Das Anwesen, auch nur Meschyhirja, „die Residenz“ genannt, ist zum Symbol für die Korruption und denn Machtmissbrauch der Ära Janukowitsch geworden, welche 2014 endete. Jetzt dient es als Park und als Kulisse für Hochzeitsaufnahmen. Kiew, Ukraine, Juli 2018
Foto: Fabian Stamm
25.10.2018 – Ukraine

Die Eroberung des Palastes ist noch kein Sieg

Die Resident des gestürtzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch ist zum Symbol der ukrainischen Kleptokratie geworden. Heute ist sie eine populäre Mischung aus Freizeitpark und improvisiertem Revolutionsmuseum. Doch der Schriftsteller Zhadan warnt: Die Revolution darf nicht im Bett des Monarchen enden.

Dieser Beitrag stammt aus der gemeinsamen Artikelreihe "Europäische Verständigung, Dialog und Brückenbau" von Renovabis und n-ost. Sie handelt von Menschen, die trotz widriger Umstände und Konflikte im Osten Europas auf Verständigung setzen und aufeinander zugehen – aber auch über solche, die scheinbar kapituliert haben.

Ein Essay von n-ost-Korrespondent Serhij Zhadan, Kiew. Mit Bildern von Fabian Stamm.

Heute spricht kaum noch jemand über Meschyhirja in der Ukraine. Die Residenz des flüchtigen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, die gleich nach seiner Flucht Ende 2014 von Aktivisten besetzt wurde, ist längst aus den Nachrichten verschwunden. Vor Kurzem wurde berichtet, dass Meschyhirja ins Staatseigentum überführt wird. Diese Information rief allerdings keine Resonanz hervor – Präsident Janukowitsch sowie seinen materiellen und “geistigen” Nachlass haben die Ukrainer längst vergessen. In den letzten vier Jahren scheint das Land mehrere Leben durchlebt zu haben. Das, was im Winter von 2014 starke Emotionen hervorgerufen hat, bewirkt heute höchstens Sarkasmus.
Damals, im Winter 2014, direkt nach den Todesschüssen auf Demonstranten in den Straßen von Kiew, wurde Meschyhirja als Symbol wahrgenommen – als Symbol für alles, wogegen die Demonstranten auf dem Majdan protestiert haben: Korruption, Intransparenz, Gier. Aktivisten tauchten in der Residenz des Präsidenten unmittelbar nach dessen Flucht auf. Sämtliche TV-Sender zeigten Bilder aus Janukowitschs Landsitz – der goldene Brotlaib, Straußenvögel, das Bett des Diktators. Jede Revolution braucht visuelle Symbole, sakrale Gegenstände, um sich daran zu orientieren. Die präsidiale Residenz passte sehr gut zu einer solchen Sakralisierung – sie war ein perfektes Beispiel für Geschmacklosigkeit und Kitsch. Meschyhirja war die einfache und sichtbare Metapher dafür, was die Ukrainer loswerden wollten: Feudalismus, abgekapseltes Kastenleben, schlechter Stil. Das eroberte Schloss des Diktators war das überzeugendste Urteil für den Diktator selbst. Es war klar, was für ein Vogel das war.

Die Residenz ist zur philisterhaften Demonstration der Dummheit der ehemaligen Machthaber geworden

Es wurde aber ziemlich schnell auch klar, dass alle Vorwürfe der Gesellschaft auf diese Residenz reduziert wurden – auf die Straußenvögel, die dort lebten, und auf den goldenen Brotlaib, der dort gefunden wurde. Die Tragödie des Majdan wurde zur Farce von Meschyhirja vereinfacht, das Pathos des gesellschaftlichen Widerstands zu Besucherführungen, die im Palast von Janukowitsch angeboten wurden. Meschyhirja verwandelte sich nicht wirklich in ein Museum von Fehlern und Verbrechen der ehemaligen Machthaber, sondern eher in eine philisterhafte Demonstration ihrer Dummheiten. Jedenfalls endete alles mit Burleske und Spott. Ein natürliches Resultat der meisten Revolutionen. Doch die Ereignisse im Lande überschlugen sich, was die ganze Burleske als Protest zumindest unpassend machte. Meschyhirja ist die Ukraine vor 2014. In der heutigen Situation ruft es weniger Empörung, sondern vielmehr Unverständnis hervor – wie konnten wir so lange damit leben? Und das Wichtigste: Warum leben wir bis heute damit?
Das Problem lag darin, dass die Ukrainer sich in den letzten vier Jahren vergewissern konnten: Meschyhirja ist gar nicht der einzige (und ganz bestimmt nicht der prunkvollste) Palast, den die ukrainischen Politiker und Beamten ihr Eigen nennen. Korrumpierte Eliten und soziale Parallelwelten gehören seit Langem zu den schmerzhaftesten ukrainischen Realitäten. In diesem Sinne war Meschyhirja wie eine Auslage - so hat der höchste Amtsträger des Landes gelebt. Meschyhirja war der anschaulichste Beweis für den kriminellen Charakter des Janukowitsch-Regimes. Ein Beweis, den man nicht mal kommentieren musste, so offensichtlich war alles: Wir werden von Ganoven und Dieben regiert, sie bereichern sich auf unsere Kosten, sie halten uns alle für Deppen. Man brauchte keine weiteren Argumente, alles lag an der Oberfläche. Ich glaube, dass nach der Revolution die Meinung der Ukrainer über Janukowitsch vor allem durch seine prunkvolle Residenz in Meschyhirja geprägt wurde - ein beschränkter unfähiger Diktator eben: Ein Mann bar jeglichen Gewissens und Geschmacks, der die Macht in einem Land mit 40 Millionen Einwohnern auf unerklärliche Weise an sich gerissen hat. Man könnte meinen, die Ukrainer sollten sich für immer die blutigen Lehrstunden der Demokratie einprägen, um zukünftig keine einfachen Fehler zu wiederholen und die Palastbesitzer nicht an die Macht kommen zu lassen.
Am traurigsten ist, dass solche Paläste nicht nur die Vertreter der alten “reaktionären”, sondern auch die der neuen “revolutionären” Macht besitzen. Daran ist nichts Neues – Revolutionen haben nicht nur die Fähigkeit zu faszinieren, sie öffnen einem auch die Augen. Doch die ukrainischen Ereignisse von 2014 sollten zumindest eine Lehre gewesen sein. Davon, dass eine Revolution – wenn wir wirklich über eine echte Revolution sprechen, die die Grundlagen des politischen Systems zerstört und einen Impuls für ernsthafte gesellschaftliche Veränderungen gibt – nicht nur einen Wechsel im Amt des Präsidenten bedeutet. Es geht um die neuen Spielregeln in der politischen und gesellschaftlichen Ordnung, die in Zukunft einen Diktator verhindern sollten.

In einer parlamentarisch-präsidialen Republik darf es keinen Monarchen geben

Meschyhirja sollte uns außerdem noch an eine Binsenweisheit erinnern – eine Revolution, die nur mit Eroberung des Zarenpalastes und mit Übernachtung im Bett des Monarchen endet, ist zur Selbstzerstörung verdammt. Der Konflikt besteht ja nicht darin, dass der Monarch einen prunkvollen Palast hat. Der Konflikt besteht darin, dass in der Verfassung einer parlamentarisch-präsidialen Republik gar kein Amt eines Monarchen vorgesehen ist. Ihn, den Monarchen, soll es schlicht nicht geben. Und wenn die Ukrainer ihre Revolution wirklich vollenden wollen (und ich bin der festen Überzeugung, dass ihre Vollendung noch aussteht), müssen sie diese Tatsache im Kopf behalten.
Das Anwesen von Meschyhirja wird heute von einigen hundert Aktivisten bewohnt und außerdem, was besonders dramatisch und signifikant ist, noch von einigen dutzend Binnenflüchtlingen aus dem Donbass, die gezwungen waren ihre Häuser und Wohnungen nach Beginn der Kämpfe in der Ostukraine im Frühjahr 2014 zu verlassen. Dieses gesamte Gelände sollte uns daran erinnern, dass wir nicht so lange warten dürfen, bis unredliche Politiker uns zu radikalen Handlungen provozieren, sodass wir gezwungen sind Steine in die Hand zu nehmen, um unsere Prinzipien und Überzeugungen zu verteidigen.
Es ist viel wirkungsvoller solche Politiker erst gar nicht an die Macht kommen zu lassen, die Revolution nicht als die einzige Möglichkeit für Veränderungen und Reformen zu betrachten, sondern zu versuchen diese Veränderungen tagtäglich umzusetzen, ohne auf die nächsten Wahlen oder politische Krisen zu warten.
Anders gesagt, die Geschichte von Meschyhirja sollte uns lehren, dass die Eroberung des Palastes eines Diktators noch kein Sieg ist. Ein Sieg ist es, wenn es keine Diktatur als solche mehr gibt. Die Revolution kann oft enttäuschen. Aber selbst eine Revolution, die enttäuscht, kann uns etwas lehren. Wenn der Wunsch zum Lernen da ist.

Eine Familie spaziert durch den Park von Meschyhirja. Kiew, Ukraine, Juli 2018<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Fabian Stamm</small>
Eine Familie spaziert durch den Park von Meschyhirja. Kiew, Ukraine, Juli 2018
Foto: Fabian Stamm
Auch können Touristen Innenräume des Palastes besichtigen. Kiew, Ukraine, Juli 2018<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Fabian Stamm</small>
Auch können Touristen Innenräume des Palastes besichtigen. Kiew, Ukraine, Juli 2018
Foto: Fabian Stamm
Inhalt erstellt: 10.12.2018, zuletzt geändert: 12.02.2019