Technischer Aufbau für den 24. Internationalen Kongress Renovabis
Der 24. Internationale Kongress Renovabis fand im Jahr 2020 als Online-Konferenz statt.
Quelle: Heike Faehndrich
Rückblick

24. Internationaler Kongress Renovabis

Der Internationale Kongress Renovabis dient seit vielen Jahren dem Dialog zwischen Ost und West. 2020 fand er wegen der COVID-19-Pandemie erstmals als Online-Konferenz statt und setzte den Fokus auch inhaltlich auf die Auswirkungen der Corona-Krise für Kirche und Gesellschaft in Osteuropa.

24. Internationaler Kongress Renovabis

Online statt offline

Ursprünglich sollte der 24. Internationale Kongress Renovabis vom 9.-11. September 2020 in München stattfinden – aufgrund der Reiseeinschränkungen während der COVID-19-Pandemie und um keine unnötigen Risiken für alle Beteiligten einzugehen hat sich das Planungsteam jedoch entschlossen, die geplante Präsenzveranstaltung zum Thema „Ökumene in Mittel- und Osteuropa – Aufgabe und Bereicherung“ auf das Jahr 2021 zu verschieben.
Dennoch wollte Renovabis mit seinen Partnern und Freunden ins Gespräch kommen über das, was die Menschen rund um den Globus in den letzten Monaten beschäftigt: Die Corona-Pandemie. Vom 8.-10. September 2020 fanden deshalb sieben online-basierte Einzelveranstaltungen zum Thema COVID-19: Eine neue Herausforderung für Kirche und Gesellschaft in Ost und West statt. Mehr als 280 Menschen haben sich angemeldet zu den Zoom-basierten Meetings und haben mitdiskutiert, mitgechattet und aufmerksam zugehört.

Corona und die Menschen am Rande der Gesellschaft: Wir müssen miteinander reden!

Dienstag, 8. September 2020 - 10:00 Uhr
Den Kongress eröffnete Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pfarrer Dr. Christian Hartl (in der Foto-Collage rechts oben). Die erste Veranstaltung des Kongresses widmete sich dem Thema „Corona und die Menschen am Rande der Gesellschaft: Wir müssen miteinander reden!“ Rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauschten sich aus über ihre Erfahrungen mit besonders bedürftigen Menschen - seien es Schwersterkrankte, Obdachlose oder Geflüchtete. Das Gespräch moderierte Martin Lenz aus der Projektabteilung von Renovabis, auf dem virtuellen Podium sprachen

  • Sr. Veronika Mila Popić, Depaul Hrvatska (links oben)
  • Dipl.Theol. Ursula Kalb, Gemeinschaft Sant’Egidio München (rechts unten) und
  • Miodrag Živković vom Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Serbien (links unten).

Schwester Veronika Mila Popić aus Kroatien berichtete von ihren Erlebnissen mit Besuchern der Tagespflege, die wegen der Corona-Pandemie nicht mehr in die Einrichtung kommen durften - und ihren Befürchtungen, dass die Menschen vereinsamen und depressiv werden könnten. Sie forderte dazu auf, sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die Risse in der Gesellschaft entstehen, wo etwa Obdachlosigkeit ihren Grund hat - das sei der Punkt, an dem man ansetzen könne.

Die Diplom-Theologin Ursula Kalb plädierte für mehr Fantasie und Flexibilität - „von Normalität keine Spur“, betonte sie. Dennoch sieht die Gemeinschaft Sant'Egidio aus München auch positive Aspekte: So konnten viele neue ehrenamtliche Mitarbeiter gewonnen werden, darunter auch viele jüngere Menschen.

Wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gerät: Psychosoziale Folgen der COVID-19-Pandemie

Dienstag, 8. September 2020 - 14:00 Uhr
Welche weiterreichenden Folgen die Krise und die damit verbundenen Beschränkungen für die psychosoziale Entwicklung der Menschen haben werden, lässt sich gegenwärtig noch nicht überschauen. Erste Untersuchungen lassen aber den Schluss zu, dass viele Menschen die Pandemie als existenzielle Bedrohung mit einschneidenden Folgen für ihre Lebensperspektive empfunden haben. Entsprechend dem Dreischritt „Sehen - Urteilen - Handeln" ging es in diesem Forum um die psychischen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen und des Lockdowns. Es diskutierten

  • Dr. Klemens Ochel, Missionsärztliches Institut Würzburg (Moderation; in der Foto-Collage unten links)
  • Maria Rúdan (Kinderschutzbeauftragte der ungarischen Ordensoberenkonferenz; unten rechts)
  • Dr. András Márton von der Caritas Alba Iulia, Rumänien (unten Mitte)
  • Dr. Amir Hasanović von NARKO NE, Sarajevo, Bosnien und Herzegowina (oben links)

András Márton aus Rumänien berichtete von vielen Arbeitsmigranten, die in der Hochphase der Corona-Pandemie wieder nach Hause gekommen seien - mit gravierenden Folgen: Das zusätzliche Einkommen fiel weg, dafür gab es einen Esser mehr und weniger Platz. Bisweilen fand die häusliche Quarantäne auf engstem Raum statt (zum Teil 15 Menschen in zwei Zimmern), dazu kam das Homeschooling.

Maria Rúdan aus Ungarn forderte, das Bildungssystem müsse Unterschiede ausgleichen, um zu Chancengleichheit beizutragen. Es gelte, Eltern und Lehrer über Gefahren des Internets aufzuklären und auf soziale Regeln im Netz hinzuweisen. Durch die vermehrte Online-Zeit befürchtet sie eine Zunahme der Suche nach illegalen Inhalten im Netz - das stellt vor allem Gefahren für Kinder dar. Eine Erfahrung, die auch Amir Hasanović von NARKO NE bestätigte. Sein Fazit: Kinder und Jugendliche sind die absoluten Verlierer der Corona-Krise, ganz besonders, wenn sie aus sozial schwachen Familien kommen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, Resilienz zu erhöhen, damit Menschen besser in die Lage versetzt werden, mit den Auswirkungen der Krise umzugehen.

Livestream aus dem Haus des Herrn? Erfahrungen und Impulse aus der Zeit der Corona-Einschränkungen

Mittwoch, 9. September 2020 - 10:00 Uhr
„Social Distancing“ ist in der Pastoral eine besondere Herausforderung. Wie reagieren Kirchen in Ost und West auf die COVID-19-Pandemie? Wie haben sich Aufgaben und Anforderungen für Seelsorger(innen) verändert? Welche neuen Ideen hat die Krise hervorgebracht? Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit der Katholischen Arbeitsstelle für Missionarische Pastoral (KAMP, Erfurt) durchgeführt, die Moderation übernahm Andrea Imbsweiler (KAMP).

Nach Impressionen zu pastoralen Angeboten während des Lockdown aus verschiedenen Ländern Osteuropas gab es drei Kurzvorträge: Dr. Dénes Kiss von der Universität Cluj in Rumänien stellte eine Studie vor, die das religiöse Leben unter der Ausgangssperre in Transsylvanien beleuchtete. Erstaunlich war, wie gut die Online-Übertragungen von Gottesdiensten angenommen wurden. Dabei waren die Nutzer/-innen der Online-Angebote häufig jünger und besser gebildet; auch waren mehr Frauen darunter. Prof. Dr. Klára Csiszár (Univ. Linz/Univ. Cluj) formulierte unter dem Titel „Wie vor der Krise so auch in der Krise?“ pastoraltheologische Überlegungen angesichts der Pandemieerfahrungen und zog Parallelen zwischen den Erfahrungen von Kirche im Kommunismus und im Lockdown. Schließlich stellte Dr. Hubertus Schönemann (KAMP, Erfurt) die Situation in Deutschland vor und gab das ernüchternde Fazit: Der Lockdown habe bereits vorhandene Zweifel an der Deutungshoheit der Amtskirche weiter verstärkt.

Mensch und Menschlichkeit in der COVID-19-Pandemie: Biblische Ansätze zum Umgang mit der Krise

Mittwoch, 9. September 2020 - 14:00 Uhr
Ob Erdbeben, Pestepidemien oder aber plötzlicher Tod: Die Frage, warum ein barmherziger Gott Krankheit und Leiden zulässt, wird seit Jahrtausenden gestellt. Im Alten und Neuen Testament zählt das Bild vom „leidenden Gerechten“ zu den eingängigsten Metaphern, und das Buch Hiob ist als Ganzes der Thematik gewidmet.

In einem längeren Impuls beleuchtete Dr. Halyna Teslyuk (Lehrbeauftragte für Altes Testament an der Kath. Univ. Lviv/Ukraine; in der Foto-Collage oben links) verschiedene Aspekte des Themas anhand biblischer Texte. Ihr Fazit: Die biblischen Stellen, gerade im Buch Hiob, zeigen, wie wichtig Gemeinschaften sind, um Krisen zu überwinden. Sie forderte, nicht zu viel Wert auf liturgische Rituale wie Handkommunion oder Friedensgruß zu legen, die in Corona-Zeiten nicht möglich seien, sondern die Gemeinschaft in den Mittelpunkt zu stellen, um Hoffnung für die Zukunft zu finden. Im anschließenden, teils sehr persönlichen Gespräch mit Dr. Josip Bošniaković (Priester, Psychotherapeut und Dozent für Religionspsychologie an der Univ. Djakovo/Kroatien; oben rechts) flossen ganz konkrete Erfahrungen aus der Seelsorge, aber auch dem privaten Erleben mit ein. Das Schlusswort von Dr. Bošniaković, auch und gerade in der Zeit der Corona-Pandemie: „Wir leben in einer Gemeinschaft, in der Solidarität notwendig ist.“

Verwaiste Bildungshäuser und volle Datenautobahnen: Die kirchliche Erwachsenenbildung in den Zeiten von COVID-19

Mittwoch, 9. September 2020 - 16:30 Uhr
Von der Pandemie betroffen waren innerhalb der Kirche nicht nur die Seelsorge im engeren Sinne, sondern auch kirchliche Bildungseinrichtungen, die ihre üblichen Angebote nicht mehr durchführen konnten, teilweise aber auch neue digitale Formate entwickelten. Durch die finanziellen Ausfälle sind viele Bildungshäuser und weitere Angebote der Erwachsenenbildung in ihrem Fortbestand bedroht - in Deutschland ebenso wie in Mittel-, Ost- und Südosteuropa.
Diese Probleme, aber auch die Chance, neue Wege zu beschreiten, standen im Mittelpunkt des Gesprächs zwischen

  • Dr. Claudia Pfrang, Direktorin der Domberg-Akademie Freising (zugleich Moderation)
  • Dr. Jan Heinzl, Direktor des Bildungshauses Kloster Hejnice (Tschechien)
  • Dr. Šimo Maršić, Leiter des Jugendhauses „Johannes Paul II.“, Sarajevo (Bosnien und Herzegowina)

Echte Begegnung erfordert räumliches Zusammensein, denn Kommunikation besteht zu einem großen Anteil auch aus Körpersprache. Deshalb erfordern digitale Begegnungsformen andere Methoden - und die Bildungsarbeit müsse sich darauf einstellen, damit sie auch digital erfolgreich arbeiten kann, betonten die Teilnehmer des Panels. Šimo Maršić aus Sarajevo (rechts) beschrieb, wie gut in der Zeit des Lockdown die täglichen kurzen Impulse des Jugendhauses „Johannes Paul II.“ auf Facebook ankamen: die Anzahl der erreichten Jugendlichen sei höher gewesen als in den Zeiten vor der Corona-Krise - gerade während der Krise sei der Gesprächsbedarf sehr groß gewesen.

Europa am Scheideweg: Einigkeit oder Zwietracht – Die Corona-Krise und ihre Folgen für Europa

Donnerstag, 10. September 2020 - 10:00 Uhr
Sichtbares Zeichen der Krise auf europäischer Ebene waren die Grenzschließungen, die oft ohne Vorankündigung oder Absprache mit den Nachbarländern erfolgten. Die Europäische Union reagierte zögerlich und eher hilflos, die bereits länger schwelende Krise innerhalb der Union vertiefte sich, neben den bereits bestehenden Gräben zwischen „West“ und „Ost“ taten sich neue Gräben zwischen „Nord“ und „Süd“ auf. Aber es gab auch mitten in der Krise Hilfe und Solidarität, nicht zuletzt haben die Kirchen immer wieder auf das Verbindende in Europa hingewiesen.

Unter der Leitung des Journalisten Marek Ząjac aus Polen (unten links) diskutierten der Europaabgeordnete Sven Giegold (Bündnis 90/Die Grünen; unten rechts) sowie der Religionswissenschaftler Prof. Dr. András Máte-Tóth (unten Mitte) von der Universität Szeged in Ungarn miteinander. Erste Anregungen für das lebhafte Gespräch gab ein Video-Impuls des Präsidenten der COMECE, Erzbischof Jean-Claude Kardinal Hollerich SJ (Luxemburg; oben links). Er forderte volle Solidarität in Europa - in einer Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam lernen müsse, zu teilen.

Der Europa-Abgeordnete Sven Giegold bilanzierte, dass die Solidaritätsgefühle größer geworden seien - nach einem schwierigen Anfang, als Deutschland beispielsweise Kapazitäten an Intensivbetten für seine eigenen Bürger offengehalten habe. Inzwischen seien auch politisch die Weichen mehr in Richtung Solidarität gestellt worden, etwa indem Europa gemeinsam Schulden aufnimmt, um den schwächsten und am meisten betroffenen Ländern Europas zu helfen. Die Stimme der Kirche in der Krise sei, so Giegold, „nicht die lauteste gewesen, um es vorsichtig zu sagen.“ Dies gelte auch im Blick auf die aktuelle Herausforderung in Griechenland (Flüchtlingslager Moria).

András Máte-Tóth betonte, dass die Corona-Krise gerade die Länder in Ost-, Mittel- und Südosteuropa besonders gebeutelt hätte, die vorher schon schwächer als die Länder in Westeuropa gewesen seien. Dazu kämen die Erfahrungen der Vergangenheit und vielfach auch die damit verbundene „Opfer-Rolle“ der Menschen. András Máte-Tóth appellierte an die Kirchen, gerade in den Ländern im Osten Europas hätten sie die entscheidenden Möglichkeiten, die nationalen Egoismen zu relativieren und Brücken zu bauen.

Das Fazit von Marek Ząjac: „Jede Krise zeigt das wahre Gesicht der Betroffenen - sie ist aber immer auch eine Chance, etwas besser zu machen“.

Zwischen Schlachthof und „Brain Drain“: Arbeitsmigration und COVID-19

Donnerstag, 10. September 2020 - 14:00 Uhr
Die nach wie vor prekäre Situation von Arbeitsmigranten in Deutschland rückte durch die Pandemie schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit, als es in den Unterkünften von Schlachthöfen und großen landwirtschaftlichen Betrieben zu Masseninfektionen kam. Betroffen waren besonders Arbeitskräfte aus Rumänien, Bulgarien und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas, auf deren Schicksal Gewerkschaften und Kirchen seit Jahren ohne nennenswerte Resonanz hinweisen. Pfarrer Wolfgang Herrmann (oben rechts), der Leiter der Betriebsseelsorge Stuttgart, führte die knapp 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Thematik ein. Durch die COVID-19-Pandemie sei die Bedeutsamkeit der Arbeitsmigration erst bewusst geworden, obwohl das Thema seit langem bekannt sei: in der Krise, so Herrmann, sei wie durch eine Lupe klargeworden, dass die Arbeitskräfte aus dem Osten Europas systemrelevant seien - ob in der Landwirtschaft, in der Pflege oder im Transportwesen. Ergänzt wurden seine Ausführungen von Dragana Bubulj (Projekt "Faire Mobilität", Stuttgart; unten rechts).

Klare Worte fand der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Tado Jurić von der Kath. Kroatischen Universität Zagreb (unten links) über die Situation in Kroatien: Seit 2013 seien jedes Jahr etwa 50 000 Menschen aus Kroatien nach Deutschland ausgewandert. Jede dieser Arbeitskräfte koste Kroatien zwischen 50 000 und 100 000 Euro - und Deutschland bekomme die jungen, gut ausgebildeten Menschen kostenlos. Vor allem Deutschland könnte politisch viel Einfluß ausüben, um das Problem des „Brain Drain" zu lindern, „Deutschland zeigt aber wenig Interesse", so Professor Jurić.

Allerdings lägen die Ursachen für Auswanderung nicht lediglich in den höheren Löhnen in Deutschland, die Menschen seien auch „müde", in ihren Heimatländern gegen Korruption vorzugehen und sich für die Zivilgesellschaft zu engagieren. Das liege nicht zuletzt an den Strukturproblemen mit Machteliten, die noch aus dem Kommunismus stammen.

Grußworte zum Kongress

Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Renovabis-Kongress?

Dann schreiben Sie uns einfach eine E-Mail oder rufen Sie uns an:

Inhalt erstellt: 09.09.2020, zuletzt geändert: 16.09.2020