Erzbischof von Vilnius Gintaras Grušas
Erzbischof von Vilnius Gintaras Grušas
Foto: Markus Nowak
14.09.2018 – Papstbesuch im Baltikum

„Hoffnung auf Worte, die Frieden bringen in diese Region“

Der Erzbischof von Vilnius Gintaras Grušas ist Gastgeber von Papst Franziskus im September und hat klare Vorstellung, was der Papstbesuch für Litauen bringen kann.

Gintaras Grušas kam als Sohn litauischer Emigranten in den USA zur Welt und arbeitete zunächst als Informatiker für den IBM-Konzern. 1992 „re-emirgierte“ er bereits als Seminarist in die Heimat seiner Eltern, nach Litauen. Grušas arbeitete seit 1994 als Kaplan in Vilnius, war Regens im Priesterseminar und wurde 2010 zum Militärbischof geweiht. Seit 2013 ist er Erzbischof von Vilnius und zurzeit Vorsitzender der Bischofskonferenz. Im Interview spricht er darüber, was er dem Papst in Vilnius zeigen wird und die Erwartungen an Franziskus. Die Fragen stellte Markus Nowak.

Vom 22. bis 23. September wird Papst Franziskus in Litauen weilen, in Vilnius absolviert er den größten Teil seines Besuches. Sie als Erzbischof von Vilnius sind der Gastgeber. Können Sie bei diesem wichtigen Gast derzeit ruhig schlafen?
(lacht) Es ist nicht der erste Papstbesuch, den ich mitorganisiere. Schon 1993 habe ich die Visite von Johannes Paul II. mitgeplant. So nutze ich viel Erfahrung. Und dann gibt es da diesen Witz: Einer der alten Päpste soll abends beim Gebet zu Gott gesagt haben: Ich gehe jetzt schlafen, jetzt übernimm Du mal Deine Kirche. Will sagen: Ich kann also gut schlafen, aber wir haben auch viel zu tun vor dem Papstbesuch.
Litauen feiert in diesem Jahr 100 Jahre seiner modernen Staatlichkeit. Ist der Papst quasi der Ehrengast?
Der Papst reist nicht, um an Staatszeremonien teilzunehmen, selbst kirchliche Jahrestage sind nicht immer seins. Er reist, um Menschen zu treffen. Wir haben zwar diese schöne Gleichzeitigkeit, dass wir dieses Jahr auch unser 100-jähriges Jubiläum haben. Und wir feiern auch den 25. Jahrestag des Besuchs von Johannes Paul II. von 1993. Das alles kommt zwar zusammen, aber der Heilige Vater kommt nicht wegen der Daten. Er geht zu den Ländern, die seine Worte brauchen. Er besucht die Peripherie. Und wir sind eine Art Peripherie Europas. Wir sind in einer geopolitischen Lage, die ein Hotspot ist. Es gibt Spannungen in einigen Nachbarländern, wir haben etwa eine Grenze mit Belarus und Russland. Der Heilige Vater kommt aber immer mit einer Friedensnachricht, egal wo er hingeht. Wir hoffen also auf seine Gebete und seine Worte, die Frieden bringen werden in diese Region.
Papst Franziskus besucht in Vilnius auch das ehemalige KGB-Gefängnis, heute das Museum der Okkupations- und des Freiheitskampfes. Der Papst im Museum ist nicht alltäglich.
Das ist seine Art, den Menschen, die während der Besatzungen Litauens deportiert wurden und gelitten haben, zu gedenken. Es gab auch zahlreiche Priester, die in dem KGB-Gefängnis saßen. Einige verfolgte Priester wird der Papst auch persönlich treffen. Es ist ein Bekenntnis des Papstes, die Leiden der Kirche hier in Litauen anzuerkennen.
Die Kirche hatte eine große Rolle beim Freiheitskampf gespielt. Ab 1972 wurde mit der „litauischen Kirchenchronik“ die wichtigste Dokumentation der sowjetischen Verletzung von Menschenrechten publiziert. Das wurde auch im Westen wahrgenommen und viele ihrer Autoren mussten ins Gefängnis.
Welche Stellung hat die Kirche in der heutigen, litauischen Gesellschaft?
Die Kirche wird aus der sowjetischen Zeit heraus als Autorität betrachtet, auch in einem demokratischen System, das immer säkularer ist, wie der Rest der Welt. Oft ist die Kirche eine Stimme, die fundamentale moralische Werte vermittelt. Diese Stimme wird gehört und respektiert. In Litauen gibt es zwar manchmal auch Stimmen, die gemäß der alten kommunistischen Doktrin eine völlige Trennung zwischen Kirche und Staat fordern. Wir machen darauf aufmerksam, dass die Kirche und der Staat von den gleichen Individuen geschaffen sind. Die Katholiken sind auch Staatsbürger und können eben auch bei Wahlen abstimmen gehen. Der Einfluss der Kirche ist also über die Menschen gegeben.
Welche Erinnerungen haben Sie an die erwähnte Visite von Johannes Paul II. vor 25 Jahren?
Ich kann es nicht vergessen, es war eine großartige Erfahrung. Es war großartig für uns als Nation. Als Land haben wir uns erst aus der sowjetischen Besatzung befreit, die letzten sowjetischen Militärs haben Litauen erst vier Tage vor dem Papst verlassen. Symbolisch haben wir also unseren ersten Atemzug in Freiheit gehabt. Die Worte von Johannes Paul II. haben uns damals sehr geholfen, sie waren aber auch prophetisch. Denn manches davon ist heute aktueller den je. Er hat von Neuevangelisierung gesprochen, den Stellenwert der Familien und der Jugend. Und auch die von ihm angesprochenen Probleme des Klerus´ in der Gesellschaft sind heute aktuell.
Was wird vom Besuch von Papst Franziskus in Litauen erwartet?
Es ist eine immense Ehre, wenn der Heilige Vater kommt. Denn schon seine Gegenwart kann die Hoffnung der Menschen stärken. Wir haben eine große Zahl an Menschen, die das Land verlassen, weil die ökonomisch-soziale Situation für sie schwer ist. Daher können seine Worte und schon seine Gegenwart die Hoffnung der Menschen stärken.
Es wird auch diesen Moment geben, bei dem er unsere Vergangenheit kennenlernen wird. Die schwierige Zeit, durch die wir als Nation gegangen sind aber den Glauben bewahrt haben. Ich bin sicher, er wird unseren Glauben stärken. Gerade auch vor dem Hintergrund der Herausforderungen der heutigen Welt. Er wird uns ermuntern, den Glauben zu leben.
Was werden Sie als sein Gastgeber in Vilnius, dem Papst in der Stadt zeigen?
Ich fahre mit ihm mit im Papamobil und wir haben die längste Fahrt vom „Tor der Morgenröte“ bis zur Kathedrale. Und egal welche Strecke wir fahren werden, überall kann man unsere wunderschöne Altstadt sehen. Vilnius gilt als das Rom des Nordens, wegen der vielen Kirchen. Früher wurde es auch als Jerusalem des Nordens bezeichnet, weil sehr viele jüdische Menschen hier lebten. Man könnte ihm so viel zeigen, aber leider wird er nicht so lange in der Stadt sein. Er schläft zwar in Vilnius, aber das ist in der Nuntiatur, quasi seinem Zuhause.

Fotos von Gintaras Grušas hier zum Download. Im Zusammenhang mit diesem Text sind sie honorarfrei. Fotos: Markus Nowak

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Inhalt erstellt: 14.09.2018, zuletzt geändert: 14.09.2018