Gemälder des Malers Pieter Snayers von der Schlacht am Weißen Berg bei Prag
Die Schlacht am Weißen Berg, Gemälde von Pieter Snayers
Quelle: Gemeinfrei
06.11.2020 – Tschechien

Zum 400. Jahrestag der „Schlacht am Weißen Berg" in Prag

Westlich der Prager Burg liegt der Weiße Berg, auf dem sich im Jahr 1620 eine der ersten großen Auseinandersetzung im Dreißigjährigen Krieg abspielte. Die Schlacht zwischen katholischen Armeen und aufständischen Böhmen hatte gravierende Folgen für Kirche und Gesellschaft in Tschechien.

Vor 400 Jahren, am 8. November 1620, unterlagen die konföderierten protestantischen böhmischen Stände den kaiserlichen und bayerischen Truppen der Katholischen Liga. Diese Niederlage ging als die „Schlacht am Weißen Berg“ in die tschechische Geschichte ein und prägt das Nationalbewußtsein noch heute. Für viele Tschechen markiert sie den Beginn der „Zeit der Dunkelheit": der katholischen Vorherrschaft in Böhmen und Mähren und der damit verbundenen Unterdrückung der Protestanten.
Die Tschechische Bischofskonferenz und der Ökumenische Rat der Kirchen luden am 8. November 2020 zu einer ökumenischen Vesper beim Grabhügel am Ort der damaligen Ereignisse. Auch der Stadtteil Prag 6 sowie die Abtei Venio waren an der Feier beteiligt. Dort wurden die Verwundungen der Vergangenheit bekannt und bereut und auch um den gemeinsamen Weg in die Zukunft gebetet. Den Abschluss bildete die gemeinsame Enthüllung eines Versöhnungskreuzes.

Bemerkenswert auch die Initiative der Benediktinerinnen der 2013 selbständig gewordenen „Abtei Venio der Verklärung des Herrn“. Sie haben für Sonntagabend dazu eingeladen, Kerzen ins Fenster zu stellen, um nicht nur an die tragischen Ereignisse von 1620 zu erinnern, sondern auch an die Erfahrungen der Pandemie, an die Gewalt in Weißrussland und Berg-Karabach sowie an den Terror in Afghanistan, Äthiopien sowie jüngst in Frankreich und Österreich.

Interview mit Dr. Jaroslav Šebek

Interview mit Dr. Jaroslav Šebek vom Historischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften zur Bedeutung des 400. Jahrestags der Schlacht am Weißen Berg

Das Gespräch führte Dr. Christof Dahm (Renovabis)
Herr Dr. Šebek, Sie sind Mitarbeiter des Historischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Dort sind Sie vor allem für die Neuzeit und Neueste Zeit zuständig mit dem Schwerpunktgebiet der Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien. In diese Tage fällt der 400. Jahrestag der Schlacht am Weißen Berg. Das Jubiläum ist für Sie und Ihre Landsleute in der geschichtlichen Erinnerung sicher wesentlich bedeutender als für uns in Deutschland, wo es eigentlich nur noch als Datum zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges eine Rolle spielt.
Ja, denn die Schlacht am Weißen Berg war ein entscheidender Moment in der nationalen Geschichte – die Erinnerungen an dieses Ereignis, aber vor allem die Entwicklung nach der Schlacht. Diese Zeit wurde lange Zeit als „Zeit der Dunkelheit“ bezeichnet, da sie die Zeit der Rekatholisierung des tschechischen Volkes war. Diese Ereignisse und die damit verbundene Germanisierung der böhmischen Länder war ein wesentlicher Ansatzpunkt für die nationale Erneuerungsbewegung und Emanzipation der Tschechen im 19. Jahrhundert.

Die Schlacht am Weißen Berg und ihre Folgen wirkten auch in Zeit der Ersten Republik, also in der Zeit zwischen 1918 und 1938 nach: Die Tschechen hatten drei Jahrhunderte – so lautete eine häufige Formulierung – unter dem „habsburgischen Joch“ gelebt und gelitten. Dieses Narrativ, d. h. die negative Beurteilung der Zeit nach der Schlacht, war dominant bis in die kommunistische Zeit nach 1948 und wirkt teilweise auch in der post-kommunistischen Zeit noch nach.
Heute, im dritten Jahrtausend, ist es so, dass diese Ereignisse ihre geschichtliche und mentale Resonanz in den breiteren Schichten der Bevölkerung verlieren. Allerdings hat ein Ereignis in diesem Sommer gezeigt, dass das Thema immer noch zu Kontroversen führt. Ich denke an die Wiedererrichtung der Mariensäule auf dem Altstädter Ring in Prag. Diese Säule wurde ganz kurz nach der Entstehung des selbstständigen tschechoslowakischen Staates am 3. November 1918 zerstört, gerade weil sie an die Niederlage der böhmischen Nationalbewegung in der Schlacht am Weißen Berg erinnerte und als Symbol der habsburgischen Unterdrückung galt. Jetzt, also 102 Jahre nach ihrer Zerstörung, wurde sie als Kopie wieder aufgebaut.

Hierzu möchte ich bemerken, wie auffällig und symbolträchtig es ist, dass die Mariensäule genau gegenüber dem Denkmal von Jan Hus, dem großen tschechischen Nationalhelden, errichtet wurde.
Ja, das ist sehr wichtig. Für mich ist das ein Symbol der konfessionellen Pluralität der tschechischen Bevölkerung. Man sagt, dass die Tschechen eine Nation zweier Völker sind, d. h. Protestanten und Katholiken. Ich sehe in der Wiedererrichtung der Säule allerdings weniger ein Symbol der Versöhnung, sondern momentan eher die Durchsetzung triumphalistischer Tendenzen auf katholischer Seite. Natürlich gibt es viele Leute, die in der Wiederrichtung der Mariensäule ein Moment der geistlichen Erneuerung in Tschechien sehen, doch im Umfeld der Unterstützer der Wiederrichtung gibt es auch extrem konservative Leute, die die Säule als Symbol für den Kampf gegen den Islam oder gegen Andersdenkende innerhalb der tschechischen Bevölkerung verstehen.
Auf dem Weißen Berg gibt es heute auch ein Kloster und eine Begegnungsstätte, die sich der ökumenischen Versöhnung widmet. Sie sagten nun aber, dass dies nicht ganz so einfach ist. Spielt die Ökumene in der tschechischen Gesellschaft denn tatsächlich eine Rolle oder ist nicht eben der gemeinsame Kampf der Konfessionen gegen die Folgen des Kommunismus und die säkularisierte Gesellschaft heute viel wichtiger?
Ich hoffe, dass die Ökumene diese wichtige Rolle auch jetzt in der sehr schwierigen Situation spielt. Manche ökumenischen Projekte jedoch, die dieses Jahr geplant wurden, konnten aufgrund der Corona-Pandemie nur im begrenzten Ausmaß durchgeführt werden. Trotzdem war es möglich, dem aktuellen Erinnerungsmodell einen sehr starken ökumenischen Charakter zu verleihen. Ich denke, dass weitere ökumenische Projekte auch dann im nächsten Jahr realisiert werden. Im kommenden Jahr, am 21. Juni 1621, ist der 400. Gedenktag der Hinrichtung der Anführer des Aufstandes vor dem Altstädter Rathaus in Prag …
… woran 27 Kreuze im Boden erinnern …
… richtig. Ich halte es für sehr wichtig, daran in ökumenischer Form zu erinnern. Ich denke, dass so auch im nächsten Jahr eine große ökumenische und minimal auch fachliche Diskussion zum Erbe der Schlacht am Weißen Berg stattfinden könnte.
Von deutscher Seite aus möchte ich daran erinnern, dass damals im Jahr 1621 unter den hingerichteten böhmischen Ständevertreten Tschechen und Deutsche waren, die Nationalität spielte also keine Rolle.
Ja, genauso wie bei Schlacht am Weißen Berg, wo auf beiden Seiten Deutsche und Tschechen kämpften. Sie sehen also, damals dachte man in anderen Kategorien. Wenn im nächsten Jahr, was wir alle hoffen wollen, die Covid-19-Situation nicht mehr so dramatisch ist wie jetzt, wird es sicher Gelegenheit zu vielen weiteren Gedenkveranstaltungen geben.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch und alle guten Wünsche nach Prag!


Linktipp

Der Weiße Berg in Prag - vom Schlachtfeld zur Begegnungsstätte

In dem Artikel „Der Weiße Berg in Prag - vom Schlachtfeld zur Begegnungsstätte“ erläutert Schwester Anežka Najmanová OSB die Geschichte der Schlacht am Weißen Berg (und erzählt von der Legende um eine „höhere Macht", die dort eingegriffen haben soll). Im Jahr 2007 gründeten Benedikterinnen aus Tschechien und Deutschland auf dem Weißen Berg ein Kloster. Schwester Najmanová berichtet darüber, wie es dieser deutsch-tschechischen Kommunität gelingt, die belastete Geschichte des Ortes zu verarbeiten und welche Bedeutung der Weiße Berg für unsere tschechischen Nachbarn hat.

Schwester Anežka Najmanová OSB gehört der benediktischen Vereinigung Venio an und verfasste ihren Hintergrund-Bericht für die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP). Die Zeitschrift wird von Renovabis und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken herausgegeben und erscheint vierteljährlich mit einem jeweils neuen Themenschwerpunkt.

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Inhalt erstellt: 27.10.2020, zuletzt geändert: 11.11.2020