16.12.2019 – Orthodoxiekonflikt

„Selenskij zeigt kein besonderes Interesse an kirchlichen Fragen“

Kirche und Politik ein Jahr nach der Gründung der unabhängigen Orthodoxen Kirche – darum ging es bei einem Diskussionsabend am Mittwoch, dem 11. Dezember, den die Katholische Akademie in Berlin und Renovabis gemeinsam ausrichteten.

Die Gründung Orthodoxen Kirche der Ukraine im Dezember 2018 stand in engem Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen im Land seit der „Revolution der Würde“ auf dem Majdan und dem Krieg mit Russland. Dr. Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien skizzierte die komplexe Entstehungsgeschichte der neuen Kirche im Spannungsfeld zwischen kirchlichem und politischem Handeln sowie die aktuellen Herausforderungen.

Der Gründungsimpuls ging vom damaligen ukrainischen Präsidenten Poroshenko aus, der mit dem Patriarchat von Konstantinopel in Verhandlungen trat. Ukrainische Kirchen-Akteure waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht beteiligt. Am 15. Dezember 2018 beschloss ein Konzil in Kiew die Gründung der neuen Kirche, die durch die Übergabe des Tomos durch den Patriarchen Bartholomaios am 6. Januar 2019 bestätigt wurde. Die Implikationen sind vielfältig: Die Orthodoxie geriet in eine schwere Krise; die Russisch Orthodoxe Kirche versuchte die Gründung zu verhindern und hob die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat auf.

Auch die Anerkennung durch die anderen unabhängigen orthodoxen Kirchen bleibt eine polarisierende Frage. Präsident Poroshenko hat das Ziel, seine politische Position zu stärken, nicht erreicht und die Wahlen hoch verloren. Der neue Präsident Selenskij zeigt kein besonderes Interesse an kirchlichen Fragen; sein Programm kann als ‚religionspolitische Neutralität‘ beschrieben werden.

Die neue Kirche deklariert sich selbst als „Eine Kirche offen für alle“ – offen für Veränderungen und für ökumenische Kooperationen. Sie steht vor zahlreichen Herausforderungen: es gilt interne Machtkämpfe zu bewältigen, den – teilweise politisierten – Wechsel von Gemeinden zu regeln, es gibt theologischen Nachholbedarf und es wird zu beobachten sein, wie die Kirche mit gesellschaftlicher Vielfalt und den Anfragen der modernen Welt umgehen wird. Ein interessanter Aspekt ist, dass sich laut einer Umfrage des Razumkov-Centers rd. 13 Prozent der orthodoxen Gläubigen der neuen Kirche zuordnen, während sich gut 33 Prozent in die Kategorie „Einfach orthodox“, die unabhängig von der Kirchenzugehörigkeit abgefragt wurde, einordnen.

Ein Blick auf die beiden ‚alten‘ Ostkirchen zeigt, dass sie unterschiedlich dastehen: Die Ukrainische Orthodoxe Kirche gerät vor dem Hintergrund ihrer Zugehörigkeit zum Moskauer Patriarchat unter Druck, teilweise sprach sie bereits davon, verfolgt zu werden. Zu beobachten ist ein Rückzug aus gesellschaftlichen Fragen und eine Hinwendung zur pastoralen Arbeit. Die Ukrainisch Griechisch Katholische Kirche könnte zur Brückenbauerin werden: Als Kirche mit großen theologischen Kompetenzen und ökumenischen Ambitionen hat sie das Potential, einen dritten Weg zwischen der „Russischen Welt“ und dem Westen zu entwickeln, den Weg der „Kirchen der Kiewer Tradition“.

Orthodoxiekonflikt

Bedauern und Verständnis

Vor einem Jahr, am 15. Dezember 2018, fand in Kiew das Konzil zur Gründung der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine statt. Die Kirchengründung führte zu einer schweren Krise innerhalb der Orthodoxie. Darüber haben wir mit Prof. Dr. Pantelis Kalaitzidis gesprochen.
Hintergrund

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Der Streit um die Unabhängigkeit der orthodoxen Kirche in der Ukraine wurzelt tief und dauert schon viele Jahre an. In den letzten Monaten hat er sich jedoch zugespitzt.
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Sechs Jahre nach dem Majdan

Vor mittlerweile sechs Jahren gingen Bilder von Straßenkämpfen inmitten der ukrainischen Hauptstadt Kiew um die Welt. Wie ist es heute um die Sitation in der Ukraine bestellt? Dieser Frage geht die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift OST-WEST nach.
Inhalt erstellt: 16.12.2019, zuletzt geändert: 18.12.2019