
Quelle: Felix Korff (Ludwig Wolker Verein)

Im Sommer 2025 kamen 20 junge Erwachsene aus Deutschland und Armenien in der armenischen Hauptstadt Jerewan zusammen – zur deutsch-armenischen Jugendbegegnung „Stronger together! Civic Engagement, Media and the Power to Create Impact." Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 24 Jahre alt, viele von ihnen studieren Politikwissenschaften, Sozial- oder Geisteswissenschaften und engagieren sich in ihren Heimatländern in Gemeinden, Jugendverbänden oder zivilgesellschaftlichen Initiativen. Das Ziel der Begegnung: den interkulturellen Austausch zu fördern und voneinander zu lernen. Gleichzeitig lag ein Schwerpunkt darauf, praktische Medienkompetenzen zu vermitteln – damit die jungen Menschen digitale Medien verantwortungsvoll und kritisch nutzen können. Auch kirchliche und religiöse Aspekte spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Begegnung wurde von Renovabis im Rahmen des GoEast-Programms gefördert. Für Renovabis haben die Teilnehmenden ihre Eindrücke und Erfahrungen in eigenen Worten festgehalten und mit Fotos dokumentiert.
Nach einem ersten Kennenlernen tauchten wir in Kleingruppen in spannende Gespräche über das Leben in Deutschland und Armenien ein. Dabei standen Themen wie das Bildungssystem, Wehrpflicht und Gesellschaftsdienst, Religion und andere Lebenssphären im Mittelpunkt. Es war faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich und doch ähnlich viele Erfahrungen und Sichtweisen sind – sei es im Schulalltag oder im Umgang mit Traditionen. Nach dem Workshop machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Sewansee. Der Blick auf den tiefblauen See und die majestätisch auf einem Hügel gelegene Klosteranlage Sewanawank (Anm.: Wank = armenisch für Kloster) beeindruckten uns sehr - ein unvergesslicher Moment.
Der zweite Tag begann mit einem kunstvollen Auftakt: dem Besuch des Parajanov-Museums, das dem legendären Filmkünstler Sergei Parajanov gewidmet ist. Inmitten seiner außergewöhnlichen Collagen, Filmrequisiten und Objekte erhielten wir einen faszinierenden Einblick in die armenische Kulturgeschichte zwischen lokalem Ausdruck und sowjetischem Einfluss. Die Ausstellung zeigte eindrucksvoll, wie Parajanov Kunst, Identität und Freiheit in einer Zeit politischer Begrenzung neu definierte.
Im Anschluss ging es kulinarisch weiter – wir durften die berühmte armenische Pizza probieren. Gestärkt starteten wir danach in unseren ersten Workshop: Dabei diskutierten wir, wie junge Menschen durch soziale Medien gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und politische Diskurse mitgestalten können.
Den inspirierenden Abschluss des Tages bildete eine lebhafte Podiumsdiskussion zum Thema „Journalism and Storytelling in Armenia“. Moderiert von Marianna Piruzyan (Armenian Agency of Germany) wurde die Rolle von Medien, Wahrheit und Verantwortung in einer sich wandelnden Gesellschaft beleuchtet.
Der erste Stopp des folgenden Tages war das Armenian Genocide Museum. Die Architektur des Gedenkortes vermittelte ein Gefühl von Ernsthaftigkeit und Nachdenklichkeit, das sich beim Betreten des Museums noch verstärkte. Während der Tour erhielten wir tiefgehende Einblicke in die Geschichte des armenischen Volkes und die tragischen Ereignisse des Genozids. Besonders eindrucksvoll waren die persönlichen Berichte, Fotografien und Originaldokumente, die das Ausmaß des Leids greifbar machten und viele Teilnehmer spürbar bewegten.
Nach den intensiven Stunden im Museum ging es in unserer Unterkunft mit einer Cooking Masterclass weiter, bei der wir lernten, das traditionelle Zhingalov Hats (ein mit Kräutern gefülltes Fladenbrot) zuzubereiten. Es war faszinierend zu sehen, wie stark die armenische Küche mit Kultur und Gemeinschaft verbunden ist. Am Abend machten wir uns auf den Weg zu einer Walking Tour durch das Herz Jerewans. Die Lichter der Stadt, die Musik aus den Straßen und die lebendige Atmosphäre bildeten einen wunderbaren Kontrast zum ernsten Beginn des Tages.
Von Jerewan aus machten wir uns auf den Weg in die Region Kotayk. Unser erster Halt war das Geghard-Kloster, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Ein Teil des Klosters wurde direkt in den Felsen gehauen, was ihm eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. Gleich zu Beginn haben wir versucht, kleine Steine in eine Ausbuchtung zu werfen. Der Legende nach bringt es Glück, wenn der Stein liegen bleibt. Danach hatten wir Zeit, das Kloster selbst zu erkunden. Einige schauten sich die alten Felsräume genauer an, andere genossen den Blick auf die umliegenden Berge oder erkundeten die Gegend.
Weiter ging es zum Tempel von Garni. Er stammt aus dem 1. Jahrhundert nach Christus und ist der einzige erhaltene heidnische Tempel in Armenien. Er wurde dem Sonnengott Mithra geweiht und erinnert mit seinen Säulen stark an antike griechische Tempel. Während einer Führung erfuhren wir mehr über die Geschichte des Ortes.
In der deutschen Botschaft trafen wir am folgenden Tag Lars Hennig, den Ständigen Vertreter. Er führte seinen Karriereweg aus und erklärte die Interessen Deutschlands in Armenien sowie Deutschlands Unterstützung auf dem Weg in die Europäische Union. Der nächste Stopp: Das Matenadaran, das Mesrop-Mashtots-Institut für alte Manuskripte in Jerewan. Es ist eines der bedeutendsten Forschungs- und Archivzentren Armeniens und beherbergt mit über 23.000 Handschriften die weltweit größte Sammlung armenischer Manuskripte. Während einer informativen Führung erfuhren wir mehr über die Entstehung und Erhaltung dieser einzigartigen Werke und betrachteten unter anderem prachtvoll illuminierte christliche Manuskripte.
Daran schloss sich unser Besuch im Außenministerium an: Mit dem für EU-Angelegenheiten zuständigen Ministeriellen entfaltete sich eine fruchtbare Diskussion über Armeniens veränderte Prioritäten in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie im Außenhandel. Das letzte Gespräch des Tages fand am Standort der EU-Delegation in Armenien statt. Dort informierte uns der politische Referent Erik Jessen über die Rolle der Europäischen Union in Armenien sowie über die konkrete Unterstützung der EU im Beitrittsprozess.
In der Lori Region waren wir am folgenden Tag zu Gast im COAF Smart Center (Children of Armenia Fund). Das COAF Center ermöglicht es Kindern aus Randregionen Armeniens, neue Leidenschaften und Hobbys zu entdecken. Sie können verschiedene Sportarten ausprobieren, Instrumente spielen oder auch ihre eigenen Roboter kreieren. Während einer Präsentation erfuhren wir mehr über die Modernisierung des Bildungssystems in Armenien - und der abschließende Workshop von Ruben Otyan, einem Mulimedia-Spezialisten, hatte das Ziel, ein Reel/TikTok über das Center zu erstellen. Alle Teilnehmenden hatten ihren eigenen Ansatz - was für noch mehr Spaß gesorgt hat.
Anschließend traten wir die Reise zurück nach Jerewan an, um uns dort im Stadtzentrum an traditionellen armenischen Tänzen zu versuchen. Jeden letzten Freitag im Monat kommen die Menschen hier zusammen, um zu tanzen. Obwohl manche von uns die Tanzschritte besser konnten als andere, hat es uns dennoch viel Spaß bereitet und ein Gefühl der Gemeinschaft vermittelt.
Im Armenischen Geschichtsmuseum in Jerewan beeeindruckten uns besonders die archäologischen Funde, die alten Manuskripte und die Alltagsgegenstände aus verschiedenen Jahrhunderten. Die Ausstellungsstücke veranschaulichten uns, wie sich die Kultur Armeniens über Hunderte von Jahren entwickelt hat. Wir besuchten auch eine Sonderausstellung, die sich mit aktuelleren Themen und künstlerischen Ausdrucksformen befasste. Dieser Teil des Museums bot uns die Möglichkeit, Geschichte und Kunst mit heutigen Perspektiven zu verbinden. Es war interessant zu beobachten, wie die deutschen und armenischen Teilnehmenden künstlerische Ausdrucksformen manchmal unterschiedlich verstanden, sodass wir viel über unsere Perspektiven lernten.
Am letzten gemeinsamen Abend sahen wir uns im Opernhaus die Aufführung des Balletts „Gayane“ an. Die Atmosphäre in der Oper war sehr elegant und verlieh dem Ereignis einen besonderen Charakter. Die Tänzer beeindruckten uns mit ihrer Energie und ihrem emotionalen Ausdruck - ein unvergessliches Erlebnis zum Abschluss der Reise.