Betende Menschen in einer Kirche
Kirchliches Leben in Ivano-Frankivsk - ein Bild aus der Zeit vor dem Krieg
Quelle: Markus Nowak
26.04.2022 – Vorgestellt

Glaubenszeugnisse aus der Ukraine

Diese Porträtreihe ist im Herbst 2021 entstanden - in einer Zeit, als der Krieg noch auf die Ost-Ukraine beschränkt war. Wir möchten Ihnen diese Glaubenszeugnisse dennoch vorstellen - und hoffen und beten, dass es den Porträtierten gut geht und dass sie in Sicherheit sind.

Eine Porträtreihe von Markus Nowak, entstanden in einer anderen Zeit, im Herbst 2021

„Mit Taten das Evangelium verkünden“

Der junge Priester Bohdan Tachynskyi stößt in der Kurie Ivano-Frankivsk soziale Projekte an

„Grüß Gott“, sagt Bohdan Tachynskyi und hält seine Faust zum Pandemiegruß hin. In der Ukraine, einem Land mit 44 Millionen Einwohnern, gibt es nicht viele Leute, die so akzentfrei Deutsch sprechen wie Bohdan Tachynskyi. Der 30-Jährige lüftet das Geheimnis: Er hat in Deutschland studiert – nicht Germanistik, wie zu vermuten ist, sondern Theologie – und in Paderborn sein Lizentiat erworben. Inzwischen ist Tachynskyi Priester und als griechisch-katholischer Geistlicher seit sechs Jahren verheiratet. „Meine Frau und ich erwarten bald unser erstes Kind“, erzählt er – für deutsche Ohren nicht alltäglich. Der werdende Vater arbeitet in Ivano-Frankivsk in der Finanzabteilung der Kurie der Erzeparchie, wie ein Bistum bei den Ostkirchen genannt wird. Er hält Kontakt zu deutschen Wohltätern, die die Katholiken in der Ukraine unterstützen. Das akzentfreie Deutsch ist dabei ein Vorteil. „Ich kann so täglich üben“, lacht der Priester. Als Kaplan hält er Gottesdienste in der Sankt-Mariä-Geburt-Kirche und kommt so mit den Gläubigen in Kontakt – und mit den Nöten der Menschen, etwa während der Beichte, bei der er oft vom tiefen Glauben der jungen Generation hört. „Das berührt mich als Priester“, sagt Tachynskyi. Wenn er von seiner Rolle als Priester spricht, betont er, dass er nicht nur „mit Weihrauch Gottesdienst halten und das Evangelium nur in Worten verkünden“ wolle, sondern auch mit Taten. Die Planungen vieler Projekte, die sozial schwache Menschen unterstützen, gehen über seinen Schreibtisch. „Mit solchen Leuchtturmprojekten wollen wir zeigen, dass die Kirche ihre soziale Verantwortung übernimmt“, sagt er. So ein „Leuchtturm-Projekt“ sei etwa die Errichtung einer Ambulanz im Gebäude der Katholisch-Theologischen Fakultät: Hier werden auch bedürftige Menschen mit moderner Medizin versorgt. „Die Kirche muss etwas tun, damit die Menschen nicht allein gelassen werden“, sagt er. Das fordere den Staat heraus, in vernachlässigte Bereiche zu investieren und damit das Vertrauen der Ukrainer in den Staat zu vergrößern. Denn das fehle, ebenso wie das Vertrauen in die Mitmenschen.

„Die Kirche ist mein zweites Zuhause“

Daria Aksentii schöpft Kraft für ihren Alltag als Lehrerin aus dem Glauben

„Der Alltag ist hektisch“, sagt Daria Aksentii aus dem ukrainischen Ivano-Frankivsk und erzählt von ihren beiden neuen Jobs: Morgens unterrichtet sie ab 8 Uhr an einer Privatschule – und ist danach bis 17 Uhr in einem Hort angestellt. Entspannung nach Feierabend? Die 23-Jährige lächelt und sagt, „abends gehe ich in den Gottesdienst.“ Denn: „Die Kirche, das ist wie mein zweites Zuhause.“ Nach den abendlichen Gebeten in der Sankt-Mariä-Geburt-Kirche freut sie sich auch auf die Teeabende und Gruppenstunden mit den anderen Gleichaltrigen. „Der Glaube gibt mir Kraft“, berichtet Daria. Gleich morgens nach dem Aufwachen mache sie etwa das Kreuzzeichen, „denn ohne würde ich ja nicht aufwachen.“ Der Glaube sei Energie für ihr tägliches Leben. „Das ist schwer zu erklären. Das ist wie eine Art zweite Hälfte von mir, ohne die ich nicht funktionieren kann.“ Das war nicht immer so, erinnert sich Daria. Zwar sei sie von den Großeltern immer wieder in die „tserkva“, wie die Ukrainer die Kirche nennen, mitgenommen worden. Aber während ihres Studiums im polnischen Krakau habe sie es mit dem Sonntagsgottesdienst nicht immer so streng genommen. Heute sei das anders, und aus dem Glauben heraus nimmt sie auch die Motivation und die Werte für ihren Beruf als Ukrainisch-Lehrerin. Etwa die Geduld im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen. Aus der eigenen Schulzeit erinnert sich Daria an Lehrkräfte, die noch in der Sowjetunion studiert haben. Die wurden manchmal laut oder warfen gar mit Büchern nach ihren Schülern. Für sie dagegen sei der Heilige Don Bosco ein Vorbild im Umgang mit Heranwachsenden: auf Augenhöhe mit den Schülern, weil er die Arbeit liebte, glaubt sie. Und ergänzt: „Auch ich liebe meinen Beruf und die Arbeit mit Kindern.“

„Wir Priester dienen den Menschen“

Der Theologiestudent Nazar Martyniuk freut sich auf sein Leben als Priester

Mal im Kapuzenpulli im Wald posierend, mal mit Freunden am See oder im Winter beim Snowboarden in den Karpaten. Das Facebook-Profil von Nazar Martyniuk unterscheidet sich kaum von dem anderer Gleichaltriger. Auch viele Gesprächsthemen gleichen denen anderer Heranwachsender. Etwa, ob er eine Dating-App nutzt, um Frauen kennenzulernen. „Ich bin zwar Single, habe aber noch kein Tinder genutzt“, lacht der 20-Jährige. „Ich habe es lieber, wenn man sich live und nicht online trifft.“ In einem Punkt unterscheidet sich Nazar allerdings sehr von anderen „Twens“: In seinem Berufswunsch und seinem Weg dahin. Nazar studiert seit vier Jahren Theologie am Priesterseminar in Ivano-Frankivsk. Er will Priester werden, griechisch-katholischer Priester, wo die Ehe für Geistliche – sofern sie vor der Weihe geschlossen wird – zugelassen ist. „Ich würde mich freuen, wenn ich heirate, aber das liegt in Gottes Hand“, sagt der Seminarist. Er könne es nicht so recht in Worte fassen, aber „alles was passiert, macht Gott und er weiß, was wir brauchen und führt uns dahin.“ Da ist sich Nazar sicher. Mit 16 Jahren ist er aus Rawa Ruska an der polnisch-ukrainischen Grenze in die Karpatenmetropole Ivano-Frankivsk gezogen. „Mein Vater ist stolz auf mich“, sagt Nazar. „Obwohl er mir das nie direkt gesagt hat, aber er freut sich für mich, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.“ Wenigstens das habe er vom Vater gehört, als er von Zuhause weggegangen war. Am Seminar sind die Tage lang und selten kommt Langeweile auf. Neben seinem Lernpensum singt Nazar im Chor, der die täglichen Gottesdienste der Seminaristen begleitet. Gesang ist im griechisch-katholischen Ritus sehr wichtig, die Proben finden fast täglich statt. „Singen ist meine Leidenschaft“, sagt der angehende Priester. Wie er sich das Amt später vorstellt? „Ein Priester sollte nicht nur in der Kirche bleiben. Er muss rausgehen, weil die Kirche zu den Menschen gehen muss und das ist, wie Kirche funktioniert: Wir dienen den Menschen, weil auch diese uns dienen.“ In rund zwei Jahren kann er das in die Tat umsetzen, dann hat er sein Studium beendet und er ist – wenn alles gut geht – zum Priester geweiht. Vielleicht mit einer Frau an seiner Seite.

„Wir Lehrer haben eine Mission“

Oksana Ohsovska unterrichtet an einem katholischen Gymnasium

„Unter meinen Kollegen sind viele Freunde, die vom Herrn berufen wurden, und denen man am Montagmorgen begegnet und ihnen ein Lächeln schenken möchte.“ Mit diesen Worten und einem lächelnden Porträt wird Oksana Ohsovska im Jahresbericht des Sankt-Basilius-Gymnasiums im ukrainischen Ivano-Frankivsk zitiert. Kennt man die 34-jährige Lehrerin persönlich, so wird schnell klar: Sie meint, was sie sagt – und sie liebt ihren Beruf. Das griechisch-katholische Gymnasium Sankt Basilius mit seinen 320 Schülerinnen und Schülern sei mehr als eine Schule, betont Oksana Ohsovska. „Es ist ein spiritueller Ort.“ Das liege nicht nur an der kirchlichen Trägerschaft und den morgendlichen Gottesdiensten. „Auch wir Lehrer haben hier eine Mission zu erfüllen.“ Als Klassenlehrerin fühlt sie sich verantwortlich für ihre Schülerinnen und Schüler – und deren christliche Erziehung. Den Eltern, die ihre Kinder zu Oksana Ohsovska und ihren Kolleginnen und Kollegen schicken, liege viel daran, dass ihre Kinder im katholischen Glauben erzogen werden. Sonst würden sie nicht 2.000 Hrywna Schulgeld berappen – rund 60 Euro und damit etwa ein Zehntel des ukrainischen Durchschnittseinkommens. „Die erste Kirche ist die Familie – und damit zuständig für die Erziehung“, sagt die Lehrerin. „Die Kinder verbringen von 8 bis 16 Uhr aber viel Zeit in der Schule und dann sind wir wie eine Familie für sie und übernehmen familiäre Aufgaben.“ Darunter auch wertebasierte Erziehung, die sie als Ukrainisch-Lehrerin in ihr Fach einbaut. „Es gibt viele literarische Werke, in denen etwa christliche Moral vorkommt.“ Über diese spricht sie mit ihren Schülern. Aber nicht jede Aufgabe stehe detailliert im Lehrplan, sagt die Pädagogin. „Wir Lehrer müssen als Christen unseren Glauben glaubhaft vorleben.“ Angewandte Wertebildung sei die beste Lehrmethode.

„Wir erfüllen wir das Gebot der Barmherzigkeit“

Der Priester Roman Darmograj leitet eine Suppenküche

Zweifel hegte der Priester Roman Darmograj durchaus, als er gefragt wurde, ob er seine jetzige Tätigkeit aufnehmen könne. „Zunächst wollte ich ablehnen, denn ich wusste nicht, was mich erwartet“, erinnert sich der heute 44-Jährige an seine Gedanken vor sechs Jahren. „Aber Gott braucht mich genau da, wo ich bin.“ Der Geistliche sagte schließlich dem „Jobangebot“ zu und ist heute dankbar dafür. Roman Darmograj leitet in der westukrainischen Stadt Ivano-Frankivsk die Caritas-Suppenküche. Ernährte die „katholische Küche“ vor der Pandemie rund 160 Menschen täglich, ist die Zahl der Bedürftigen in der Corona-Zeit gewachsen. Nun sind es bis zu 300 Lunchpakete, die die Mitarbeiter von Pfarrer Darmograj herausgeben. Kartoffeln, Rotkraut, manchmal ein Stück Fleisch oder Fisch und etwas Brot – das Menü soll in erster Linie nahrhaft sein. Nicht alle verstehen, wieso eine Suppenküche so exponiert im Stadtzentrum gegenüber der prächtig geschmückten griechisch-katholischen Kathedrale stehen muss, erzählt der Mann mit dem silbernen Haar und dem freundlichen Lächeln. Er sieht das anders: „Die Suppenküche zeigt, wie die Kirche den Menschen dient, indem sie täglich die Bedürftigen ernährt.“ Die Menschenschlange vor der Suppenküche ist seiner Auffassung nach auch „eine visuelle Werbung für die Kirche.“ Schließlich will er nicht nur das Wort Gottes von der Kanzel predigen, er sieht seine Aufgabe als Priester in erster Linie darin, den Menschen zu dienen. „Wenn wir hungrigen Menschen zu essen geben, erfüllen wir das Gebot der Barmherzigkeit. Ganz egal an wen wir das Essen geben, ganz egal, welcher Religion die hungrigen Menschen sind. Wir helfen denjenigen, die Hilfe brauchen“, sagt Darmograj. „Manche sagen mir, sie glauben nicht an Gott. Aber das macht sie nicht weniger hungrig.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kirche in der Ukraine

„Wir helfen denjenigen, die Hilfe brauchen“

Die Kirche in der Ukraine genießt Vertrauen in der Gesellschaft und kann wertvolle Hilfe leisten. Das berichtet der Journalist Markus Nowak, der für Renovabis in der Ukraine war - vor dem Krieg, in einer Zeit, als noch alles anders war.
Weiterlesen
Inhalt erstellt: 26.04.2022, zuletzt geändert: 12.05.2022

Unser Newsletter