Der griechisch-katholische Bischof Włodzimierz Juszczak (links) im Gespräch im Renovabis-Länderreferent Jörg Basten.
Der griechisch-katholische Bischof Włodzimierz Juszczak (links) im Gespräch im Renovabis-Länderreferent Jörg Basten.
Quelle: Simon Korbella
23.12.2022 – Interview

Größte Herausforderung ist die materielle und seelische Not der Geflüchteten

Polen hat europaweit die meisten ukrainischen Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben mit dem griechisch-katholischen Bischof Włodzimierz Juszczak über die aktuelle Situation in seiner Pfarrei, die Situation der Geflüchteten in Polen und das anstehende Weihnachtsfest gesprochen.

Der griechisch-katholische Bischof Włodzimierz Juszczak von Breslau-Koszalin war zu Projektgesprächen zu Gast bei Renovabis in Freising. Auf der Tagesordnung standen dabei u.a. Projekte und Hilfsangebote für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die in Polen Schutz suchen. Polen hat europaweit die meisten ukrainischen Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben mit ihm über die aktuelle Situation in seiner Pfarrei, die Situation der Geflüchteten in Polen und das anstehende Weihnachtsfest gesprochen.

Wie ist die Situation in Ihrem Bistum? Was sind die aktuellen Herausforderungen?

Schon nach dem Kriegsbeginn 2014 gab es eine sehr starke Migrationsbewegung aus der Ukraine nach Polen. In diesem Jahr, also 2022, mit dem russischen Überfall hat die Zahl der Geflüchteten nochmal sehr stark zugenommen. Man sieht das deutlich an der Zahl der griechisch-katholischen Pfarreien und der Zahl der griechisch-katholischen Gläubigen in Polen. Diese haben sich in der vergangenen Zeit mehr als verdoppelt. Das ist natürlich für uns sowohl im Bereich der Seelsorge als auch im Bereich der Caritas-Arbeit eine große Herausforderung. Es sind 12 griechisch-katholische Priester aus der Ukraine bei uns im Bistum, die uns bei den anstehenden Aufgaben und bei der Integration der Geflüchteten helfen. Speziell in der Seelsorge kommt dazu noch, dass die Situation durch die Folgen der Covid-Pandemie ohnehin sehr angespannt ist und hier bei einigen Gläubigen eine Distanz zur Kirche entstanden ist. Die größte Herausforderung ist aber tatsächlich die materielle und seelische Not der vielen Geflüchteten. Ihnen einen Raum zu bieten, sie zu trösten und ihnen zu helfen, das ist für uns eine der wichtigsten Aufgaben zurzeit.

Wie gelingt das Miteinander der Kirche und der Gläubigen in Polen in dieser Situation?

Es hat wirklich ein enormes Wachstum der griechisch-katholischen Pfarreien in Polen stattgefunden. Viele der Ukrainer und Ukrainerinnen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, sind absolut überrascht, dass es hier in Polen in der Seelsorge auch griechisch-katholische Pfarreien gibt. Für sie ist diese Vertrautheit der Liturgie und des Ritus, den sie aus ihrer Heimat kennen, etwas Tröstendes. Die römisch-katholische polnische Bischofskonferenz hat uns als Partner bei der Seelsorge immer unterstützt. Gerade auch was die Nutzung von Kirchen und Gebäude angeht, ist ein großes Wohlwollen und eine große Offenheit zu spüren. Man sollte wissen, dass die polnische Bischofskonferenz dazu aufgerufen hat, die Geflüchteten großherzig zu empfangen. Und es sind wirklich sehr viele der Geflüchteten aus der Ukraine privat in Familien, bei Bekannten und Freunden untergebracht. Für mich ist das Miteinander und die Versöhnung zwischen Polen und der Ukraine auf so vielen Ebenen, zwischen so vielen Menschen, auch ein Lichtblick in dieser Zeit. Auch bei den anstehenden Projekten im caritativen Bereich ist ein neues gemeinsames Bewusstsein zwischen den Kirchen gewachsen, für das wir sehr dankbar sind.

Weihnachten steht unmittelbar bevor. Der Krieg und der Schrecken in der Ukraine sind so nah, was bedeutet das für das Weihnachtsfest. Wie gehen Sie damit um?

Es ist eine unglaubliche Herausforderung für so viele Menschen. Die Schrecken des Krieges sind bei so vielen Familien hier und in der Ukraine an Weihnachten unmittelbar spürbar. Die Väter, Söhne und andere Angehörige sind oft nicht mit dabei. Besonders schlimm ist es natürlich, wenn sie gefallen sind. Auch die Einschränkungen in der Ukraine sind massiv. Wenn es keinen Strom, kein Wasser, eben das alltäglich Notwendige nicht gibt. Es wird deshalb sehr viel gewohntes und traditionelles wegbrechen. Allein das Essen und das Fest vorzubereiten wird eine riesige Herausforderung. Aber ich glaube und hoffe, dass der Kern der Heilsbotschaft von Weihnachten trotz der Krise und der Schrecken dennoch zum Vorschein kommen wird. Wir versuchen hier mit der Liturgie, aber auch mit caritativen Projekten, zum Beispiel einer Armenküche in Charkiw oder Notstromaggregaten für die betroffenen Gebiete, den Menschen beizustehen. Für mich ist das ein besonders herausforderndes Weihnachtsfest und ich betone immer wieder: wenn so viel Vertrautes und Traditionelles wegbricht, dann zeigt sich im Kern, was wirklich da ist und übrigbleibt. Ich wünsche den Menschen dabei von ganzem Herzen, dass die hoffnungsvolle Heilsbotschaft und der Frieden der von Weihnachten ausgeht, einen Weg finden, sie zu erreichen.

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Inhalt erstellt: 23.12.2022, zuletzt geändert: 28.12.2022

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