Salesianerkloster in Lunik IX
Im Salesianerkloster in Lunik IX
Quelle: Markus Nowak
21.04.2022 – Vorgestellt

Glaubenszeugnisse aus der Slowakei

Unsere Nachbarn in der Slowakei - wie glauben die Menschen dort? Wie leben sie ihren Glauben im Alltag? Welche Hoffnungen und Wünsche bewegen sie? Wir stellen Ihnen sieben Menschen vor, die in der Slowakei das Leitwort „dem glaub' ich gern! Was Ost und West verbinden kann" praktisch leben.

Eine Porträtreihe von Markus Nowak

„Jugendliche auf ihrem Weg begleiten“

Pater Tibor ist für junge Menschen auf dem Fußballfeld da

Ob Hemd mit Anzugsjacke, Trainingsanzug oder ein Ornat: Tibor Reimer hat alle diese Kleidungsstücke nicht nur im Schrank hängen, sondern auch täglich an. Der promovierte Salesianerpater unterrichtet tagsüber an der Theologischen Fakultät der Comenius-Universität Bratislava junge Theologiestudenten, am Nachmittag ist er auf dem Fußballplatz im Bratislaver Stadtteil Trnavka zu finden. Als Ehrenpräsident des Fußballvereins „SDM Domino“ muss der Hobby-Kicker Jahrgang 1968 die Jugendmannschaften zwar nicht trainieren, aber als Geistlicher durchaus Präsenz auf dem Platz zeigen. So gibt es regelmäßig kurze Andachten vor dem Training oder ein Gebet vor einem Liga-Spiel, um die jungen Kicker geistig auf das Bevorstehende vorzubereiten: Sieg, Niederlage oder das Remis. „Siegen und Verlieren gehört zum Fußball, aber auch der Trainingsprozess ist wichtig“, sagt der Ordensmann – und damit Dinge wie Disziplin, Zusammenspiel und Fairplay. „Es geht auch darum, die schwierigeren Seiten des Lebens zu erkennen und damit zu arbeiten.“ Der Salesianer spricht von „Formierung“ der Jugendlichen, indem auch von christlichen Werten gesprochen wird. Zwar ist mittlerweile ein großer Teil der jungen Spieler nicht religiös – dennoch hören sie dem kickenden Geistlichen zu. „Wir wollen die Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter begleiten“, sagt Tibor Reimer, der seine Kindheit zeitweise in München verbracht hat und 1987 mit 21 Jahren in den Salesianer-Orden eingetreten ist. Zum 1996 gegründeten Fußballclub gehören heute mehr als 300 Kinder und Jugendliche, die in gut ein Dutzend Mannschaften unterteilt sind. Zusätzlich treffen sich weitere Kinder und Jugendliche im „Oratko“, dem Salesianer-Oratorium, zu anderen Aktivitäten wie Gruppenstunden oder Katechese mit den Ordensleuten, darunter auch mit Pater Tibor. Oft wird es laut und wuselig. „Das Leben mit und an der Seite der Jugendlichen hält jung“, sagt der 53-Jährige lachend. „Man muss sich ihnen stets anpassen.“

„Ein guter Mensch werden“

Der 19-jährige Timoteo Pavlík ist Jugendfußballtrainer

Fußballspieler gelten nicht als bescheiden, vor allem wenn es um die Einschätzung ihres eigenen Könnens geht. Timoteo Pavlík ist anders. Timo, wie er von seinen Mannschaftskameraden genannt wird, ist Rechts-Außen-Verteidiger. Sein Team, der SDM Domino Bratislava, ein Club der Salesianer, spielt vierte Liga in der Slowakei. „Meine Priorität ist eine andere als die A-Mannschaft, das habe ich auch meinem Trainer gesagt. Er war nicht glücklich darüber“, erzählt Timo. Immerhin hat die Priorität auch mit dem Ballsport zu tun. „Für mich hat Fußball vor allem mit Spaß und mit den Kindern zu tun, die ich trainiere“, sagt der 19-Jährige. Unter seinen Fittichen hat der Student ein Team von Siebenjährigen und eine Mannschaft mit 13-jährigen Jungen, die erste Liga in der Slowakei spielt. „Für die Jungs bin ich mehr als der Fußballtrainer“, sagt Timo. „Eher wie ein Beispiel oder ein Influencer“, lacht der 19-Jährige. In Lebensfragen. Denn nicht selten kommen die Jungs, um Probleme mit ihm zu besprechen. Neulich einmal musste er einem seiner Spieler sagen, dass er ohne gute Mathe-Noten nicht mehr spielen kann. „Schule ist in diesem Alter wichtiger als Fußball“, sagt Timo. Obwohl das bei ihm selbst anders ist: Mit Fußball und im Salesianer- Teamtraining verbringe er mehr Zeit als mit seiner Familie und seiner Freundin. Timo lebt noch bei seinen Eltern und studiert Marketing im Grundstudium, bildet sich aber zeitgleich zum Trainer weiter und wird bald die UEFA-B-Lizenz erwerben. Dann kann er Herrenteams bis in die Oberliga trainieren. Sein Traum wäre es, Juventus zu coachen, aber das sei unrealistisch, weiß er. Als realistischer sieht er die Öffnung einer eigenen Fußballakademie für Kinder, ähnlich wie beim SDM Domino. „Der Sieg ist nicht das wichtigste im Fußball“, sagt Timo. „Sondern, dass man alles gibt und ein gutes Team ist.“ Und wenn einmal in der Woche ein Salesianer- Pater ins Training kommt, dann wird nicht über Taktik und Fußballregeln gesprochen, sondern darüber, was auch Timo persönlich wichtig ist: „Wie man ein guter Mensch wird.“ Denn auch das geht über Fußball.

„Das Leben hier ist eine Schule der Demut“

Pater Marián lebt inmitten der Roma-Minderheit

Morgens Renovierungsarbeiten am Haus, am Nachmittag Katechese und Fußballspielen mit den Kindern, zwischendurch Mittagessen kochen für die klösterliche Gemeinschaft, abends die Messe zelebrieren und danach mit Jugendlichen ab in die Gruppenstunde. Der Tag von Pater Marián Matata ist lang, aber auch abwechslungsreich. Der 56-jährige Salesianerpater lebt seit vier Jahren in einem besonderen Ordenshaus im Osten der Slowakei: inmitten der Roma-Siedlung Luník IX in Košice/Kaschau. „Als ich vor vier Jahren hierherkam, hatte ich keine Erfahrung mit Roma“, sagt Pater Marián. Die Plattenbausiedlung Lunik IX wurde in den 1970er Jahren als Wohngebiet für Angehörige der Armee, der Polizei sowie der Roma-Minderheit angelegt. Heute sind nur noch 5.000 Roma geblieben. Sie leben teils in erbärmlichen Umständen – slowakische Medien bezeichnen sie als „Slum“. Armut, Arbeitslosigkeit, Geschrei, laute Musik und viele Kinder beherrschen den Alltag in Luník IX. „Die Arbeit hier ist schwer“, sagt Pater Marián und erzählt auch von Zweifeln, die ihn umtreiben. Denn oft hört er von den Roma den Vorwurf, wieso er ihnen als Priester kein Geld geben wolle. „Ich frage mich dann wirklich, was bin ich für ein Priester und Mensch?“ Aber als Ordensmann verfügt er nicht über Geld und so versucht er, den Menschen anders zu helfen – sei es durch die Mithilfe bei der Renovierung manch einer der Roma-Wohnungen oder indem er einer Familie einen Ofen zum Heizen im Winter besorgt. Und er hilft als Geistlicher, der mitten in der Roma-Gemeinschaft lebt. „Das Leben hier ist eine Schule der Demut“, sagt der Ordensmann. „Anfangs dachte ich, ich bleibe ein paar Jahre. Aber so langsam denke ich, ich will nicht wieder weg.“

„Ich sehe Potenzial in allen Kindern“

Izabela Ficeriová ist kirchliche Sozialarbeiterin in einer Roma-Siedlung

Die einen finden es gut, was sie macht. Manche ihrer Familienmitglieder oder Freunde hinterfragen aber auch, wieso Izabela Ficeriová diesen Job und vor allem diese Arbeitsstelle gewählt hat. „Viele verstehen es nicht“, sagt die 33-Jährige. Izabela Ficeriová ist „Assistentin der Roma-Pastoral“, wie ihre Stellenbezeichnung offiziell heißt, also eine Art kirchliche Sozialarbeiterin in der Roma-Siedlung Luník IX im slowakischen Košice. Ihr Arbeitgeber ist das Salesianer-Kloster. Den zweifelnden Fragestellern aus ihrem Freundes- und Familienkreis zeigt Izabela Ficeriová dann gerne das als „Ghetto“ bezeichnete Luník-IX-Viertel. „Viele haben Angst, bevor sie kommen, aber wenn sie hier waren, verschwindet die Angst“, sagt sie. Auch die Vorbehalte gegenüber ihrem Job sind dann meist weg. Schon als Kind ist Izabela in die Gruppenstunden des Salesianer-Ordens gegangen, in ihrer Teenager-Zeit hat sie als Freiwillige dort gearbeitet. „Den Salesianern habe ich viel zu verdanken, vor allem mein spirituelles und persönliches Wachstum“, sagt sie. Das will sie nun weitergeben an die Kinder aus den Roma-Familien, die gegenüber der Mehrheitsgesellschaft benachteiligt sind. Deshalb wurde im Viertel eine Hausaufgabenbetreuung eingerichtet, damit die Kinder über eine gute Bildung den Aufstieg schaffen. Dazu dienen auch die Gruppenstunden mit Izabela Ficeriová. „Das Ziel ist es, starke Persönlichkeiten aus den Kindern zu machen“, sagt sie. „Ich sehe Potenzial in jedem einzelnen Kind und will, dass auch sie es in sich sehen.“

„Inspiration für ein gutes Leben“

Der 17-jährige Martin Jano wünscht sich eine Zukunft außerhalb der Roma-Siedlung

Mit der linken Hand hält Martin Jano das Griffbrett am Gitarrenhals, mit der rechten streicht er über die Saiten und entlockt der Gitarre ein paar Akkorde. Schon als kleiner Junge hat Martin Jano in einer Musikgruppe der Salesianer spielen gelernt – und weitergemacht. Heute ist der 17-Jährige Mitglied einer Band und spielt schon mal auf Hochzeiten oder kleinen Feiern. „Wir sind noch zu unbekannt, um Geld für die Auftritte zu bekommen. Wir spielen, um uns zu verbessern, und wollen den anderen eine Freude machen.“ Wir – damit meint der hochgewachsene junge Mann „seine“ Band, die „Gypsy Boys“. Ein Name, der nicht von ungefähr kommt: Die Gruppe spielt „Rom-Pop“, eine Mischung aus Roma-Musik mit Pop-Elementen, wie Martin erklärt. Die Bandmitglieder sind Roma, sie leben in der Roma-Siedlung Luník IX in Košice im Osten der Slowakei. Das Viertel ist berüchtigt für die hohe Arbeitslosigkeit und die schlechten Wohnverhältnisse. Martin sagt: „Es ist okay hier.“ Es gebe gute und schlechte Menschen in Luník. „Wenn die Leute von außerhalb herausfinden, dass du aus Luník kommst, dann wirst du anders behandelt“, erzählt der 17-Jährige und berichtet von Diskriminierung. „Das ist nicht fair, denn wir sind ja nicht anders als die da draußen.“ Draußen leben, also außerhalb von Luník, das wünscht sich Martin für seine Zukunft. Er will Polizist werden. Früher sei er faul gewesen, habe oft die Schule geschwänzt, wenig gelernt und wäre fast von der Schule geflogen. Nun hält er sich ran: „Ich habe eine zweite Chance bekommen und die will ich ergreifen.“ Dabei haben ihm die Salesianer geholfen; seit dem Kindesalter besucht er regelmäßig deren Gruppenstunden und macht bei ihren Aktivitäten mit. „Sie haben mich zu einem guten Leben inspiriert und mir viele gute Dinge beigebracht.“ Gitarre spielen zählt dazu, sagt er und streicht über die Saiten.

„Ich möchte zurückgeben“

Die 19-jährige Monika engagiert sich in der Jugendarbeit mit Roma-Kindern

Diesen Tag wird Monika nicht so schnell vergessen: Die 19-Jährige singt für gewöhnlich vor kleinem Publikum in der Gemeinde des Salesianerklosters in Košice. An jenem Septembertag 2021 rutschte ihr fast das Herz in die Hose, denn sie und der Chor haben vor einem ganz besonderen Gast gesungen: dem Papst. „Ich war einfach glücklich, dass Papst Franziskus nach Luník kam. Denn niemand hatte erwartet, dass er uns hier besuchen kommt“, erinnert sie sich später. Getreu seinem Leitgedanken, an die Ränder zu gehen, besuchte Papst Franziskus während seiner Reise durch die Slowakei auch die Roma-Siedlung Luník IX in Košice im Osten der Slowakei. „Eine super Geste“, sagt Monika. Unter den 5.000 Roma, die hier teils in ghettoähnlichen Verhältnissen leben, ist auch die Familie von Monika, die zur Roma-Minderheit gehört. „Alle in der Slowakei glauben, hier leben nur schlechte Leute“, sagt sie. „Aber das stimmt nicht. Wenn man herkommt, kann man sehen, dass nicht alle schlecht sind.“ Sie ermuntert, es dem Papst gleich zu tun und die Siedlung zu besuchen – dann würde man auch auf Monika treffen, die im Oratorium des Salesianerklosters als Freiwillige sehr aktiv ist. Die gesangliche Begleitung von Gottesdiensten ist das eine, Monika leitet aber auch Kindergruppen bei Sommerlagern für Roma oder betreut Gruppenstunden. „Die Salesianer helfen hier sehr viel. Sie haben mir geholfen, also gebe ich es zurück und helfe nun ihnen“, sagt Monika zu ihrer Motivation. Ihr freiwilliges Engagement hat ihren Berufswunsch beeinflusst: Sie will nach der Schule, die sie demnächst beendet, weiterlernen, um Lehrerin zu werden. Aber dann will sie nicht mehr in Luník IX leben – auch wenn der Papst nochmal wiederkommen sollte.

Den Widrigkeiten des Lebens trotzen

Die Roma-Frau Liva hat mit Hilfe der Kirche Arbeit gefunden

„Es ist nicht einfach, hier zu leben“, sagt Liva. „Das härteste sind die Umstände in der Wohnung. Es gibt kein Wasser, das müssen wir in Flaschen hochtragen. Es gibt keine Heizung, wir müssen Holz besorgen.“ Zusammen mit ihrer Familie lebt Liva in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Luník IX, einem häufig als „Roma-Ghetto“ bezeichneten Stadtteil der slowakischen Stadt Košice. Die von ihr erwähnten Widrigkeiten sind nur die Spitze des Eisberges, wenn es um das Leben in Luník geht: Im Treppenhaus riecht es nach Fäkalien, die Wohnung ist völlig heruntergekommen und trotz der vier Zimmer viel zu klein für die Familie. Mehr als ein Dutzend Personen gehören zu Livas Haushalt. Liva hat im Alter von 35 Jahren zwölf Kinder – nicht untypisch für eine Roma-Familie in Luník. Die älteste Tochter hat selbst ein Baby, ist zuhause und passt auch gleich auf ihren kleinsten Bruder auf. Der ist gerade einmal eineinhalb Jahre. Was Liva von vielen anderen Frauen in Luník unterscheidet: Sie hat einen Job. Seit kurzem arbeitet sie im „Waschsalon“ des Salesianerklosters. Liva ist stolz darauf, den zur Arbeitskleidung umfunktionierten roten Overall zu tragen. „Ich mag die Arbeit. Wirklich“, sagt sie. Liva erzählt, dass die wenigsten Bewohner des Viertels eine eigene Waschmaschine haben – und dass das Wäscheaufkommen im Waschsalon davon abhängt, ob die Menschen gerade wieder eine staatliche Überweisung bekommen haben und „flüssig“ sind. Die Ordensleute im Kloster sind für Liva nicht nur ihre geistlichen Begleiter, sondern auch ihre „Helfer“ in dem nicht einfachen Leben hier. „Sie sind ein Beispiel für uns.“

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Inhalt erstellt: 21.04.2022, zuletzt geändert: 12.05.2022

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