Öcsény - In diesem Dorf wohnt Zoltán Fenyvesi.
Das Dorf Őcsény - Eine ungarische Dorfidylle, die im Herbst 2017 in ihren Grundfesten erschüttert wurde.
Foto: Daniel Kaldori , n-ost;
30.07.2018 – Ungarn

Früchte des Zorns

Die ungarische Regierung verfolgt eine rigide Flüchtlingspolitik. Helfer werden kriminalisiert und angefeindet. Nur wenige lassen sich davon nicht beeindrucken. Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Sebastian Garthoff, Budapest.

Dieser Beitrag stammt aus der gemeinsamen Artikelreihe "Europäische Verständigung, Dialog und Brückenbau" von Renovabis und n-ost. Sie handelt von Menschen, die trotz widriger Umstände und Konflikte im Osten Europas auf Verständigung setzen und aufeinander zugehen – aber auch über solche, die scheinbar kapituliert haben.

Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Sebastian Garthoff, Budapest

Das Dorf Őcsény im Süden Ungarns nahe Szekszard ist einer der Orte, durch die man durchfährt, ohne sich je wieder daran zu erinnern. In dem Dorf gibt es knapp 2.500 Einwohner, eine reformierte und eine katholische Kirche, ein Schulgebäude, eine Apotheke und einen Supermarkt. Einstöckige Häuser säumen die Straßen, die so heißen wie in jeder ungarischen Kleinstadt, benannt nach den Helden der ungarischen Geschichte: Kossuth, Széchenyi, Petőfi, Deák.

In einer Seitenstraße gleich gegenüber vom Schulgebäude liegt die Pension von Zoltán Fenyvesi. Ein metallener Hahn wacht an der Eingangstür über einer massiven Glocke, alte Bauerngeräte zieren den Garten, der sich um das gelbgestrichene Gebäude windet. Eine ungarische Dorfidylle, die im Herbst 2017 in ihren Grundfesten erschüttert wurde.

Zoltán Fenyvesi, ein Mann in seinen frühen 60ern mit randloser Brille und angegrautem Bart, spricht ruhig und gewählt. Über seine Brille zieht sich eine hohe Stirn. „Nie habe ich mir vorstellen können, wohin das alles führt“, erinnert er sich an seine Entscheidung zurück, die den Frieden im Dorf mit einem Schlag zerstörte. Fenyvesi lebt seit zehn Jahren in Őcsény und betreibt dort seine Pension. Die vier Zimmer bieten Platz für bis zu 14 Personen. Von Beginn an hat er benachteiligten Kindern, etwa aus Roma-Familien, hier eine kurze kostenfreie Ferienzeit ermöglicht. Nie hat es jemanden gestört. Nichts anderes hatte er im Sinn, als er im Herbst vergangenen Jahres 6-7 Flüchtlingskinder samt Betreuungspersonen in seine Pension eingeladen hatte.

Als sich das herumsprach, machte sich bei einem Teil der Bevölkerung allerdings Panik breit. Fenyvesi wurde in seiner Stammkneipe angepöbelt und bedroht. „Einer sagte mir ins Gesicht, dass er mich umlegen wird“, erzählt er. Eines Nachts kamen sie. Fenvvesi hat nicht bemerkt, wie viele es waren, die gegen Mitternacht auf sein Grundstück eindrangen, ein Messer in die Reifen seines Transit-Transporters und eines weiteren Fahrzeugs auf dem Hof jagten und beide mit Tritten traktierten. Bevor er sie stellen konnte, waren sie wieder verschwunden. Nur ein Täter, ein Lkw-Fahrer aus dem Ort, wurde wegen Sachbeschädigung angeklagt. Von dem Angebot, die Flüchtlinge bei sich zu beherbergen, ist er schließlich zurückgetreten – doch nicht aus Angst um sich, wie er betont. „Was wäre das für ein Urlaub gewesen? Mit Polizeischutz? Manche Leute wären zu allem fähig gewesen.“

Propaganda nagt auch an den Unterstützern

„Es wird immer schwieriger, überhaupt Familien für so einen Urlaub zu finden, denn die meisten sind mittlerweile zu sehr damit beschäftigt, über die Runden zu kommen“, sagt András Siewert, Chef von Migration Aid. Die NGO hat den geplanten Urlaub der Flüchtlingsfrauen und -kinder in Őcsény organisiert, wollte ihnen nach den monatelangen Strapazen der Flucht und des schwierigen Neuanfangs eine kurze Zeit der Erholung ermöglichen.

In der Wohnung türmen sich auf deckenhohen Regalen Hilfsgüter für Flüchtlinge. Kleider, Spielzeug, Nahrungsmittel. Dem Vermieter ist es egal was sie machen, solange sie die Miete zahlen. Derzeit leben etwa 215.000 Ausländer in Ungarn, davon 3.000 anerkannte oder geduldete Flüchtlinge, hauptsächlich Afghanen, Syrer und Iraner. Von denen leben 90 Prozent in Budapest. Über die gegenwärtige Lage in Ungarn macht András Siewert sich keine Illusionen. „Die Stimmung ist deutlich vergifteter, als man denkt“, sagt er.

Mitte Juni hat das ungarische Parlament mit überwältigender Mehrheit das Gesetzespaket „Stop Soros1“ gebilligt. Es sieht verschiedene Strafen vor, darunter 18 Monate Gefängnis für Personen, die die illegale Einwanderung begünstigen. Eine am selben Tag verabschiedete Änderung des Grundgesetzes verbietet zudem die „Ansiedlung von Ausländern“ in Ungarn.
Wenn András Siewert sich die Migrationspolitik in Europa und Ungarn anschaut, so kommt er schnell zu einem eindeutigen Urteil: „Große Scheiße!“. Natürlich, gibt er zu, nage die Propaganda auch an den Unterstützern. „Aber wenn niemand nichts macht, was ist dann?“

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Inhalt erstellt: 30.07.2018, zuletzt geändert: 12.02.2019