Flagge der Solidarność an der Werft in Danzig
Flagge der Solidarność an der Werft in Danzig
Quelle: Lukas Plewnia, CC BY-SA 2.0
31.08.2020 – Solidarność-Jubiläum

40 Jahre Solidarność

Sind die Gründerväter der ersten freien Gewerkschaft Helden oder Verräter am Volk? Das Jubiläum der Gewerksschaft Solidarność polarisiert: „Es sind praktisch keine gemeinsamen Feierlichkeiten möglich", so der Polen-Kenner Martin Buschermöhle.

Martin Buschermöhle ist als Berater für Renovabis in der Ukraine tätig und hat lange auch als Referent für Polen gearbeitet. Er lebt seit über 10 Jahren im polnischen Poznań (Posen). Die Fragen stellte Daniela Schulz, Renovabis.

Am 31. August 2020 jährt sich zum 40. Mal das Danziger Abkommen - was wurde da vereinbart?

Nach dem Generalstreik im August 1980 im kommunistischen Polen wurde zum ersten Mal ein Abkommen unterzeichnet, das es ermöglichte, dass Arbeiter und die Gewerkschaftsangehörige ihre Vertreter in freien Wahlen selbst wählen durften. Denn vorher gab es zwar bereits Einheitsgewerkschaften, aber da war es immer so, dass die kommunistische Partei vorgegeben hat, wer Vorsitzender war. Das Danziger Abkommen zwischen dem Streikkommittee und der damaligen Regierung schuf die Voraussetzung für die Gründung der selbstverwalteten, unabhängigen Gewerkschaft Solidarność (Solidarität).

Die Solidarność-Bewegung der 80er Jahre wird in Deutschland als ein starkes Zeichen der Auflehnung gegen das kommunistische System gewertet - wie wird das Jubiläum denn in Polen eingeordnet?

Ganz sicher sind die Polen stolz, dass sie durch die Streiks 1980 und durch die Solidarność-Bewegung den ganz entscheidenden Beitrag zum Niedergang des Kommunismus und sogar der Sowjetunion gesetzt haben. Später, nach den Beschlüssen des Runden Tisches und der ersten demokratisch gewählten Regierung nach 1989, hat die Gewerkschaft dann immer mehr an Bedeutung verloren und wurde stärker politisch instrumentalisiert.

Die im August 1980 entstandene Solidarność-Gewerkschaftsbewegung wurde ja schon 1981 vom Staat während des Kriegsrechtes wieder abgeschafft und ging dann in den Untergrund. Die Gewerkschaftsführer wurden interniert, und die Solidarność wurde erst mit dem Runden Tisch 1989 wieder begründet, aber Lech Wałęsa ist dann 2005 ausgetreten. Da gab es einen starken Bruch, und die Solidarność verlor in den 2000er Jahren als Gewerkschaft an Bedeutung. Heutzutage muss man sagen, die aktuelle Solidarność ist ein verlängerter Arm der Regierungspartei.
Die jetzige Regierung versucht, die Geschichte neu zu deuten, dass also die Anführer der Solidaritäts-Bewegung, wie Lech Wałęsa, wie Tadeusz Mazowiecki oder Bronislaw Geremek und andere als quasi inoffizielle Mitarbeiter oder Stasi-Mitarbeiter der kommunistischen Regierung verunglimpft werden: dass sie käuflich gewesen seien, dass sie mit den Kommunisten nicht entschieden genug abgerechnet hätten. Und es gibt großen Streit um das Erbe der Solidarność, wer denn heute berechtigt ist, den Namen überhaupt zu führen. Und dazu muss man einfach sagen, da versuchen verschiedene politische Parteien, aber insbesondere die Regierung, die Solidarność auch dazu zu benutzen, ihre eigene Geschichtswahrnehmung zu zementieren.

Wie nehmen die Bürgerinnen und Bürger in Polen die Bedeutung der Gewerkschaft Solidarność und ihr Jubiläum wahr?

Es ist ganz stark polarisiert. Einige schließen sich dieser Neudeutung der Geschichte an und halten tatsächlich die damaligen Gewerkschaftsvertreter für Verräter am Volk und für korrupte oder verkappte Kommunisten, die auf der Gehaltsliste der Staatssicherheit gestanden hätten. Und andere versuchen, dieses politische Erbe wiederum gegen die Instrumentalisierung und Vereinnahmung der jetzigen Regierung zu verteidigen.
So sind praktisch keine gemeinsamen Gedenkfeiern möglich. Im Augenblick macht jeder seine eigene Feier. Man streitet sich, wer um welche Uhrzeit an welchem Platz sein darf. Kommunale Selbstverwaltung gegen Regierung, verschiedene Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft, Kirche – jeder macht im Grunde mehr oder weniger seine eigene Feier und hat dann auch seine eigene Deutung.

Inhalt erstellt: 30.08.2020, zuletzt geändert: 31.08.2020