03.08.2022 – Vorgestellt: Theresa Grabinger

„Zu arbeiten hilft mir, dass ich nicht die Wände hochgehe“

Seit Juni 2022 ist Theresa Grabinger die zuständige Referentin für Projekte in der Ukraine und der Republik Moldau. Sie ist aber Renovabis schon lange verbunden. In diesem Interview berichtet sie über ihren Werdegang und neue Entwicklungen in der Projektarbeit in der Ukraine.

Sie sind seit Juli 2022 Länderreferentin für die Ukraine und die Republik Moldau. Wie ist Ihr beruflicher Werdegang bisher verlaufen?

Renovabis hat bei meinem Berufsweg eine große Rolle gespielt. Nach dem Schulabschluss war ich als Freiwillige über den Jesuiten-Freiwilligendienst ein Jahr in Rumänien – kofinanziert durch Renovabis. Dann habe ich während meines Studiums der Politikwissenschaft ein Praktikum bei Renovabis gemacht und nach dem Studium habe ich mich bei Renovabis beworben und konnte dann von Mitte 2017 bis Ende 2020 als Länderreferentin arbeiten. 2020 habe ich eine Ausbildung zur Friedens- und Konfliktberaterin gemacht und bin 2021 mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit als Friedens- und Konfliktberaterin nach Dnipro in den Osten der Ukraine gegangen. Und obwohl dann irgendwann 100.000 Soldaten an der Grenze standen, hat doch keiner von meinen Kolleginnen und Kollegen vor Ort einen Angriff für wirklich wahrscheinlich gehalten. Aber die Situation spitzte sich zu und am 12. Februar 2022 entschied das Auswärtige Amt, dass ich als deutsche Fachkraft innerhalb von 2 Stunden meinen Koffer packen und das Land verlassen muss - zwei Wochen vor der völligen Eskalation und dem Einmarsch der russischen Armee.
Ich entschied mich dann schnell, wieder bei Renovabis anzufangen - die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten angesichts des Krieges in der Ukraine die Unterstützung gut gebrauchen. Hier kann ich auf meine Art den Menschen in der Ukraine helfen. Seit Juni arbeite ich nun wieder als Länderreferentin bei Renovabis und neben der Republik Moldau auch zuständig für die Ukraine. Denn Joachim Sauer, der lange Jahre für die Ukraine zuständig war, ist zum 1. Juli 2020 in den Bildungsbereich von Renovabis gewechselt.

Was sind denn Ihre Aufgaben als Länderreferentin?

Als Länderreferentin bin ich mit den Projektpartnerinnen und -partnern im Gespräch und Austausch, was die Vorbereitung der Projekte angeht. Wir diskutieren, ob und wie das für uns inhaltlich und finanziell so umsetzbar ist. Dann bereite ich den Projektantrag für unsere Vergabekommissionen vor und bleibe nach Bewilligung der Projekte mit den Projektpartnern im engen Kontakt über die Umsetzung des Projektes und auch seine Auswertung. Ich unterstütze die Partner dabei, Lösungen für aufkommende Probleme zu finden, gegebenenfalls auch durch Beratung von Außen. Es ist wichtig, dass ich regelmäßig im persönlichen Gespräch mit den Partnern bin, am besten natürlich vor Ort. Aber derzeit plane ich nicht, in die Ukraine zu reisen, weil die knappen Ressourcen der Partner durch die Hilfsaktivitäten gebunden sind.

Blick in eine Schublade mit blauen Hängeregistratur-Mappen.
Ablage von Ukraine-Projekten aus dem Jahr 2022.
Quelle: Daniela Schulz, Renovabis
Sandsäcke auf dem Mykhailivska-Platz in Kiew.
Die Statue der Heiligen Olga auf dem Mykhailivska-Platz wird mit Sandsäcken vor Raketen und Granaten geschützt.
Quelle: Michael Spalek
Wir sind jetzt im 6. Monat des Krieges. In den ersten Wochen standen vor allem Nothilfeprojekte auf dem Programm, es ging zum Beispiel um die Ausstattung von Schutzräumen und Lebensmittel-Hilfen für geflüchtete Menschen. Wie entwickelt sich die Projektarbeit nun weiter?

Als erstes kann man feststellen, dass der Bedarf an Erstversorgung nicht weniger geworden ist. Weil beispielsweise viele Menschen nicht nach Hause zurückkönnen, müssen weiterhin laufende Kosten für Unterkünfte gezahlt werden. Dennoch versuchen die Partner, nun auch mittel- und längerfristig notwendige Projekte anzugehen.
Dazu gehört zum Beispiel das sogenannte „Capacity-Building“. Darunter versteht man die Entwicklung und Stärkung von Fähigkeiten, die Organisationen und Organisationen benötigen, um vor Ort selbständig helfen zu können. Beispielsweise werden lokale Caritas-Organisationen von der Nationalcaritas (Caritas Ukraine) dabei unterstützt, sich in ihren Strukturen zu festigen und zu professionalisieren. So können sie effizient und professionell humanitäre Hilfe vor Ort leisten. Diese Förderung entspricht dem Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre. Jede Einzelperson und kleinere Gemeinschaft hat das Recht und die Pflicht nach ihrem Vermögen eigenverantwortlich einen Beitrag am Gemeinwohl zu leisten und gerade jetzt mit Binnenvertriebenen und anderen bedürftigen Gruppen zu arbeiten.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Traumaarbeit. Die Patriachalkurie der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche hat Selbsthilfegruppen für Angehörige von getöteten Soldaten und weiteren Kriegsopfern eingerichtet, damit Menschen lernen, mit dem Verlust umzugehen und weiter zu leben. Es ist wichtig, dass Menschen geholfen wird, sich nicht völlig zurückzuziehen. Auch therapeutische Sommerlager für Kinder sind neue Formen der sozialen Arbeit mit Kindern, die auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnitten werden. Kinder können auch dazu beitragen, ein gelingendes Miteinander von lokaler Bevölkerung und den hinzukommenden Binnenmigranten / Flüchtlingen zu stärken.
Schließlich ist Burnout-Prävention, gerade auch für die Helfenden, ein wichtiges Thema. „Aus einem leeren Eimer kann man nicht gießen“ - nach dieser Weisheit müssen die Helfenden lernen, ihre eigenen Belastungssymptome rechtzeitig zu erkennen und wissen, wo sie Hilfe bekommen.
Auch die Nachbarländer der Ukraine brauchen derzeit Unterstützung. Beispielhaft nenne ich die Republik Moldau. Trotz der äußerst schlechten wirtschaftlichen Situation wurden viele Geflüchtete innerhalb von Familien aufgenommen. Zur hohen Inflation im Land kommen nun die Energiekrise und eine Dürre – es gibt eigentlich keine Ressourcen mehr.

Wie schaffen Sie es, in dieser bedrückenden Situation weiterzuarbeiten?

Da geht es mir ein bisschen, wie unseren Partnern: zu arbeiten hilft mir, dass ich nicht die Wände hochgehe. Durch meine Arbeit kann ich nützlich sein, und Menschen helfen. Außerdem arbeite ich gerne mit unseren Partnern und meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen! Besonders meine Kolleginnen aus der Sachbearbeitung leisten gerade Unglaubliches, um die vielen neuen Projekte zu bearbeiten und die Partner bestmöglich zu unterstützen. Wir haben das Glück, dass wir auf ein solides, von Vertrauen und langer Zusammenarbeit geprägtes Netz von Partnerstrukturen zurückgreifen können. Ihr Mut und ihre Ausdauer beeindrucken mich und geben mir Kraft.

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Inhalt erstellt: 27.05.2022, zuletzt geändert: 05.08.2022

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