Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Srebrenica in Potočari, Bosnien.
Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Srebrenica in Potočari, Bosnien.
Quelle: Public Domain
15.07.2019 – Bosnien

Wachsende Erinnerungskultur: Friedensmarsch zurück nach Srebrenica

Zum 24. Mal jährt sich in den Tagen zwischen dem 13. und dem 19. Juli der Mord an mehr als 8.000 muslimischen Bosniaken, die meisten von ihnen Jungen und Männer zwischen 13 und 78 Jahren.

Unter der Führung von General Ratko Mladić verübten Mitglieder der Armee der Republika Srpska, der Polizei und von serbischen Paramilitärs diesen Massenmord - trotz Anwesenheit und ohne Gegenwehr von UN-Blauhelmsoldaten. Die Leichen verscharrten die Täter in Massengräbern. Um die Taten zu verschleiern, wurden die Toten während der auf die Ermordungen folgenden Wochen mehrfach umgebettet.

In einem Friedensmarsch zum Gedenken an die Opfer des Massakers von Srebrenica hatten sich 5000 Menschen bereits in der vergangenen Woche von Tuzla aus aufgemacht: Ihr hundert Kilometer langer Marsch folgte in umgekehrter Richtung einer Route, auf der vor 24 Jahren bosnische Muslime aus dem ostbosnischen Srebrenica geflohen waren, als die Stadt von bosnischen Serben eingenommen worden war. Auf dem Fluchtweg der Opfer von Srebrenica ehrten die Friedensmarschierer das Andenken der Ermordeten eindrucksvoll schweigend. Sie verzichteten auch auf jegliche politische Statements. Ein stilles Gedenken, wie auch das Defilee in Sarajewo am 11. Juli vor vielen angereisten Staats- und Regierungschefs: Beides angemessene, stille Zeichen der mehr und mehr wachsenden Erinnerungskultur.

Während in Bosnien-Herzegowina jedes Jahr des Verbrechens im Juli 1995 und seiner Opfer gedacht wird – noch immer werden jedes Jahr sterbliche Überreste der Opfer beerdigt –, leugnen oder verharmlosen Nationalisten in Serbien, aber auch in der Republika Srpska den Massenmord. Das „Massaker von Srebrenica“ gilt als das schlimmste Kriegsverbrechen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg und wurde vom Den Haager Tribunal der Vereinten Nationen als Völkermord eingestuft.

Das Haager Tribunal wies dem ehemaligen Präsidenten der Republika Srpska Radovan Karadžić nach, während seiner Amtszeit als Präsident Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit befohlen zu haben. Im März 2019 wurde er deshalb zu lebenslanger Haft verurteilt. Bereits am 22. November 2017 wurde Militärführer Ratko Mladić des Völkermords und in weiteren zehn von elf Anklagepunkten für schuldig gesprochen und ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt.

Renovabis hat seit dem Ende des bosnischen Bürgerkriegs dort auch humanitäre Nothilfeprojekte seiner Partner unterstützt. Zusätzlich zu den seelsorgerischen Unternehmungen und die soziale, existentielle Not bekämpfenden Maßnahmen wurden von Anfang an Versöhnungsprojekte gefördert, die den ethnisch und religiös Hass erfüllt gegenüber stehenden Parteien auf längere Sicht eine nachhaltige Zukunftsperspektive im selben Land ermöglichen sollten. In mehreren Städten Bosnien-Herzegowinas konnten bereits 14 multiethnische Schulzentren etabliert werden: In den unterschiedlichen Erziehungsstufen vom Kindergarten bis zum Abitur sind auf hohem europäischem Schulstandard Werte vermittelt worden, die neben dem Miteinander-Lernen eine gegenseitige Achtung von katholischen Kroaten, muslimischen Bosniern und orthodoxen Serben grundgelegt haben. In den von allen Volks- und Religionsgruppen paritätisch besuchten Schulen wird bis heute ein informiert-tolerantes Klima gepflegt, das die Schulfamilie auf die Familie daheim und deren nachbarschaftliches Umfeld ausstrahlen lässt.

Auch Begegnungen mit Mitgliedern des Interreligiösen Ökumenischen Rates in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo sind von Bedeutung. Regelmäßig treffen sich unter der wechselnden Leitung eines Ratsmitgliedes die führenden Repräsentanten der katholischen, orthodoxen, muslimischen und jüdischen Gemeinschaften mit Regierungsvertretern. Diese Arbeit garantiert Renovabis auf die ausdrückliche Bitte des Erzbischofs von Sarajewo, Vinko Kardinal Puljić hin, durch seine Fördermittel.

2019 hatte Renovabis die Versöhnungsthematik zur Pfingstaktion abermals deutschlandweit zur Sprache gebracht. Im Jahr 2020 widmen sich alle weltkirchlichen katholischen Hilfswerke dem Leitthema „Frieden leben“; die Solidaritätsaktion Renovabis wird als Schwerpunktland die Ukraine in den Blick nehmen. Denn im Osten des Landes herrscht Krieg und die Menschen dort sind in Pufferzonen aktuell unter Beschuss, andere sind im eigenen Land auf der Flucht…

von Thomas Schumann / Renovabis

Inhalt erstellt: 15.07.2019, zuletzt geändert: 17.07.2019