Gedenkstätte Paneuropäisches Picknick: Grenzübergang St. Margarethen
Gedenkstätte Paneuropäisches Picknick: Grenzübergang St. Margarethen
Foto: de.wikipedia.org, gemeinfrei
19.08.2019 – 1989

„Paneuropäisches Picknick“ – ein Akt der Zivilcourage

Am 19. August vor 30 Jahren nutzten zahlreiche Bürger der DDR die Möglichkeit, über die offene Grenze von Ungarn nach Österreich und damit in die Freiheit zu fliehen. Wie es dazu kam, schildert der Zeitzeuge Georg Lang, Gründungsvorsitzender des Kolpingwerkes Ungarn.

Vorbereitungen

Eine der ersten Aufgaben war die Kontaktaufnahme mit den Schirmherren. Imre Pozsgai bekundete gleich sein Wohlwollen, am 10. Juli stimmte man sich auch mit Otto von Habsburg ab. Der Zeitpunkt der Veranstaltung mit dem endgültigen Namen „Paneuropäisches Picknick” wurde auf den 19. August festgelegt, um nicht mit dem Nationalfeiertag Sankt Stefan am 20. August zu kollidieren.

Bereits am 31. Juli traf Maria Filep in Sopron ein. Am Tag darauf erfolgte in der Wohnung von Paul Csóka eine in Details gehende Besprechung, und es konnte noch am 1. August mit Hilfe der Grenzwache der Ort für die Aktion gefunden werden. Vom „alten Eisernen Vorhang”, der nicht genau an der Grenzlinie verlief, sondern einige hundert Meter landeinwärts, war nämlich nicht mehr viel vorhanden. Der größte Teil war schon abgerissen und entfernt worden. Man wollte aber, dass die Teilnehmer ein Stück Draht aus dem „Eisernen Vorhang” als Andenken bekommen sollten, gemäß dem Slogan „abtrennen und mitnehmen“. Das Staatsgut Sopron plante, bei Sopronpuszta einen Wildpark einzurichten, deshalb beließ die Grenzwache in diesem Abschnitt den Drahtverhau. Man erlaubte großzügig den Abriss einiger Meter des Drahtzauns mit der Vorgabe der nachträglichen Wiederherstellung desselben.

Gleichzeitig arbeitete man auch im fernen Debrecen am gemeinsamen Projekt: Es entstand das Emblem des Picknicks, eine den Stacheldraht durchbrechende weiße Taube. Mit Hilfe örtlicher Sponsoren wurden T-Shirts mit diesem Emblem hergestellt, ein Aufruf in 5.000 Exemplaren gedruckt, Lebensmittel und Getränke für das Picknick beschafft und zwei Busse für die Fahrt der Teilnehmer nach Sopron bereitgestellt. Am 4. August schickten die Soproner die Landkarte vom endgültigen Ort der Grenzöffnung per Fax nach Debrecen. Am selben Tag teilte Imre Pozsgai mit, dass ihn der Staatssekretär László Vass vertreten würde. Bald darauf wurde bekannt, dass in Vertretung Otto von Habsburgs seine Tochter Walburga von Habsburg nach Sopronpuszta kommen würde.

In Sopron arbeitete man an der örtlichen Vorbereitung des Festes. Es wurden Abstimmungen mit der Grenzwache und den zuständigen Behörden getroffen. Am 10. August führten die Vertreter der Veranstalter und der Fachbehörden eine Ortsbesichtigung durch. In einem Protokoll wurden die Pflichten der Veranstalter festgehalten. Um die Teilnahme der österreichischen Gäste zu ermöglichen, schlug László Magas vor, einen provisorischen Grenzübergang einzurichten. In der Nähe, direkt an der Grenze gab es einen Drahtzaun mit einem Holztor auf der Straße Richtung Sankt Margarethen/Burgenland, wo es seit 1948 keinen Grenzübergang mehr gab. Das Tor war mit Kette und Vorhängeschloss versehen, der Schlüssel dazu war freilich unauffindbar! Die vorläufige Grenzöffnung sollte hier stattfinden, beide Länder mussten ihre Genehmigung dazu erteilen.

Auf ungarischer Seite ging dies dank der wirkungsvollen Hilfe des Staatsministers Pozsgai recht schnell. Von ihm bekam Maria Filep die Namen und Telefonnummern der Verantwortlichen, die befugt waren, die Genehmigung zu erteilen. Als Ergebnis genehmigte der Leiter der Grenzwache die Öffnung der Grenze am 19. August zwischen 15 und 18 Uhr durch das Tor an der Landstraße nach Sankt Margarethen.

Zu Österreich verfügten die Organisatoren jedoch über keinerlei Kontakte. Der Soproner Aktivist Paul Csóka erhielt die Aufgabe, irgendwo im Burgenland einen zuständigen Partner zu finden. Am 11. August, also acht Tage vor der schon öffentlich angekündigten Veranstaltung, traf Csóka auf den Bürgermeister von St. Margarethen, Andreas Waha. Ein Polizist wies ihm den Weg – Herr Waha war nämlich gerade mit der Eröffnung der Weintage beschäftigt. Der Bürgermeister fand die Idee unglaublich, hielt auch den Plan wegen der nur noch verbleibenden acht Tagen für unausführbar. Als er jedoch das komplett fertige Informationsmaterial und die bereits hergestellten deutschsprachigen Plakate sah, wurde er euphorisch.

Am 14. August wurden von Sopron an die Burgenländische Sicherheitsdirektion, am 17. August an die österreichische Zollkommandantur schriftliche Gesuche abgesandt. Im Hintergrund war Herr Waha ununterbrochen damit beschäftigt, in der Angelegenheit „Grenzöffnung“ Telefonate zu führen, da unter Einhaltung des normalen Dienstweges keine der erforderlichen Genehmigungen hätte erteilt werden können. So wurde dann am 19. August die Grenze von der österreichischen Zollwache nur aufgrund der telefonisch mündlich gegebenen Bewilligung geöffnet!

Außer der Erledigung der offiziellen Erfordernisse informierte Herr Waha aber „so nebenbei” noch die ganze Region am Neusiedler See. Erst am Tag des Picknicks wurden die Folgen sichtbar: Die Öffnung der Grenze nach 41 Jahren brachte auf österreichischen Seite eine Art Völkerwanderung in Gang, welcher dann den geplanten Marsch der ungarischen Delegation am 19. August nach St. Margarethen unmöglich machte!

Die heimische Propaganda arbeitete trotz der primitiven Möglichkeiten und der geringen Zahl der Organisatoren hervorragend. In Debrecen besorgten sie die Adressen der Auslandsvertretungen in Ungarn, und 25 Botschaften erhielten Programm und Informationsblatt in englischer Sprache zusammen mit einer entsprechenden Landkarte.

Radio „Freies Europa” in München – einige Reporter waren alte Bekannte von Maria Filep – berichtete über das Ereignis und warb dafür. Nacheinander meldeten sich auch westliche Fernsehstationen wie SAT 1 und ORF. In der Wohnung von László Magas in Sopron gaben sich in den letzten zwei, drei Tagen die Fernsehstäbe die Klinke in die Hand. Die Anwesenheit der europäischen Fernsehgesellschaften war weniger überraschend, als jedoch ein Drehteam aus Neuseeland eintraf, war das schon mehr als auffällig – vielleicht ebenso wie das Fernbleiben des ungarischen staatlichen Fernsehens!

Die Handvoll Personen des Organisationsteams waren in Dauereinsatz. Man achtete peinlich auf die Einhaltung der behördlichen Vorgaben, denn es war zu befürchten, dass die Verletzung irgendeiner Vorschrift zu einem Verbot der Veranstaltung führen könnte. Ein solcher Stolperstein war die Anweisung der Gesundheitsbehörde, wonach der Teilnehmerzahl entsprechend ausreichend Sanitäranlagen aufgestellt werden müssten. Die Veranstalter gaben vorerst 15.000 Personen als zu erwartende Gäste an, wobei letzten Schätzungen zufolge mit der zehnfachen Zahl zu rechnen war!

Die Freunde aus Debrecen kamen am 17., 18. und am Morgen des 19. August gruppenweise an und halfen bei den noch anstehenden Arbeiten mit. Auf dem Gelände des Festes wurde eine Bühne gezimmert, Zelte errichtet, Verstärker aufgebaut, es wurden Äste gesammelt und Holz für das Lagerfeuer beschafft und schließlich auch noch Wegweiser aufgestellt.

Damit waren die Vorbereitungsarbeiten beendet. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich schon zahlreiche DDR- Bürger in der Stadt auf, die aber nicht zufällig nach Sopron gereist waren. Davon aber wussten die Organisatoren herzlich wenig!

Der historische Tag

Das offizielle Programm begann am 19. August 1989 um 14 Uhr mit einer internationalen Pressekonferenz auf der Terrasse des Soproner Hotels Löver. Die Reden der Organisatoren Maria Filep, Ferenc Mészáros, László Nagy und anderer wurden in ungarischer, deutscher und englischer Sprache gehalten. Zahlreiche internationale Pressereporter beobachteten die Vorgänge. Wegen der vielen Fragen und der Übersetzungen zog sich die Pressekonferenz über die geplante Zeit hinaus.

Planmäßig hätte die von Ferenc Mészáros angeführte Delegation mit dem Bus um 15 Uhr an der Grenze eintreffen müssen und hätte von dort zu Fuß zum Marktplatz von St. Margarethen gehen sollen, wo Bürgermeister Andreas Waha und Paul Csóka zum Empfang mit der Blaskapelle bereit standen. Anschließend wären die ungarische und die österreichische Delegation gemeinsam zurück zur Grenze und weiter zum Ort des Picknicks gegangen, wo das weitere Programm stattfinden sollte. Soweit der Plan! In Wirklichkeit aber hatte sich Ferenc Mészáros eine halbe Stunde verspätet und so musste der Bus schon ca. 100 Meter vor der Grenze halten, weil man wegen einem riesigen Tumult nicht mehr weiterfahren konnte! An der Grenze herrschte das Chaos! Was war geschehen?

Der ungarische Oberstleutnant Bella, Kommandant des provisorischen Grenzübergangs, erinnert sich wie folgt: „Dann trafen die Kollegen aus Österreich ein. Ich besprach mit meinem Partner Johann Göltl, wie wir uns den Grenzübertritt der Delegationen vorgestellt haben. Wir unterhielten uns und warteten. Ein paar Minuten vor 15 Uhr erschien auf dem etwa 100 Meter weit einsehbaren Straßenabschnitt eine Gruppe von Fußgängern, von welcher sich beim Näherkommen herausstellte, dass es mit Sicherheit nicht die ungarische Delegation war, sondern vermutlich eine Gruppe aus der DDR. Ich ging auf sie zu. Aus der ersten Kommunikation wurde ersichtlich, dass sie sich in Richtung Österreich entfernen wollten. Für weitere Fragen und Antworten ließen sie uns keine Möglichkeit. Sie drückten die Türflügel ein, rannten wie der Blitz an uns vorbei und verursachten ein großes Durcheinander.“

Nach der ersten Welle trafen weitere Flüchtlinge in Gruppen, als Familie, aber auch einzeln am Grenzübergang ein. Die ungarischen Grenzsoldaten führten die Passkontrolle der österreichischen Gäste so durch, dass sie mit dem Rücken zur ungarischen Seite standen. Die Flüchtlinge strömten an diesen von hinten vorbei umgehend über die Grenze. Die österreichischen Gäste gaben den Flüchtlingen höflich den Weg frei.

Als Andreas Waha und Paul Csóka in St. Margarethen von den Ereignissen erfuhren, eilten sie zur Grenze. Als der Bürgermeister sah, was geschah, fuhr er sofort zurück ins Dorf und bat Pensionen und Restaurants telefonisch um Hilfe bei der Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge. Auch sollte ihnen die Möglichkeit eingeräumt werden zu telefonieren. Die Kosten dafür übernahm die Gemeinde! Waha rief auch die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Wien an; in Abstimmung mit ihr bestellte er Busse für den Transport der deutschen Bürger.

Die Organisatoren an der Grenze beschlossen, dass trotz allem, was geschehen war, das Programm weitergehen soll, und machten sich gemeinsam mit der Delegation aus Österreich auf den Weg nach Sopronpuszta. Als Teil des Programms hielten Walburga von Habsburg und László Vass im Namen der Schirmherren ihre Reden. Unter anderen verlasen auch Teilnehmer eines von Maria Filep organisierten internationalen „Lagers der Schicksalsgenossen” den Aufruf der Veranstalter in acht Sprachen. Diese jungen Leute von Estland bis Jugoslawien fanden sich gerade Anfang August in Ungarn zusammen, um sich mit Schicksalsfragen zu beschäftigen, welche ihren Ländern bevorstanden.

Im Verlauf des Programms berieten die Organisatoren sich unter einander laufend darüber, welche Folgen zu erwarten waren. Ferenc Mészáros erinnert sich: „Während einer Rede, die ich nicht zu übersetzen brauchte, fragte mich der Berichterstatter der ‚Welt‘, Carl-Gustav Ströhm: ‚Was passiert mit Ungarn?‘ Ich antwortete, dass es sich in ein bis zwei Jahren herausstellen wird, ob wir an die Regierung kämen oder im Gefängnis landeten! Das machte ihm großen Spaß.“

Niemand wusste, welche Folgen die Geschehnisse an der Grenze haben würden. Jedenfalls ließ der verantwortliche Kommandeur der Grenzwache László Magas wissen: „Davon war aber nicht die Rede! Dem folgt sicher noch ein Nachspiel!” László Vass jedoch bewahrte seine Geistesgegenwart. Er sprach mit den Führern der Grenzwache und versicherte die Veranstalter, diese vor späteren Repressionen zu schützen. Immerhin hatte er den Rang eines stellvertretenden Ministers. So verlief das Picknick mit der Teilnahme von László Vass gemäß Programm weiter. Die mehreren tausend Gäste feierten gutgelaunt ihr Volksfest, es wurde Speck und Wurst gebraten, Bier und Wein getrunken, nebenbei der Zaun auf einer Kilometerlänge abgerissen, wörtlich gemäß des Mottos „abtrennen und mitnehmen“! Das Picknick hätte wahrscheinlich bis zum Morgen gedauert, aber die himmlischen Mächte mit Donner, Blitz und Platzregen machten dem historischen Tag ein Ende.

Nachwirkungen

Die persönlichen Risiken des Unternehmens waren groß, die Auswirkungen aber bedeutsam. Der Malteser-Hilfsdienst Ungarns sorgte weiterhin für die Unterkunft und Verpflegung der an die 50.000 DDR-Flüchtlinge. Dann wurde am 11. September die Grenze offiziell durch die Regierung Ungarns für die Flüchtlinge geöffnet. Am 9. November fiel die Berliner Mauer. Am 11. November siegte die „samtene Revolution in Prag. Am 15. Dezember erfolgte der Aufstand in Temeswar/Rumänien. Der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière sagte 1990: „Der Fall der Berliner Mauer begann in Sopron.“

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Inhalt erstellt: 19.08.2019, zuletzt geändert: 23.10.2019