Russischer Pavillion mit Kolchosbäuerin (in der Hand die Sichel) und Arbeiter (in der Hand den Hammer) auf der Weltausstellung in Paris 1937 (Ausschnitt)
Pariser Weltausstellung von 1937 - Denkmal „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ als Symbol für den Triumph der neuen Gesellschaftsordnung auf dem Pavillon der UdSSR (Ausschnitt)
Foto: Urheber unbekannt - gemeinfrei
21.03.2017 – Geschichte

100 Jahre Russische Revolution – ein peinliches Jubiläum

Wie geht man 2017 in Russland mit den Ereignissen des Jahres 1917 um? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Der Beitrag befasst sich mit Versuchen zur (Neu)Interpretation der Russischen Revolution.

Ein Beitrag von Gerhard Simon

Prof. em. Dr. phil. Gerhard Simon war von 1991 bis 2000 Leitender Wissenschaftlicher Direktor im Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien in Köln und seit 1991 apl. Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität zu Köln.

Das sowjetische Erbe

„Die Chronik der Weltgeschichte kennt kein bedeutsameres Ereignis als die Große Sozialistische Oktoberrevolution …“ „Die Oktoberrevolution … beseitigte jegliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wie auch die Quellen der Ausbeutung.“ „Jahrhunderte werden vergehen … doch niemals vergessen wird die Menschheit den 25. Oktober 1917, den Tag, der eine Wende in der Weltgeschichte bedeutete. Und neben diesem Datum wird in aller Ewigkeit der Name Lenins stehen …“1

In dieser Tonlage wurde die Oktoberrevolution über Jahrzehnte in der Sowjetunion gefeiert. Dabei verschwand das, was sich wirklich im Herbst 1917 in Russland zugetragen hatte, in einer riesigen Blase aus Propaganda und Lüge. Es war eine „postfaktische“ Geschichtserzählung, die nicht darstellen sollte, was geschehen war, sondern sie sollte die Herrschaft der siegreichen Bolschewisten rechtfertigen und legitimieren. „Postfaktische“ Erzählungen sind also keineswegs eine Errungenschaft des digitalen Zeitalters, auch wenn sich die Instrumente gewandelt haben.

Sowohl die grundsätzliche Bewertung und historische Einordnung der Russischen Revolution als auch viele Details und Ereignisse im Einzelnen unterlagen in der sowjetischen Wissenschaft und Propaganda den eisernen Gesetzen des ideologischen Tabus. Als sich der Nebel in den Jahren von Glasnost (Offenheit, Transparenz) und Perestrojka (Umbau) lichtete, trat an die Stelle der Heroisierung der Revolution in der untergehenden Sowjetunion die Offenlegung der brutalen Gewaltherrschaft Lenins und seiner Partei. Dies war ein Beispiel für den in der russischen Geschichte typischen Umschlag von einem Extrem ins andere. Aber die Jahre der Glasnost waren bald vorbei. Eine distanzierende und selbstreflexive Erinnerungskultur wird vom postkommunistischen autoritären Regime in Russland bis heute unterbunden.

Ein zentrales Element des sowjetischen Mythos, das keiner empirischen Nachprüfbarkeit unterlag, war die Behauptung von der Alternativlosigkeit der bolschewistischen Revolution, die ja ursprünglich nur der Beginn der Weltrevolution hatte sein sollen. Die Oktoberrevolution war das Ziel der Geschichte und folgte aus den eisernen Gesetzen des Marxismus. Die Bolschewisten waren lediglich die Handlanger der historischen Vernunft. Diese Selbstwahrnehmung – gleichgültig ob aus Überzeugung oder aus Zynismus – hatte weitreichende Folgen: Alle Gegner der Bolschewisten stellten sich in der Wahrnehmung Lenins und seiner Kämpfer dem „objektiven“ Gang der Geschichte entgegen, sie konnten und mussten vernichtet werden. Der Mythos der Oktoberrevolution war in Tat und Wahrheit ein Instrument der Herrschaftslegitimation und führte geradewegs zur Rechtfertigung der totalitären Diktatur.

Aber gab es denn für Russland 1917 eine realistische Alternative zur bolschewistischen Diktatur? Nach der Februarrevolution und dem Fall der Monarchie befand sich das Russische Reich am Rand von Chaos und Auflösung, die Armee zerfiel, Kriegsmüdigkeit war weit verbreitet. Niemand trat für die Bewahrung der alten Ordnung ein. Die Provisorische Regierung und mit ihr die gemäßigten politischen Kräfte erwiesen sich als unfähig, die wichtigsten Aufgaben (Krieg und Frieden, Landreform, Autonomie für die nichtrussischen Völker) auch nur zu erkennen, geschweige denn zu lösen. Dennoch war der Staatsstreich der Bolschewisten am 25. Oktober 1917 keineswegs unabwendbar. Noch weniger waren die Konsolidierung der Macht in den Händen Lenins nach dem Oktober und der Sieg im Bürgerkrieg durch Trotzki die Folge irgendwelcher eisernen historischen Gesetze. Verantwortlich waren vielmehr die unversöhnlich zerstrittenen Gegner der Bolschewisten, ihre Unfähigkeit, politisch attraktive Alternativen zu entwickeln, und die unglaubliche Radikalität der Bolschewisten, die keinerlei Skrupel hatten, aus taktischen Gründen auch ihr eigenes Programm über den Haufen zu werfen. Für sie galt nur ein einziges Prinzip: Machterhaltung. So waren Lenins Bolschewisten Nutznießer der Radikalität von Paradigmenwechseln in der russischen Geschichte.

Dies sollte sich am Ende der sowjetischen Ära wiederholen: Während noch Mitte der 1980er Jahre die Herrschaft der KPdSU unantastbar erschien, brach sie nur sechs Jahre später fast lautlos zusammen, ohne dass sich unter den 19 Millionen Parteimitgliedern oder gar im „Sowjetvolk“ eine Hand zu ihrer Verteidigung gerührt hätte. Tatsächlich waren weder der Beginn noch das Ende der kommunistischen Ära alternativlos. „Jedenfalls gibt es keinen ersichtlichen Grund, warum Russland als eine Föderative Republik oder Konstitutionelle Monarchie nicht nach einer längeren oder kürzeren Zeit der Wirren mit dem Wiederaufbau staatlicher Institutionen, einer Landreform und einer gemischten Wirtschaftsordnung wieder hätte auf die Beine kommen sollen.“2

Es kam auch deshalb nicht dazu, weil die Bolschewisten in vielen politischen und gesellschaftlichen Bereichen eine Tabula rasa schufen, die eine Rückkehr zu vorrevolutionären und – wie auch immer eingeschränkt – europäischen Verhältnissen nahezu unmöglich machte. So hatte es im vorrevolutionären Russland Ansätze zu einer Rechtsstaatlichkeit europäischer Tradition gegeben, die die Bolschewisten mit einem Federstrich beseitigten und durch die „revolutionäre“ Justiz ersetzten, die im Dienst der Machtsicherung der Bolschewisten stand. Hinsichtlich des politischen Systems unternahmen die Bolschewisten niemals auch nur den Versuch, sich durch Wahlen und parlamentarische Mehrheiten zu legitimieren. Stattdessen wurden konkurrierende Parteien und politischer Pluralismus als bürgerliche Konterrevolution verunglimpft und gewaltsam beseitigt. Paradigmatisch war die Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung nach nur einem Sitzungstag im Januar 1918, weil sie sich weigerte, die Machtergreifung Lenins zu sanktionieren. Schließlich ging ein großer Teil der alten gesellschaftlichen Führungsschichten im Bürgerkrieg und unter den Schlägen des Roten Terrors unter. Zwei Millionen Menschen emigrierten. Durch die Oktoberrevolution koppelte sich Russland für ein Jahrhundert von der Entwicklung der westlichen Welt ab. Dabei beriefen sich die Bolschewisten ideologisch ebenfalls auf westliche Paradigmen, die sie seit den 1920er Jahren Marxismus-Leninismus nannten. Der Graben ist bis heute nicht überwunden.

Postkommunistische Erinnerungspolitik

Der 7. November/25. Oktober alten Stils3 war in sowjetischer Zeit der wichtigste Feiertag im politischen Festkalender. 1996 wurde daraus der „Tag der Eintracht und Versöhnung“; offiziell verschwand damit die Bindung an die bolschewistische Revolution; 2005 schließlich wurde der 7. November als Feiertag gänzlich gestrichen. Jetzt, aus Anlass des 100jährigen Jubiläums, fordert die Kommunistische Partei der Russischen Föderation die Wiederherstellung des 7. November als Revolutionsfeiertag. Sie wird damit kaum Erfolg haben, denn die Erinnerungspolitik in Putins Russland geht ganz andere Wege.

Eine eklektische Geschichtspolitik schafft seit zwei Jahrzehnten das Bild von einem einheitlichen, geschlossenen Russland der Helden und Sieger. Diejenigen, die während der Revolution einander als Todfeinde gegenüberstanden, werden in der Geschichtspolitik im Namen des großen Russlands miteinander versöhnt. Dabei geht es nicht um Historiographie, sondern um die Konstruktion eines patriotischen Bildes von einem Russland, das es niemals gab. Insoweit ist die Kontinuität zur sowjetischen Perzeption der Oktoberrevolution – zwar nicht inhaltlich, aber formal - offensichtlich.

Als Darsteller im Drama des versöhnten großen Russlands eignen sich besonders die Toten. In zahlreichen symbolischen Akten wurden die antibolschewistischen Gegner von damals in das postsowjetische Russland integriert. Schon 1998 wurden die sterblichen Überreste des letzten Zaren Nikolaus II. in der zaristischen Grablege in Sankt Petersburg feierlich beigesetzt. Sie waren erst nach Ende des Sowjetregimes in der Nähe des Erschießungsortes der kaiserlichen Familie bei Jekaterinburg entdeckt worden. Lenin und die bolschewistische Führung hatten den Befehl zur Erschießung im Juli 1918 erteilt; dieser Sachverhalt war bis 1991 tabu.

Auch die sterblichen Überreste von Ivan Ilin und Anton Denikin wurden 2005 aus dem Ausland nach Moskau überführt und auf dem Friedhof des Donskoj-Klosters feierlich beigesetzt. Ilin, gestorben in Zürich 1954, war ein monarchistischer antiwestlicher Vordenker der antisowjetischen Emigration und wurde jetzt in das Pantheon der russischen Staatsdenker aufgenommen, auch der Präsident persönlich zitiert ihn. Denikin (gestorben 1947 in den USA) war neben Alexander Koltschak der führende General der Weißen Armeen im Bürgerkrieg, der 1919 auf Moskau marschierte, aber von der Roten Armee zurückgeschlagen wurde.

Die Integration von einstigen Gegnern der Bolschewisten in den nationalen Ruhmeshimmel bedeutet nicht eine grundsätzliche Entsolidarisierung der Putinschen Geschichtspolitik mit der Revolution oder der Machtergreifung Lenins. Schon gar nicht wird eine Rückkehr zu den Ansätzen von europäischer Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit in Russland vor dem Ersten Weltkrieg angestrebt. Im Gegenteil, die Botschaft der Geschichtspolitik lautet: die Bolschewisten und ihre Feinde von damals stehen gemeinsam in der antiwestlichen Front zur Verteidigung der eigenständigen russischen Zivilisation, die damals wie heute von der westlichen Dekadenz bedroht ist. Allerdings, die ganz aus den Fugen geratene Sprache, wie sie eingangs zitiert wurde, ist heute nicht mehr opportun, die Oktoberrevolution darf heute auch offiziell „bolschewistischer Umsturz“ genannt werden.

Die gewünschte geschichtspolitische Linie für das hundertjährige Jubiläum der „Großen russischen Revolution“, wie sie hier hieß, gab der russische Minister für Kultur Wladimir Medinski in einer repräsentativen Auftaktveranstaltung im Mai 2015 vor. „Der Versuch, eine gerechte Gesellschaft auf der Erde zu errichten“, habe „ganz entscheidend die historische Entwicklung nicht nur in Russland verändert“, sondern „er übte einen riesigen Einfluss auf den Fortschritt der Völker des Planeten aus.“ „Die Vorfahren darf man nicht eindeutig in Gerechte und Schuldige unterteilen.“ „Sowohl die Roten wie die Weißen wurden von dem angetrieben, was wir heute Patriotismus nennen.“4

Einer der Teilnehmer an der Veranstaltung, der Historiker Wladimir Lawrow vom Institut für Russische Geschichte der Akademie der Wissenschaften, distanzierte sich offen von den glatten und einebnenden Thesen des Ministers. Er verlangte stattdessen eine „staatliche und juristische Verurteilung der Taten von Lenin und Stalin“. Lawrow hatte sich schon im August 2012 an das Untersuchungskomitee Russlands gewandt: „Man muss die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Lenin verübt hat und die nicht der Verjährung unterliegen, juristisch bewerten“, schrieb er.5

Auch sonst gibt es vereinzelt kritische Stimmen, die sich der geschichtspolitischen Linie Putins widersetzen. Juri Piwowarow, einer der führenden russischen Historiker, nannte in einer Sendung von „Echo Moskwy“ die Oktoberrevolution „eine schreckliche Katastrophe, die wir uns selbst eingebrockt haben“. Seine Antwort auf die Aufforderung zur Versöhnung lautete: „Ich kann nicht die Mörder mit den Ermordeten versöhnen.“ Wenn heute Russen mit den Portraits von Lenin und Stalin durch die Straßen zögen, so sei das, „als wenn die Juden mit Portraits von Hitler marschieren“. „Ich kann das nicht verstehen, weder moralisch noch als Forscher.“6

Insgesamt hat die Putinregierung das Pathos im Blick auf das Revolutionsjubiläum deutlich gesenkt, vielleicht auch aus der Einsicht, dass die vorgeschriebene geschichtspolitische Linie niemanden recht überzeugen kann. Eine Verordnung des Präsidenten vom 20. Dezember 2016 über die Einsetzung eines „Organisationskomitees“ zur Vorbereitung des 100. Jahrestags fiel ziemlich lakonisch aus. Nicht einmal von „Feiern“ ist die Rede.7 In den einschlägigen Artikeln der russischen Wikipedia sind zwar Einträge über das 100. Jubiläum des Oktober vorgesehen, aber derzeit (Februar 2017) tragen sie den Zusatz „noch nicht geschrieben“.

Die offizielle Linie hatte Putin in seiner Botschaft an das Parlament am 1. Dezember 2016 wiederholt: „Die Lehren der Geschichte brauchen wir vor allem zur Versöhnung, zur Stärkung der gesellschaftlichen, politischen und bürgerlichen Eintracht…“ „… wir sind ein einheitliches Volk, wir sind ein Volk, und wir haben [nur] ein Russland…“8

Tatsächlich hat die Putinführung gewichtige Vorbehalte gegenüber dem Roten Oktober. Sie sind von zentraler Bedeutung und betreffen niemand geringeren als Lenin. Seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzung mit der Ukraine im Frühjahr 2014 wird die Leninsche Nationalitätenpolitik in Russland scharf kritisiert und verurteilt. Die siegreichen Revolutionäre hatten den nichtrussischen Völkern des Zarenreiches zwar nicht die versprochene Unabhängigkeit gewährt, aber doch ein erhebliches Maß an Autonomie. Die Sowjetunion wurde nach ethno-territorialen Kriterien in Verwaltungseinheiten gegliedert. Was die Bolschewisten als Entgegenkommen gegenüber den nichtrussischen Völkern ins Werk gesetzt hatten, gilt der heutigen Führung als Ursache für den Zerfall der Sowjetunion. Besonders hart fällt das Urteil über Lenins Ukraine-Politik aus: Der Osten und Süden der Ukraine seien sprachlich und mental russisch geprägt und hätten von Lenin niemals der Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen werden dürfen. Es handele sich vielmehr um „Neurussland“. Chruschtschow habe dann der verfehlten Ukraine-Politik der Bolschewisten die Krone aufgesetzt und die Krim an die Ukraine gegeben – empört sich die heutige russische Führung. Putin sagte im Januar 2016 auf einer Sitzung des Rates beim Präsidenten für Wissenschaft und Bildung: „Die Autonomisierung“ führte „zum Untergang der Sowjetunion“. „Man hat eine Atombombe unter das Gebäude gelegt, das Russland heißt. Die ist dann später hochgegangen. Auch die Weltrevolution brauchten wir nicht.“9 Vielleicht deutet sich hier an, dass die Tage des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz gezählt sind.

Der Sowjetföderalismus war zweifellos eine der langfristigen Ursachen für das Ende der Sowjetunion. Zu bedenken ist allerdings, dass ohne die Konzessionen der bolschewistischen Nationalitätenpolitik möglicherweise die Sowjetunion überhaupt nicht entstanden wäre und das Russische Imperium sich bereits 1917 endgültig aufgelöst hätte wie andere Imperien nach dem Ersten Weltkrieg. Man kann darin kontrafaktisch und im Gegensatz zu Putin durchaus eine positive Entwicklungsmöglichkeit sehen.

Der Rote Oktober und die westliche Sowjetunionforschung

Die westliche Sowjetunionforschung seit den 1960er Jahren, also in den Jahrzehnten der Entspannungspolitik nach Stalins Tod, entwickelte eine merkwürdigen Ambivalenz gegenüber der „Weltmacht Sowjetunion“. Einerseits wurden durchaus manche Fehlentwicklungen, insbesondere in der Wirtschaft, kritisch wahrgenommen, andererseits verhinderte offenbar der unterstellte Weltmachtstatus ein grundsätzliches Hinterfragen des sowjetischen politischen Systems. Schließlich war die Sowjetunion nach 1945 zu einem der Pole in der bipolaren Weltordnung aufgestiegen.

Es war in den drei Jahrzehnten vor Ende des kommunistischen Systems und des Staates Sowjetunion ausgeschlossen, in der Forschung die Frage nach dem Fortbestehen, der Dauer oder gar nach einem möglichen Zusammenbruch des „Ostblocks“ zu stellen. Das stand in einem deutlichen Kontrast zur Infragestellung der „spätkapitalistischen“ Gesellschaft durch die Forschung. Bis in die Spätzeit des Kommunismus in Europa wirkte offenbar eine gewisse Faszination einer sozialistischen Gesellschaftsordnung fort, die versprach, eine bessere Alternative zu sein. Beides, das Geblendetsein durch die sowjetische Macht und ihren Erfolg sowie die kritische Infragestellung der eigenen westlich-kapitalistischen Ordnung, verhinderten einen radikalen und unvoreingenommenen Blick auf die Sowjetunion und ihre Geschichte. Die Folge war, dass der Zusammenbruch des sowjetischen Systems vollkommen überraschend kam. Der Vorwurf lautet nicht: Die Wissenschaft hätte das Ende vorausahnen müssen. Er lautet vielmehr: Die Sowjetunionforschung hat jahrzehntelang den Fortbestand und zumeist auch das Wohlergehen der Sowjetunion „prophezeit“. Sie hat zentrale Fragen ihres Forschungsfeldes mit einem Tabu belegt. So trat die paradoxe Situation ein, dass die Fachleute, die in den ersten Jahrzehnten der bolschewistischen Sowjetunion nicht selten ein baldiges Ende vorausgesagt hatten, zu dem Zeitpunkt, als es wirklich eintrat, damit überhaupt nicht rechneten.

Für die Darstellung der Oktoberrevolution in der westlichen Forschung bedeutete dies vor allem zweierlei: Sie galt als unumkehrbar, und alternative Entwicklungen wurden entweder für gänzlich ausgeschlossen gehalten oder allenfalls als intellektuelle Spielereien zugelassen. Hier zeigte sich, dass die sowjetische Selbstdarstellung, die natürlich in ihrer groben Form nicht übernommen wurde, doch Einfluss auf die westliche Perzeption hatte.

Es „bedarf längst keiner gelehrsamen Fußnote mehr“, heißt es in dem viele Jahre lang einflussreichen Buch von Dietrich Geyer, um zu belegen, dass „diese Revolution einen nicht wieder umkehrbaren Wendepunkt in der Geschichte Russlands markiert“.10 Was nicht umkehrbar ist, erscheint dem Historiker konsequenterweise auch als notwendig. Lenin war erfolgreich, „weil er zu tun wagte, was in dieser Zeit notwendig geworden war.“11 Das Buch blendet zentrale Aspekte des Roten Oktober aus: Lenin als Gewaltherrscher und insbesondere die Einrichtung der politischen Polizei Tscheka bereits im Dezember 1917, die ihre Tätigkeit selbstbewusst und ganz offen als „Roten Terror“ bezeichnete, werden nicht einmal erwähnt.

Auch das „Handbuch der Geschichte Russlands“, Band 3,1, eine andere Publikation mit Leitfunktion, stellt den Roten Oktober und die siegreichen Bolschewisten weitgehend affirmativ und unter Ausblendung der gewalttätigen Realien dar. Empathie für die Erbauer des Sozialismus in der Sowjetunion ist dagegen unverkennbar. Sie äußert sich auch darin, dass der Herausgeber des Bandes, Gottfried Schramm, herablassend vom antisowjetischen Einfluss der russischen Emigration auf die westliche Geschichtsschreibung spricht und „die meisten westlichen Behandlungen des Revolutionsjahres in Russland“ für „wenig brauchbar“ hält. Gemeint sind offenbar Positionen, die von denen des Handbuches abweichen. Für die Zukunft sieht Schramm eine „verdeckte Konvergenz“ der sowjetischen und westlichen Forschung in der Beurteilung des Jahres 1917 voraus.12 Die affirmativen Positionen, wie sie besonders in der deutschen Geschichtswissenschaft vertreten wurden, sind allerdings nicht ohne Gegenposition geblieben. Das umfangreiche Werk von Richard Pipes zur Russischen Revolution trägt die Widmung „Für die Opfer“.13

Mit dem Untergang der Sowjetunion 1991 sind auch viele Urteile über die bolschewistische Revolution untergegangen, insbesondere solche, die ihr quasi Unvergänglichkeit zugesprochen hatten. Hier zeigt sich wieder einmal, dass die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft unvorhersehbar ist. Alle historischen Urteile sind gegenwartsgebunden. Aber nicht alle sind gleich gültig. Die Einsicht in ihre Vorläufigkeit entbindet nicht von der Verantwortung und der selbstkritischen Distanz.

Fußnoten


  1. Illustrierte Geschichte der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. (Ost)Berlin 1982, 5. Auflage, S. 6, 372, 385. Das russische Original des Werkes erschien 1967 in Moskau.
  2. Gerd Koenen: Was war der Kommunismus? Göttingen 2010, S. 13.
  3. In Russland galt z. Zt. des Ersten Weltkrieges im Unterschied zu den meisten übrigen europäischen Staaten noch der von Zar Peter I. im Jahr 1700 eingeführte julianische Kalender („alter Stil“), der seit dem Jahr 1900 gegenüber dem gregorianischen Kalender („neuer Stil“) um 13 Tage zurücklag.
  4. http://www.pravmir.ru/osmyislenie-vo-imya-konsolidatsii-k-100-letiyu-revolyutsii-1917-goda/
  5. https://ru.wikipedia.org/ (Abschnitt: proverka na ekstremizm)
  6. Echo.msk.ru/programs/kulshok/1896826-echo/ (eine Sendung vom 24. Dezember 2016).
  7. http://forum-msk.org/material/news/12613785.html
  8. https://lenta.ru/news/2016/12/01/netspekulyatsii/
  9. http://www.interfax.ru/russia/490856
  10. Dietrich Geyer: Die Russische Revolution. 4. Aufl. 1985, S. 130. Die erste Auflage erschien 1968.
  11. Ebd., S.117.
  12. Handbuch der Geschichte Russlands. Bd. 3, erster Halbband. Hrsg. v. Gottfried Schramm. Stuttgart 1983, S. 613, 617 (Zitate von G. Schramm).
  13. Richard Pipes: The Russian Revolution. New York 1990.
Inhalt erstellt: 21.03.2017, zuletzt geändert: 12.02.2019