Das auf den Hügeln des Westufers des Dnepr gelegene Höhlenkloster und die Mutter-Heimat-Statue, dahinter der Dnepr und dessen flaches Ostufer (Kiew, Ukraine)
Das auf den Hügeln des Westufers des Dnepr gelegene Höhlenkloster und die Mutter-Heimat-Statue, dahinter der Dnepr und dessen flaches Ostufer (Kiew, Ukraine)
Foto: Andriy155, CC BY 3.0
08.11.2018 – Hintergrund

Orthodoxiekonflikt spitzt sich zu

Der Streit um die Unabhängigkeit der orthodoxen Kirche in der Ukraine wurzelt tief und dauert schon viele Jahre an. In den letzten Monaten hat er sich jedoch zugespitzt.

Aktuelle Entwicklungen

Das Patriarchat von Moskau hat die Beziehungen mit dem Patriarchat von Konstantinopel eingefroren – de facto eine Aufkündigung der Kirchengemeinschaft. Das hat u.a. zur Folge, dass bei den Fürbitten in den Gottesdiensten des Moskauer Patriarchats ab sofort nicht mehr Bartholomaios I. an erster Stelle, sondern der Patriarch von Alexandrien genannt wird.

Der ukrainische Staatspräsident, Petro Poroschenko hat die St. Andreas-Kirche in Kiew per Unterschrift offiziell dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. zur kostenlosen ständigen Nutzung übergeben.

Die Kirche des Moskauer Patriarchats lehnt die Teilnahme an einem geplanten Konzil zur Gründung einer einheitlichen orthodoxen Kirche der Ukraine ab.

Am Samstag, 3. November 2018, unterzeichneten der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., einen Kooperationsvertrag zur Schaffung einer von Moskau unabhängigen ukrainisch-orthodoxen Kirche. In der Ukraine wird dieser Schritt begrüßt, Beobachter weisen jedoch auch darauf hin, dass Poroschenko durch seine Bemühungen auf Wählerstimmen bei der Präsidentsschaftswahl im März 2019 hofft. Bereits im April hatte Poroschenko Bartholomaios I. offiziell aufgefordert, der orthodoxen Kirche in der Ukraine die Autokephalie zu verleihen.

Hintergrund der komplexen Situation

Die orthodoxe Kirche in der Ukraine hat sich im Zusammenhang mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine mehrfach gespalten. Heute gibt es drei orthodoxe Kirchen, neben einer Reihe von kleinen und unbedeutenden Splittergruppen:

  • die Ukrainische Orthodoxe Kirche in Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat (UOK-MP),
  • die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats (UOK-KP) und die
  • Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK)

Sie stehen in einem Konkurrenzverhältnis zueinander, erkennen sich gegenseitig nicht an und beanspruchen jeweils, die wahre und legitime orthodoxe Kirche der Ukraine zu sein. Allerdings unterstützen sowohl die UOK-KP als auch die UAOK die Idee der Schaffung einer Ortskirche.
Gerade die UOK-MP geriet im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland unter Rechtfertigungsdruck: einerseits stand (und steht) sie in Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat; die allermeisten Ukrainer und auch viele Mitglieder der UOK-MP sahen aber in Russland den Aggressor. So wechselten mittlerweile zahlreiche Kirchengemeinden zur UOK-KP, die – wie auch fast alle anderen Glaubensgemeinschaften im Lande – einen klaren proukrainischen Kurs vertritt. Das ukrainische Parlament möchte die Abhängigkeit von Russland im kirchlichen Bereich mit einer eigenen unabhängigen orthodoxen Kirche überwinden.

Warum eine Ortskirche?

"Eine Ortskirche ist die Kirche aller orthodoxen Gläubigen eines Landes. Sie wird nach dem Territorialprinzip gebildet und ist auf dem Gebiet eines Staates unabhängig und selbstverwaltend. Das Gebiet der Kirche stimmt normalerweise mit den Staatsgrenzen überein. Ukrainische Politiker begründen die Notwendigkeit zur Schaffung einer Ortskirche mit dem Wunsch der orthodoxen Christen in der Ukraine nach Einheit. Natürlich gibt es dabei auch eine politische Komponente. (...) die Schaffung einer Ortskirche (soll) den Einfluss Russlands auf die Ukraine schwächen."

Verständnis für Wunsch nach Unabhängigkeit

Das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, Großerzbischof von Kiew-Halytsch Sviatoslav Shevchuk, sieht in der Erklärung der Autokephalie eine natürliche Erweiterung des Wunsches der Ukraine nach Unabhängigkeit:

Was die Ukraine jetzt braucht, ist die Bekräftigung ihrer Rechte. Es geht nicht nur um das Recht auf ein unabhängiges Land, sondern auch um das Recht einer eigenen Interpretation seiner religiösen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Shevchuk bestand darauf, dass er nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Kirchen eintreten könne, machte aber deutlich, dass er im Kampf zwischen Konstantinopel und Moskau die Argumentation Konstantinopels überzeugender findet.

  • Quelle: Crux, Interview vom 13.10.2018

Aderlass für das Moskauer Patriarchat

Würde die orthodoxe Kirche in der Ukraine eigenständig, dann verlöre, so der Wiener Kirchenhistoriker Rudolf Prokschi, das Moskauer Patriarchat ein Drittel seiner Gläubigen. Er betont die Bedeutung des Konzept des kanonischen Territoriums für das Moskauer Patriarchat:

Für die russisch-orthodoxe Kirche, und da geht sie konform mit der russischen Politik, gehören Russland, Weissrussland und die Ukraine traditionell als Einheit zusammen. Dass die Ukraine daraus ausbrechen könnte, ist schlichtweg unverständlich.

Vatikan-Neutralität

Metropolit Hilarion, Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, begrüßte die Neutralität des Vatikan in Bezug auf die orthodoxen Streit.

Wir sehen im Allgemeinen eine sehr ausgeglichene Position von Papst Franziskus
persönlich, des Vatikans als Staat und der römisch-katholischen Kirche, und dies auf den verschiedenen Ebenen", sagte der Metropolit laut "Interfax". Hilarion war Mitte Oktober in Rom gewesen und hatte auch eine Privataudienz beim Papst.

Weitere Hintergrundinformationen

Inhalt erstellt: 05.11.2018, zuletzt geändert: 13.11.2018