Journalist und Initiator des "Projekts 1917" Karen Shainyan
Journalist und Initiator des "Projekts 1917" Karen Shainyan in den Moskauer Redaktionsräumen - hier wird eine Online-Chronik des Revolutionsjahres 1917 erstellt.
Foto: Simone Brunner, n-ost
19.10.2017 – n-ost Feature

Oktoberrevolution 2.0

Vor 100 Jahren übernahm Lenin in der Oktoberrevolution die Macht. Ein Jubiläum, an das sich der Kreml heute nur ungern erinnert. Eine privates Social-Media-Projekt setzt sich kreativ mit den Ereignissen des Revolutionsjahres auseinander.

Screenshot Homepage project1917.com<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Screenshot Homepage project1917.com</small>
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Ein Feature von n-ost-Korrespondentin Simone Brunner, Moskau

Moskau (n-ost) – Im Petrograder Winterpalast herrscht im September 1917 die Ruhe vor dem Sturm. Gerade wurde in der ehemaligen Zarenresidenz eine neue Kunstausstellung eröffnet, die vor allem „die weiblichen Schöngeister“ anlocken würde, die den Vorträgen zu Philosophie und Mystik lauschen, wie der Journalist John Reed bemerkt. Doch die Revolution, die hier einen Monat später losschlagen wird, wirft schon ihre Schatten voraus. „Das Land versinkt in einer Anarchie, die niemand mehr zu bändigen vermag“, schreibt der linke Publizist Pitirim Sorokin. „Die Massen wollen keine Worte mehr, sondern Brot.“

Die Stimmen des Revolutionsjahres 1917 zu sammeln, Tag für Tag aufbereitet und in eine Timeline gepackt: das war die Idee von Karen Shainyan und Michail Sygar. Die beiden russischen Journalisten haben das „Projekt 1917“ vor einem Jahr gestartet. Ein Kaleidoskop der Originalzitate, von Komponisten über die Zarenfamilie bis zu den Revolutionsführern, aber „in das Kleid der Gegenwart gegossen“, wie Shainyan sagt. So ist die Seite wie das soziale Netzwerk Facebook oder das russischen Pendant Vkontakte aufgebaut – Personen können abonniert, Beiträge kommentiert oder geteilt werden. Eine vielstimmige Online-Chronik einer Zeit, die als die „Russische Revolution“ in die Geschichtsbücher eingehen und die Ära des realen Kommunismus einleiten sollte.

Shainyan, ein bulliger 36-jähriger Journalist mit Sakko und Turnschuhen, führt durch die Moskauer Redaktionsräume, das „Studio der freien Geschichte“, wie er sie selber nennt. Minzgrün gestrichene Wände, Jugendstil-Luster, große Flügeltüren und abgewetzte Holztische vom Flohmarkt. Junge Redakteure tippen die Statusmeldungen in die Masken ihrer Laptops, während von unten der Verkehrslärm der Moskauer Innenstadt herauftönt. Rund zwei Monate im Vorhinein werden die Texte – Originalzitate aus Briefen, Memoiren oder öffentlichen Reden – eingespeichert und bearbeitet, aber erst pünktlich am Jahrestag auf die Seite hochgeladen. Die Machtübernahme der Bolschewiken, die nach dem alten julianischen Kalender am 25. Oktober vor genau 100 Jahren (heute: 7. November) stattfand, ist hier also schon gelaufen.

„Wir wollten den User in diese Zeit eintauchen lassen, indem wir den Fokus auf den einzelnen Bürger lenken“, sagt Shainyan. Dazu haben sie auch mit ungewöhnlichen Formaten experimentiert: Es gibt ein Quiz, das verspricht, herauszufinden, welche Figur man 1917 wohl gewesen sein könnte („Großfürst oder Bettelpoet?“), eine Chat-Séance mit Rasputin und sogar eine vor-revolutionäre Partnerbörse („Tinder1917“). Rund um den Jahrestag der Revolution soll sich die Seite zudem für drei Tage in eine Art Nachrichtenagentur mit einem nachgestellten Live-Stream verwandeln. Die Oktoberrevolution 2.0, in Echtzeit.

Die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ als Social-Media-Spektakel, inspiriert von Mark Zuckerberg – ob das Lenin gefallen hätte, darf freilich bezweifelt werden. Das Projekt füllt indes eine Lücke im Gedenkjahr, denn im Kalender des Kreml kommt das diesjährige Jubiläum kaum vor. Während dem Ende des Zweiten Weltkrieges jedes Jahr am „Tag des Sieges“ mit einer großen Militärparade auf dem Roten Platz gedacht wird, finden heuer zum 100-jährigen Jubiläum keine offizielle Feiern statt.

So waren es gleich zwei Revolutionen, die Russland im Jahr 1917 erschütterten: Am 23. Februar (heute 8. März) wurde der Zar Nikolaus II gestürzt und eine provisorische bürgerliche Regierung eingesetzt. Im Oktober stürmten die Bolschewisten den Winterpalast und setzten der jungen Demokratie mit der „Diktatur des Proletariats“ ein Ende. Dann stürzte das Land in einen blutigen Bürgerkrieg.

Ein Jahr, das somit schlecht in die historische Säulenhalle des Kreml passt, einer „Geschichtspolitik, die seit zwei Jahrzehnten ein Bild von einem einheitlichen, geschlossenen Russland der Helden und Sieger“ schafft, wie der deutsche Slawist Gerhard Simon bemerkt. Umso mehr, als die Bolschewiken nach der Revolution daran gingen, die russisch-orthodoxe Kirche – heute immerhin ein wichtiger Machtpfeiler des Präsidenten Wladimir Putin – zu verbieten. Zudem inszeniert sich Putin heute als Hüter der Stabilität, gegenüber den Farbrevolutionen in Georgien oder zuletzt dem Maidan in der Ukraine. So verglich Putin das Jahr 1917 sogar mit einer „Autobombe, die unter das Gebäude gelegt wurde, das Russland heißt.“ Der Kulturminister Wladimir Medinski nannte es zuletzt eine „Zeit der Wirren“.

Shainyan hat indes eine ganz andere Lesart. „Die Zeit vor dem Oktober war auch eine Zeit der großen Hoffnungen“, sagt er. Durch die Gesetze der provisorischen Regierung schloss Russland – zumindest für einige Monate – zu den progressivsten Ländern Europas auf: mit Frauenwahlrecht, Aussetzen der Todesstrafe und allgemeinen Bürgerrechten. So zeigt das „Projekt 1917“ auch, wie sehr Russland in die europäischen Prozesse dieser Zeit eingebunden war, bevor das Land unter den Sowjets einen Sonderweg einschlug. Das Projekt endet am 18. Januar 1918, als mit der Konstituierenden Versammlung endgültig die letzte Bastion der Demokratie fällt – und die „Diktatur des Proletariats“ beginnt.

Quellen

Redaktionsbesuch bei „Projekt 1917“,
Homepage Englisch: https://project1917.com/,
Homepage Russisch: https://project1917.ru/

Beitrag des Historikers Gerhard Simon

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