Drei Männer im Gespräch
Theologen unterschiedlicher Konfessionen im Gespräch
Foto: Katholische Akademie Rottenburg-Stuttgart
31.07.2019 – Interview

Die alten Wunden sollen heilen

"Gestohlene Kirchen oderBrücken zur Orthodoxie" lautete der Titel einer internationalen Konferenz, zu der sich in Stuttgart erstmals unierte und orthodoxe Kirchenvertreter getroffen haben. Der Tagungsleiter Dr. Vladimir Latinovic zieht eine Bilanz des Treffens und schildert die Hintergründe.

Das Interview führte Barbara Thurner-Fromm, Leiterin der Presse-und Öffentlichkeitsarbeit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Welche Kirchen hat man im Blick, wenn man von den Orthodoxen spricht?
Dr. Latinovic: Im 11. Jahrhundert kam es zu einem großen Schisma, der Kirchentrennung zwischen Ost und West. Den westlichen Teil der christlichen Kirche bezeichnen wir heute als Katholische Kirche – den östlichen Teil als Orthodoxe Kirche. Zu den Orthodoxen Kirchen gehören die Kirchen in Mittel- und Osteuropa, etwa die russische, bulgarische, serbische und rumänische Orthodoxe Kirche, aber auch im Nahen Osten, z. B. Patriarchate in Jerusalem, Antiochien und Alexandrien.
Und wodurch unterscheiden sich diese von der Unierten Kirche?
Dr. Latinovic: Im 15. Jahrhundert versuchte man bei dem Konzil von Ferrara-Florenz, die Einheit zwischen Ost und West wieder herzustellen. Fast alle dogmatischen Fragen sind damals geklärt worden; leider kam eine Union aber nicht zustande. Ein Teil der östlichen Kirchen hat sich trotzdem entschieden, in eine Union mit Rom zu gehen. So sind die ersten katholischen Kirchen des Ostens entstanden. Zu ihnen zählt etwa die Kirche in der Ukraine. Ein weiterer Teil dieser Kirchen ist dadurch entstanden, dass Rom eine aggressive Unionspolitik betrieben hat. Dazu zählen z. B. die serbischen Unierten. Zwischen Unierten und orthodoxen Kirchen gibt es eigentlich keinen großen liturgischen, dogmatischen oder anderen Unterschied. Die katholischen Ostkirchen sprechen sogar das Glaubensbekenntnis ohne Filioque – das ist der katholischer Zusatz, der im 11. Jahrhundert zum Beginn der Trennung zwischen westlichen und östlichen Kirchen beigetragen hat. Der einzige Unterschied zwischen diesen Kirchen ist eigentlich, dass die Katholischen Ostkirchen den Papst als Oberhaupt anerkennen, während die Orthodoxen eigene Patriarchen haben.
Stecken auch historisch-politische und kulturelle Unverträglichkeiten dahinter?
Dr. Latinovic: Ja, in der Tat. Wenn wir die Ukraine als Beispiel nehmen, sieht man gleich, dass nationale Aspekte eine erhebliche Rolle spielen. Die Menschen in der Ukraine haben ein eigenes Nationalbewusstsein und werfen dem russischen Staat und der orthodoxen Kirche vor, die Ukraine in den russischen Hoheitsbereich („Russkij Mir“) zu ziehen.
Intensive Gespräche und Begegnungen bei der Konferenz in Stuttgart<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Katholische Akademie Rottenburg-Stuttgart</small>
Intensive Gespräche und Begegnungen bei der Konferenz in Stuttgart
Foto: Katholische Akademie Rottenburg-Stuttgart
Liturgiefeier der unierten Kirchen.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Katholische Akademie Rottenburg-Stuttgart</small>
Liturgiefeier der unierten Kirchen.
Foto: Katholische Akademie Rottenburg-Stuttgart
Warum engagiert sich die Akademie bei diesem Thema?
Dr. Latinovic: Die Akademie hat sich bisher mit Verbesserungen der Lage der orientalischen und orthodoxen Kirchen bereits mit Erfolg beschäftigt. Die einzigen, die bisher ausgeschlossen waren, sind die Unierten Kirchen. Wir verstehen uns an der Akademie als Brückenbauer und wollen versuchen, auch eine Brücke zwischen Orthodoxen und Unierten zu bauen.
Gibt es vergleichbare Initiativen?
Dr. Latinovic: Nein. Wir leisten auf diesem Gebiet in der Tat eine Pionierarbeit.
Nun gab es im Tagungszentrum der Akademie erstmals ein großes internationales Zusammentreffen.
War es schwierig, miteinander ins Gespräch zu kommen?
Dr. Latinovic: Als wir mit der Organisation dieser Tagung begannen, habe ich einen renommierten katholischen Theologieprofessor um seinen Rat gebeten. Er hat mir gesagt, dass seiner Meinung nach eine solche Tagung komplett unmöglich sei, „weil sogar die sehr offenen und dialogfähigen orthodoxen und unierten Theologen nicht miteinander reden wollen.“ Der Professor hatte glücklicherweise nicht Recht. In Stuttgart haben sich 90 Vertreter aus 18 Ländern versammelt – und alle unierten und orthodoxen Kirchen waren dabei vertreten. Zudem kamen noch rund 30 Studierende und Promovierende, deren Teilnahme durch das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis ermöglicht wurde.
Wie kann man den Geist des Treffens beschreiben? War es schwierig, miteinander ins Gespräch zu kommen? War es ein vorsichtiges Abtasten?
Dr. Latinovic: Ich hatte erwartet, dass es ein vorsichtiges Abtasten sein wird und war überrascht, dass dies nicht der Fall war. Ins Gespräch miteinander zu kommen schien allen sehr leicht zu fallen. Die beiden Seiten haben sehr viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Und über Unterschiede hat man offen, aber in einem toleranten Geist gesprochen.
Welches waren die wichtigsten Themen?
Dr. Latinovic: Es wurde sehr viel über die Wunden gesprochen, die man sich in der Vergangenheit geschlagen hat. Man hat aber auch über die Heilungsprozesse gesprochen und über Wege, die Wunden zu überwinden. Wir haben aber auch über die Gemeinsamkeiten gesprochen und wie wir eine neue Beziehung aufbauen können.
Aktueller Streit hat sich besonders an der Kirche in der Ukraine entzündet. Warum? Und gibt es da Ansätze zur Verständigung?
Dr. Latinovic: Die Situation in der Ukraine ist besonders schwierig und kompliziert, weil wir dort drei große kirchliche Gruppierungen haben: die katholische Ostkirche, die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats und die vor einem Jahr von Konstantinopel neu gegründete ukrainische orthodoxe Kirche. Daneben gibt es noch weitere kleinere Kirchen. Leider fehlen hier noch Ansätze zur Verständigung; das ukrainische Volk bleibt gespalten.
Das Interesse an der Tagung war groß; sie wurde von verschiedener Seite gefördert. Wie geht es nun weiter?
Dr. Latinovic: Die Tagung wurde vom Päpstlichen Rat zur Förderung der christlichen Einheit und von der Orthodoxen Bischofskonferenz unterstützt. Das ist sehr selten und wir sind diesen beiden Organisationen sehr dankbar dafür. Wir planen im Zwei-Jahres-Rhythmus weitere Treffen. Sie sollen abwechselnd in einem Land der orthodoxen und der unierten Kirchen stattfinden. 2021 wollen wir uns in Lviv in der Ukraine treffen. Danach soll es nach Russland gehen.
Die Akademie hat also einen Friedensprozess im Blick?
Dr. Latinovic: Ich würde zurückhaltender formulieren: Was wir hier beginnen ist ein Prozess des Dialogs zwischen zwei Kirchen. Und wo uns das hinführt und welche Auswirkungen das haben wird, werden wir ja sehen.
Inhalt erstellt: 31.07.2019, zuletzt geändert: 05.08.2019