seine erste feste Arbeitserfahrung. „Ich bin sehr dankbar für diese Chance“, sagt er, denn einen Job konnte auch er nach der Schule nicht finden. Seine Mutter ist alleinerziehend, Geld war immer knapp. „Ich will etwas beitragen, damit wir über die Runden kommen.“

Jovin, 47, führt die Werkstatt seit 25 Jahren. „Lernen heißt hier: machen“, sagt er. Über das Caritas-Programm YourJob nahm er Aleksa zunächst als Praktikanten auf und will ihn später weiter beschäftigen. „Viele Jugendliche wollen arbeiten, aber sie finden nichts“, stellt er fest. Viele verlassen dann auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat und wandern aus. „Wir brauchen sie hier, nicht im Ausland.“

Aleksa Božović steht zusammen mit seinem Chef Daniel Jovin vor einer geöffneten Motorhaube in der Werkstatt.
Aleksa Božović (rechts) arbeitet seit fünf Monaten in der Werkstatt von Daniel Jovin.
Quelle: Markus Nowak
Jovica Vučinić hält zusammen mit einem Schüler eine Feuerwehr-Spritzpistole in der Hand und erklärt den Kindern, wie die Feuerwehr im Notfall arbeitet.
Schülerinnen
und Schülern das
richtige Verhalten im Notfall.
Jovica Vučinić erklärt den Schülerinnen und Schülern, wie die Feuerwehr im Notfall arbeitet.
Quelle: Markus Nowak

Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich halbiert

Die Bedeutung solcher Initiativen könne man nicht hoch genug einschätzen, sagt László Kardinal Német. Der 69-Jährige ist Erzbischof von Belgrad, war zuvor auch Bischof von Zrenjanin und kennt daher die Situation in der serbischen Provinz, wo es für Jugendliche weniger einfach ist einen Job zu finden, als in der Hauptstadt. „Projekte wie YourJob geben jungen Menschen eine Perspektive in Serbien“, sagt er. „Sie zeigen, dass sie hierbleiben können.“ Denn viele stünden vor der Wahl zwischen Weggehen und Bleiben. „Wenn jemand Arbeit findet, Verantwortung übernimmt, dann bleibt er bei der Familie – und das stärkt die Gemeinschaft.“ Immerhin: In den letzten 12 Jahren hat sich die Jugendarbeitslosigkeit in Serbien halbiert - auch dank Initiativen wie YourJob.

Und obwohl die katholische Gemeinschaft in Serbien mit gerade einem Prozent Bevölkerungsanteil sehr klein sei, habe sie durch ihr soziales Engagement einen wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft. „Sie ist da, wo andere fehlen, und gibt den Menschen Vertrauen,“ sagt Német. Gerade in schwierigen Zeiten habe die Kirche gezeigt, dass sie verlässlich bleibt. „Wir sind nur wenige, aber unsere Präsenz wird gesehen, weil sie konkret ist.“

Aus Vertrauen wird Sicherheit

Damit aus einzelnen Erfolgsgeschichten ein gemeinsames Wachsen entsteht, setzt die Caritas als lokaler Partner von Renovabis nicht nur bei Arbeit und Ausbildung für Jugendliche an, sondern auch dort, wo Vertrauen und Zusammenhalt im Ernstfall tragen müssen: bei der Vorbereitung auf Krisen und Katastrophen. Serbien hat in den vergangenen Jahren mehrfach erlebt, wie verletzlich Gemeinden sind – von den schweren Überschwemmungen 2014 mit vielen Toten bis zu wiederkehrenden Sommerdürren und Waldbränden. Viele Gemeinden merkten dabei, wie sehr es an klaren Abläufen und vorbereitetem Personal fehlt. Auch an Schulen gibt es bislang nur selten feste Strukturen für Evakuierungen oder Notfallübungen.

Deshalb hat die Caritas das Programm „Response" ins Leben gerufen. Auf dem Schulhof der Grundschule „Sremski Front“ in der nordserbischen Stadt Šid zeigt sich, was das konkret bedeutet. Statt Mathe oder Geografie steht heute Katastrophenschutz auf dem Stundenplan: Ein Alarm ertönt, Lehrerinnen rufen die Kinder aus den Klassenräumen. In geordneten Reihen gehen sie ins Freie. Für viele Kinder ist es das erste Mal, dass sie überhaupt lernen, geordnet zu evakuieren, Gefahren zu erkennen oder sich im Notfall richtig zu verhalten. Eine einfache Übung – und doch ein entscheidender Schritt.

„In den vergangenen Jahren hatten wir viele Katastrophen und extreme Wetterlagen“, sagt Ana Đergović, Koordinatorin des „Response"-Programms der Caritas Serbien. Die Schäden, erzählt sie, seien jedes Mal erheblich gewesen – wirtschaftlich, aber auch für viele Familien persönlich. Doch für Đergović geht es weniger um die Katastrophen selbst als um die Stärkung der Menschen davor und danach: „Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein – nicht nur für sich selbst, sondern füreinander.“ Ziel von „Response" – Englisch für „Antwort“ – ist es daher, dieses Wissen in Schulen und Gemeinden zu verankern: als Basis für eine resiliente Gesellschaft, die Verantwortung teilt und aufeinander Acht gibt.

Auf dem Sportplatz neben der Schule steht Jovica Vučinić in Feuerwehruniform. Der 32-Jährige ist Berufsfeuerwehrmann in Šid – und heute ausnahmsweise Lehrer für einen halben Tag. Neben ihm liegen Schläuche, Helme und eine Atemschutzmaske, umgeben von neugierigen Erstklässlern. „Das Wichtigste ist, keine Angst zu haben“, ruft er in die Runde. „Angst bringt Chaos – und Wissen rettet Leben.“ Dann zeigt er, wie man einen Notruf absetzt, wie man Ruhe bewahrt und wie man anderen hilft.

Vučinić betont, dass solche grundlegenden Kenntnisse in vielen Familien kaum vorkommen – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie nie Teil des Alltags waren. „Response" füllt diese Lücke und bringt Kinder, Lehrer und Eltern erstmals systematisch ins Gespräch über Sicherheit und Verantwortung.

Nach der Übung setzt Jovica den Helm ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Schon sein Vater sei Feuerwehrmann gewesen, erzählt er und so habe auch er früh gewusst, dass er helfen wolle. „Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es nicht nur um Technik geht, sondern um Menschen. Um das, was man füreinander tun kann.“

So wie Mina in ihrem Salon und Aleksa in der Werkstatt steht auch Jovica für das, was Kirche und Caritas in ganz Serbien fördern: Menschen, die bleiben, sich einbringen, füreinander einstehen – und dadurch zusammenwachsen.

Video-Reportagen aus Serbien

Das könnte Sie auch interesssieren...

Mitmachen

Pfingstaktion und Jahresthema

Was hält unsere Gesellschaft im Innersten noch zusammen, wenn die Risse tiefer werden? Die Pfingstaktion 2026 setzt unter dem Leitwort „zusammen_wachsen“ ein Zeichen gegen die Spaltung. Entdecken Sie, wie konkrete Projekte in Osteuropa Hoffnung säen und wie Sie dabei helfen können.

Weiterlesen 
Reportage-Impuls Armenien

Von Geflüchteten zu Freunden

Die Menschen, die 2023 aus Bergkarabach ins benachbarte Armenien geflohen sind, haben eine neue Heimat gefunden, sie bauen sich ein neues Leben auf. Doch das Ankommen ist nicht leicht. Damit aus Geflüchteten Freunde werden, braucht es mehr als ein Dach über dem Kopf.

Weiterlesen 
Rezept aus Armenien

Jingalov Hats

Jingalov Hats - das sind aromatische Fladenbrote, gefüllt mit einer Vielzahl frisch gehackter Kräuter und grüner Gemüsesorten. Das traditionelle armenische Gericht kommt ursprünglich aus Artsakh (Bergkarabach) und ist wegen seiner leicht verfügbaren Zutaten nach wie vor sehr beliebt.

Weiterlesen 
Inhalt erstellt: 04.03.2026, zuletzt geändert: 02.04.2026

Unsere Newsletter

Die Speicherung und Nutzung Ihrer Daten erfolgt ausschließlich für die Zusendung des Newsletters. Sie können sich jederzeit durch einen Link direkt im Newsletter abmelden und damit Ihre Zustimmung widerrufen. Nach dem Klick auf „Abonnieren“ erhalten Sie eine Mail von Renovabis. Bitte klicken Sie den darin angegebenen Link an, um Ihre Anmeldung zu bestätigen. Leider kann es passieren, dass die Mail im Spam-Ordner landet – schauen Sie ggf. auch dort nach. Lesen Sie auch unsere Hinweise zum Datenschutz.