21.08.2019 – Zeitschrift OWEP

OWEP - 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

Bilanz ohne Illusion: Was ist auf den Hoffnungen geworden? Eine kleine Umfrage in Mittel-, Ost- und Südosteuropa

Alle Menschen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa haben Erinnerungen an die Umbrüche in ihrer Heimat, die mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegen. Die 22 Beiträge des dritten Heftes der Zeitschrift OST-WEST lassen sowohl Zeitzeugen als auch Nachgeborene zu Wort kommen. Repräsentativ will und kann die Umfrage nicht sein – vielmehr bietet sie ein Kaleidoskop von Erwartungen und Hoffnungen, aber auch Unsicherheiten und Ängsten. Zwei Texte stellen wir auf dieser Seite vor.

Aufbruch und Ernüchterung

Anna Kulke, geb. 1988, hat in Kiew Tourismus und Kunstgeschichte studiert. Seit 2016 studiert sie Katholische Theologie in Münster.

Ich wurde 1988 in einer mittelgroßen Stadt im äußersten Osten der historischen Region Wolhynien, im Nordwesten der Ukraine, geboren. Um präzise zu sein, sollte ich sagen, dass ich in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik das Licht der Welt erblickte. Obwohl ich also in der Sowjetunion geboren wurde, ist für mich mein Geburts- und Heimatland immer die Ukraine gewesen. Die sowjetische Ukraine habe ich nie bewusst kennengelernt, obwohl ihre Spuren auch heutzutage im Land immer noch präsent sind. So schnell konnte das, was für die längste Zeit des 20. Jahrhunderts existiert hatte, nicht verschwinden. Es bleibt lebendig, nicht nur im Stadtbild und in den Erzählungen, sondern gerade auch in der Mentalität der älteren Generationen, die in der Sowjetunion geboren und sozialisiert wurden und die einen Großteil ihres Lebens als Erwachsene in ihr verbracht haben.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich für viele Ukrainer ein Fenster zum Westen geöffnet, das dann alsbald zu einer Tür wurde: Während Anfang der 1990er Jahre noch 52 Million Menschen in der Ukraine lebten, sind es heute wohl nur noch 42 Millionen, vielleicht auch noch weniger. Die meisten Ukrainer, die heute außerhalb der Ukraine leben, sind ausgewandert, da sie nach Arbeit und besseren wirtschaftlichen Lebensbedingungen gesucht haben, die ihnen ihr Heimatland nicht mehr bieten kann. Aber nicht nur wirtschaftliche Not bringt Ukrainer dazu ihr Heimatland zu verlassen: Die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gewonnene Bewegungsfreiheit und der damit ermöglichte internationale Austausch hat zu neuen Kontakten und Möglichkeiten geführt, die zur Zeit der Sowjetunion undenkbar gewesen wären. Auch auf mein Leben hatte dies direkte Auswirkungen: Ich bin mit einem Deutschen verheiratet und lebe heute im Westen Deutschlands. Wir haben uns während des Studiums bei einem deutsch-ukrainischen theologischen Seminar kennengelernt. Unsere Beziehung wäre zu Zeiten der Sowjetunion nur mit größten Schwierigkeiten möglich gewesen, wenn überhaupt. In dieser Hinsicht haben die Veränderungen der späten 1980er und der frühen 1990er Jahre, die in Deutschland mit der Chiffre „1989“ verbunden werden, direkte positive Auswirkungen auf mein heutiges Leben.

Das Positive in diesen Veränderungen wird allerdings nicht von allen Ukrainern und in allen Generationen gleichermaßen gesehen. Gerade die Generation meiner Großeltern trauert oftmals der oberflächlichen Stabilität des sowjetischen Systems nach, in dem jeder Arbeit und ein gesichertes soziales Standing hatte. Viele aus der Generation meiner Eltern sind in den 1990er und 2000er Jahren angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage auf der Suche nach Arbeit ausgewandert, worunter besonders die zurückgebliebenen älteren Familienmitglieder leiden. In ihren Augen würden sie dann manchmal die sowjetische Stabilität dem Umstand vorziehen, dass ihre Familien heute zwischen mehreren Ländern zerrissen sind und man sich nur selten sieht. Entsprechend kritisch fällt ihr Blick auf die heutige Ukraine: Diese hätte ihnen nichts gebracht, die Unsicherheiten seien unerträglich groß geworden und gerade die traumatischen Erfahrungen der 1990er Jahre, in denen viele ihr Gehalt nicht regelmäßig erhielten und ein Großteil der Bevölkerung in handfester materieller Not lebte, haben tiefe Narben hinterlassen. Während sich früher der Staat um alles sorgte, müsse heute jeder selbst schauen, wo er bleibt. Die staatliche Mindestrente reicht ohne familiäre Unterstützung nur für ein Leben in großer Armut und heute gehört es überall in der Ukraine zum Stadtbild, dass Menschen im Rentenalter am Straßenrand und an U-Bahn-Ausgängen sitzen und Obst und Gemüse aus ihren Gärten verkaufen, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Die Unwilligkeit und Unfähigkeit der Politiker seit der Unabhängigkeit der Ukraine, an diesem Umstand etwas zu ändern, hat viele Menschen frustriert. Allzu oft gingen und gehen Menschen in der Ukraine nicht in die Politik, um sich uneigennützig für die Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung einzusetzen, sondern bloß, um persönlichen Nutzen aus den erlangten politischen Ämtern zu erzielen. Die wirtschaftliche Macht im Land ist in den Händen weniger Oligarchen konzentriert, die zugleich einen dominanten Einfluss auf die Politik ausüben. Bereits zwei Mal hat sich in der jüngeren Geschichte der Ukraine im Abstand von genau zehn Jahren zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen diese Situation formiert: 2003/2004 in der Orangen Revolution und 2013/2014 im Euromaidan bzw. der Revolution der Würde. Den Euromaidan habe ich selbst vor Ort in Kyjiv miterlebt und wie so viele Ukrainer hatte ich damals die Hoffnung, dass sich nun nachhaltige Veränderungen einstellen würden. Diese Erwartungen sind leider in der Folge nur unvollständig eingelöst worden.

Was die Ukraine in meinen Augen braucht, sind engagierte Menschen und Politiker, die sich wirklich um die Verbesserung der Lage der breiten Bevölkerung bemühen. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation wird meiner Ansicht nach nur durch eine entschlossene und rücksichtslose Korruptionsbekämpfung erreicht werden können. Wenn der Großteil der Bevölkerung in der Lage ist, durch ehrliche Arbeit ein gutes Auskommen in der Ukraine zu haben, wird sich, so denke ich, auch die Haltung vieler Ukraine zum eigenen Staat und zur eigenen Politik ändern. Eine verklärte Sicht auf die Sowjetunion, wie sie in manchen Bevölkerungsteilen weiterhin vorhanden ist, wird dann endlich zu einem Ende kommen.

Zehn Tage, die „meine“ Welt erschütterten

Dr. Petr Křižek, geb. 1971, ist Theologe und führt ein Reisebüro in Prag mit dem Schwerpunkt "Christliche Bildungsreisen".

Szene 1

Auf dem Kalender steht 8. November 1989. Es ist ein Mittwoch, 14.21 Uhr. Ort: Hauptbahnhof München, Bahnsteig Nr. 23. Ich stehe am Fenster eines aus Prag kommenden Zuges. Aus dem Fenster sehe ich einem Mädchen entgegen, welches auf dem Bahnsteig dem Zug entgegen schreitet. Ich weiß in dem Augenblick nicht warum, aber ich weiß, das Mädchen muss eine Tschechin sein. Mit mir im Zug sind noch etwa 20 weitere Jugendliche aus meiner Prager Heimatpfarrei von Lhotka. Auf die Einladung der Ackermann-Gemeinde, eines katholischen Vereins der aus der Tschechoslowakei nach dem Krieg vertriebenen Sudetendeutschen, dürfen wir nach Rom weiterfahren und dort an der Heiligsprechung der seligen Agnes von Böhmen teilnehmen. Ein großer Wunsch geht in Erfüllung. Auch wenn der Papst in die Tschechoslowakei nicht kommen darf, dürfen zum ersten Mal 10000 Tschechen und Slowaken in die freie Welt zu der Heiligsprechung nach Rom ausreisen. Ich, damals 18 Jahre alt und gerade sieben Wochen als Student an der Technischen Hochschule in Prag eingeschrieben, war einer unter diesen 10000. Nach dem Ausstieg aus dem Zug erfahre ich, dass eine andere Jugendgruppe – ebenfalls aus Prag, aber aus einer anderen Pfarrei – mit einem früheren Zug nach München kam und sich uns anschließt. Das Mädchen von dem Bahnsteig gehörte zu dieser Gruppe, sie hieß Terezka und war in der Tat eine Tschechin.

Szene 2

Es ist 10. November 1989, ein Freitagmorgen. Ich sitze in einem Bus vor der Kirche Maria Maggiore in Rom. Der Bus ist voll von unseren sudetendeutschen Mitpilgern. Auf einmal, ganz unerwartet, fangen sie an, sich zu umarmen, zu weinen und zu jubeln. Die Nachricht über den Fall der Berliner Mauer hat uns erreicht. Ich verstehe damals nicht, was los ist und was es für sie, aber auch für mich und für die ganze Welt bedeutet. Aber diesen Augenblick vergesse ich nie im Leben.

Szene 3

Es ist Sonntagvormittag, der 12. November 1989. Ich nehme an dem Gottesdienst in der St. Petersbasilika teil, während dessen die Przemysliden Prinzessin Agnes – eine Zeitgenossin des hl. Franz von Assisi – heiliggesprochen wird. Eine alte böhmische Legende erzählt, wenn die Gebeine von Agnes gefunden werden, wird der Friede in das Land zurückkehren. Damals weiß ich noch nicht, dass früher die Existenz von Gebeinen die Voraussetzung für die Heiligsprechung einer Person darstellte. Apropos: neben mir in der Kirche steht die Terezka.

Szene 4

Es ist wieder ein Mittwoch, der 15. November 1989, gerade eine Woche haben wir auf der Reise nach Rom verbracht. Nun sitzen wir im Coupe des Zuges nach Prag. In Polen ist die erste freie Wahl mit einer totalen Unterlage der Kommunisten verlaufen, in Berlin ist die Mauer gefallen, in Sopron ist das Paneuropäische Picknick abgehalten. Nur bei uns zu Hause - in der Tschechoslowakei – scheint sich nichts ändern zu wollen. Ich weiß, dass mein älterer Bruder, der mit mir im Coupe sitzt, zwei Eintrittskarten für die Vorstellung der Oper Verkaufte Braut im Prager Nationaltheater für den kommenden Sonntag 19. November ab 14.00 Uhr von meinen Eltern geschenkt bekommen hat. Sie meinten, er sei schon genügend alt, um eine ernste Bekanntschaft zu haben. Ich weiß aber auch, dass er keine Nutzung für diese zwei Eintrittskarten hat. „Martin, würdest Du mir die zwei Karten überlassen?“ „Ja,“ lautete die Antwort. „Terezka, dürfte ich Dich am Sonntag ins Theater einladen?“. „Ja,“ lautete die Antwort ….

Szene 5

Seit zwei Tagen bin ich schon wieder zurück in Prag. Es ist der 17. November 1989, 16.00 Uhr und ich stehe im Prager Uni-Viertel auf einer offiziell zugelassenen Demonstration zum 50. Jahrestag der Schließung der tschechischen Hochschulen durch das NS-Regime. Ich erfuhr davon morgen auf der Uni – es soll eine Demonstration auch gegen das Regime sein – zum ersten Mal gemeinsam von den unabhängigen Studenten und dem sozialistischen Jugendverband organisiert. Ich kann meinen Augen und meinen Ohren nicht glauben. Um mich herum stehen Tausende, die Redner sprechen absolut frei, der Ruf nach der Freiheit ist sehr laut. Bin ich wirklich in Prag? Gegen 17.00 Uhr ist das offizielle Ende der Demonstration auf dem Vysehrad. Dort leben meine Großeltern, ich setze mich ab, um denen über die Romreise zu berichten und ahne nicht, dass die Demonstranten sich später weiter ins Zentrum auf den Weg machen und kurz vor dem Wenzelsplatz brutal von der Polizei auseinandergetrieben werden.

Szene 6

Samstag, 18. November 1989. Per Telefon erfahre ich von meinem besten Freund, der auf der Demonstration geblieben ist, was am Abend alles geschah. Er spricht über Brutalität, Blut und ist deutlich erschüttert. Beim abendlichen Hören des westlichen Rundfunks erfahren wir zu Hause, dass am Vortag ein Student zum Tode geprügelt werden sollte. Die Nachricht, die sich später als Fake News erweist, bedeutet den letzten Tropfen.

Szene 7

Sonntag, 19. November, 10.00 Uhr. Vom Ambon meiner Heimatpfarrei spricht sonst der in politischen Fragen eher zurückhaltende Pfarrer Vladimir Rudolf: „Das Systeme, das seine jungen Menschen zum Tode prügelt, hat kein Anrecht an Existenz.“ Auch dieses hat sich in mein Gedächtnis intensiv eingeschrieben. Wie geht es wohl weiter….?

Szene 8

Der gleiche Tag, 13.30 Uhr. „Wo ist denn die Terezka?“ Seit zehn Minuten warte ich unten am Wenzelsplatz, in 30 Minuten soll die Theatervorstellung anfangen. Da kommt sie schon, schnell laufen wir die paar Hundert Meter zum Nationaltheater, setzen uns auf die Polsterstühle, sprechen über das Geschehene und warten den Anfang der Vorstellung ab. Allerdings anstelle der Ouvertüre kommen alle Schauspieler auf die Bühne, teilen den Theaterbesuchern mit, dass ab jetzt sie alle aus dem Protest gegen die brutale Niederschlagung der Freitagsdemonstration in den Streik treten, laden alle dazu ein aufzustehen und die Nationalhymne gemeinsam zu singen. Das kann nicht vergessen werden: das volle Nationaltheater, ein Symbolgebäude für jeden Tschechen, singt vereint und einstimmig die Nationalhymne. Die Wende ist da… Wir verlassen das Gebäude, Terezka legt die Rose, die ich ihr vorher geschenkt habe, auf die Stelle hin, wo der Student zum Tode geprügelt werden sollte und wo inzwischen Hunderte von Kerzen brennen. Wir gehen weiter zum Wenzelsplatz und sind Zeugen einer ersten Demonstration. Der Ruf nach der Freiheit ist nicht zu überhören. Wir verabreden uns für den nächsten Tag für die für 16.00 Uhr am Wenzelsplatz geplante Demonstration.

Szene 9

Die nächsten Tage verbringen wir gemeinsam jeden Tag an den großen Demonstrationen – bis das Regime fällt und die Freiheit ihren Sieg feiert.

Szene 10 (Nachtrag)

Es ist Sonntag, 30. Juni 2019, 21.40 Uhr. Ich sitze in meinem Prager Büro. Schon vor einem Monat sollte ich diesen Beitrag abgehen. Heute klappt es nun endlich. Zu Hause wartet auf mich Terezka, seit 25 Jahren meine geliebte Frau, und unsere drei „Kinder“ - 22, 20 und 17 Jahre alt. Sie sind heute ganz natürlich – Europäer. Aber dafür bräuchte ich weitere „4000 Zeichen“. Es bleibt mir daher nur ein Einziges – ein Dank, der etwa so lauten könnte:

„Großer und liebender Gott, ich danke Dir für die Gabe der Freiheit, die Du uns durch den Einsatz vieler Menschen im Osten und im Westen geschenkt hat. Es ist eine Gabe, die wir nie genügend schätzen können. Sicher, die Freiheit bringt auch neue und nicht wenige Probleme mit sich. Ich bin jedoch davon fest überzeugt, dass du uns Europäer auch heute mit diesen neuen Problemen nicht im Stich lässt – so wie du das auch 1989 nicht getan hast. Amen!“

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Inhalt erstellt: 21.08.2019, zuletzt geändert: 09.09.2019