Zerstörter Wohnblock
Zerstörter Wohnblock in Lysychansk im Donbass, Ukraine
Foto: Ліонкінг (Eigenes Werk), Lizenz CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
13.10.2016 – n-ost Reportage

Die Schule von Marinka

Das neue Schuljahr in der Ukraine sollte mit einer Waffenruhe beginnen. In der ukrainisch kontrollierten Frontstadt Marinka ist davon wenig zu spüren.

Marinka/Ukraine – Die Schulglocke läutet. Kinder laufen durch die Aula, sie lachen. Erst auf den zweiten Blick sieht man die durchlöcherten Fenster, das zersplitterte Glas, das Einschussloch an der Fassade. Schüler schleppen Sandsäcke in die Klassenräume, um sie vor den Fenstern aufzutürmen. Ein Soldat mustert streng die Szene. Eine Reportage von n-ost-Korrespondentin Simone Brunner, Marinka.

Der Krieg ist für die Schüler von Marinka zum Alltag geworden. Nur wenige Monate ist es her, dass die Schule im ukrainisch kontrollierten Gebiet neue Fenster bekommen hat nachdem die alten unter dem Druck des Artilleriedonners zerbarsten. Doch vergangene Woche wurde das Gebäude wieder beschossen. Die Fenster, dessen blendend-weiße Rahmen noch wie ein fremdes Implantat im grauen Ziegelbau stecken, sind schon wieder von Granatsplittern durchlöchert.

Es ist traurige Ironie, dass es ausgerechnet eine Schule ist, die in Marinka zu Schaden kam. Ab dem 1. September – dem ersten Schultag in der Ukraine – hatten die Konfliktparteien eine Waffenpause vereinbart. Von einer Entspannung ist in Marinka derweil wenig zu spüren: Die vergangenen Nächte haben viele Bewohner wieder in ihren Bombenkellern verbracht. Am Wochenende hatte die Ukraine zudem einen vereinbarten Truppenabzug im 300 Kilometer entfernten Stanyzja Luhanska wegen angeblichem Beschuss der Separatisten gestoppt.

Der erste Kriegswinter war der schlimmste

Marinka hat besonders unter dem Krieg in der Ostukraine zu leiden. Im Frühling 2014 von den Separatisten besetzt, kam die Kleinstadt im Sommer 2014 wieder in ukrainische Kontrolle. Doch die Stadt bleibt heftig umkämpft. Dass die Front praktisch durch das Stadtgebiet verläuft und Marinka somit offiziell zur „grauen Zone“ gehört, macht sie für Zivilisten zu einem besonders gefährlichen Ort.

„Der erste Kriegswinter war der schlimmste“, sagt die Schuldirektorin Ljudmilla Pantschenko, langes, dunkles Haar, perfekter Lidstrich. Seitdem die Gasleitung vor zwei Jahren getroffen wurde, ist die Stadt von der Gasversorgung abgeschnitten. Damals hätten die Kinder in den Klassenzimmern gefroren, in Overalls verpackt, Schnee an den Schuhen, erinnert sich Pantschenko. Inzwischen wurde das Heizsystem auf Kohle umgestellt, in Pantschenkos Büro rattert zudem ein Elektroheizer. Aber schon kriecht die Kälte wieder durch die durchlöcherten Scheiben. Solange in Marinka geschossen wird, ist an eine Reparatur der Gasleitung nicht zu denken.

Die Frontlinie ist hier nur 1.500 Meter entfernt. Eine eigentümliche Mischung aus Ausnahmezustand und Normalität hängt über der Schule: Vor dem Eingang kleben Plakate zu Schulveranstaltungen neben den Warninfos zu Minen. Grüne Klebestreifen an den Gängen sollen den Schülern zeigen, wo sie bei Beschuss stehen sollen. Rote, wo nicht.

Die Hälfte der knapp 10.000 Einwohner hat die Stadt verlassen. Geblieben ist, wer hier ein Haus, eine Wohnung oder als einer der wenigen eine Arbeit hat, statt mit leeren Händen ins Ungewisse zu fliehen. Alle Fabriken in Marinka sind geschlossen oder völlig zerstört. Viele der Bewohner sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die angrenzende Metropole Donezk, früher die Lebensader der Region, heute Separatistenhauptstadt, ist ferner denn je. An den Checkpoints reihen sich täglich hunderte Autos ein, manchmal wartet man tagelang auf die Überfahrt.

"Werden sie heute wieder schießen?“

Vor dem Krieg haben in der Schule von Marinka 350 Kinder die Schulbank gedrückt. Heute sind es noch knapp 160. Lisa und Dascha sind zwei von ihnen. Die beiden 15-Jährigen packen gerade ihre Schulsachen. Die letzte Nacht hat Lisa wegen des Schusswechsels kein Auge zugetan. Seit zwei Jahren sitzt ihre Familie Abend für Abend im Dunkeln, um nicht zu einem Ziel der Scharfschützen zu werden. „Du legst dich am Abend schlafen und hast nur einen Gedanken“, erzählt Lisa. „Werden sie heute wieder schießen?“

Der Krieg in der Ukraine ist ein Nachtkrieg. Während die Waffen tagsüber zumeist ruhen, brechen die Kämpfe mit Einbruch der Dunkelheit aus, wenn die OSZE-Beobachter in ihre Basen zurückgekehrt sind. Ein Rhythmus, nach dem sich das Leben in Marinka mittlerweile richtet: Am späten Nachmittag sind die Straßen wie leergefegt, die wenigen Geschäfte, die noch in Betrieb sind, geschlossen.

Nach der Schule möchten Lisa und Dascha weg aus Marinka, weg von der Front und vom Krieg. Wenngleich in entgegengesetzte Richtungen: Lisa möchte Biologie-Lehrerin werden und in Dnipropetrowsk studieren, der nächstgelegenen Großstadt im ukrainisch kontrollierten Gebiet. Dascha möchte Anwältin werden. Allerdings in Donezk – auf der anderen Seite der Front.

Inhalt erstellt: 30.11.2016, zuletzt geändert: 12.02.2019