Ein Jugendlicher beim Training mit selbstgebauter Hantelstange (Autoreifen als Gewichte) im Kraftraum des Jugendzentrums von Borivske.
Jugendlicher beim Training im Kraftraum des Jugendzentrums von Borivske.
Quelle: Achim Pohl
02.03.2020 – Reportage

Schlamm, Armut und ein bisschen Hoffnung

Bei einer Rundfahrt durch die umliegenden Dörfer von Severodonetsk zusammen mit Olena Nebeska, Mitarbeiterin Caritas Ukraine, bestätigt sich: „Dort gibt es nichts“. Dies möchte die Caritas ändern, indem sie in der Gegend ein Minimum an Infrastruktur aufbaut. Ein Bericht von Susanne Haverkamp.

„Wir wollen den Menschen helfen, wieder an sich selbst zu glauben; zu glauben, etwas tun zu können, was das Leben besser macht.“

So beschreibt Olena Nebeska ihre Arbeit bei der Caritas Ukraine in Severodonetsk. Olena Nebeska ist selbst ein Binnenflüchtling, sie lebt hier, seit sie aus Luhansk fliehen und vieles zurücklassen musste. Doch Klage liegt ihr nicht: Sie macht etwas - und was sie macht, zeigt sie der Journalistin Susanne Haverkamp und dem Fotografen Achim Pohl bei einer Rundfahrt durch die Dörfer rund um Severodonetsk. „Dort gibt es nichts“, sagt Olena. Keine Läden, keine Busse, keine Treffpunkte - und das will sie ändern.

Zum Beispiel in Borivske. „Unser Zentrum ist noch gar nicht offiziell eröffnet“, erzählt die Caritas-Mitarbeiterin, als sie mit ihren Gästen vor einem knallbunten Haus aus ihrem Auto steigt. Drinnen warten Anastasia Ryabukhina, sechs Jugendliche - und ein durchdringender Geruch von Farbe. Anastasia Ryabukhina sagt: „Ich habe hier angefangen, um mich um die alten Menschen im Ort zu kümmern. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Jugendlichen genauso viel Hilfe brauchen.“ Vor allem brauchen sie einen Ort, um sich zu treffen. „Es gibt keinen Sportplatz, kein Jugendzentrum; es gibt die Schule und sonst nichts.“

Eine alte Frau geht an einem Gehstock in der Nähe einer Straßein Borivske, die von Müllsäcken gesäumt ist.
Straßenszene in Borivske
Quelle: Achim Pohl

Deshalb hat die Caritas nun dieses kleine Haus bezogen. „Wir haben alle geholfen, es zu renovieren“, sagen die Jugendlichen. Die Jungs sind besonders stolz auf das „Gym“, ein knallblaues Fitness-Studio. Zum Gewichtheben haben sie Autoreifen samt Felgen auf eine Eisenstange gezogen, die Box-Säcke sind ramponiert und die hölzerne Hantelbank hatte früher wohl eher in einem Park gestanden. „Deine Wahl“ haben sie in kyrillischen Buchstaben kunstvoll auf die Wand gesprayt. Deine Wahl, was du aus deinem Leben machst. Die Mädchen erzählen vom Tanzkurs, der im „Gym“ stattfindet, vom Malkurs im Gruppenraum, von Spielenachmittagen und von dem kleinen Garten, der im Sommer zum Treffpunkt wird.
Farbe scheint wichtig zu sein für die Teenager: „Ein Streetart-Künstler hat das Haus zusammen mit unseren Jugendlichen von außen gestaltet“, erklärt Anastasia Ryabukhina. Offensichtlich hat es Spaß gemacht – sogar die kleinen Felsbrocken vor dem Haus haben Farbe abbekommen, ebenso die nahe gelegene Bushaltestelle. „Der Ort soll eben bunter werden“, fügt Olena Nebeska hinzu.

Außenansicht des lang ersehnten, mit buntem Graffiti gestalteten Jugendzentrums in Borivske kurz vor der Eröffnung.
Das lang ersehnte Jugendzentrum in Borivske kurz vor der Eröffnung.
Quelle: Achim Pohl
Jugendliche zusammen mit Olena Nebeska und Father Sergiy Palamarchyk von der Caritas Severodonetsk vor dem neuen Jugendzentrum in Borivske.
Jugendliche zusammen mit Olena Nebeska (3.v.r.) und Father Sergiy Palamarchyk (4.v.r.) von der Caritas Severodonetsk vor dem neuen Jugendzentrum in Borivske.
Quelle: Achim Pohl

Bobrove ist das nächste Ziel der Rundreise. Der Ort hat 356 Einwohner, davon 54 neu zugezogene Binnenflüchtlinge. „Es hapert an allem“, informiert Olena unterwegs. Nur eines habe das Dorf genügend: einsame alte Menschen in kaputten, teils zerschossenen Häusern, kein Geld, von Internetanschluss oder Handys ganz zu schweigen. „Die Leute kommen zur Caritas, um ab und zu mit ihren Kindern zu skypen.“
Olena hält vor einem türkisfarbenen Wellblechzaun. Hinter dem Tor liegt das Caritas-Zentrum: eine kleine Hoffnung für die Menschen hier. Rechts ein Spielplatz, links das Haus, vielleicht sechs mal sechs Meter, mit einer überdachten Veranda und Tischen und Bänken für sonnige Tage, dahinter ein Plumpsklo und eine Wasserpumpe. Ein Mann spachtelt gerade am Sockel des Hauses – ein Freiwilliger, der sich nützlich machen will.
Das Caritas-Zentrum ist voll an diesem Morgen – wie fast immer, „deshalb wollen wir auch anbauen“, sagt Olena. Im ersten Raum spielen ein paar alte Männer Schach und Domino. In den Raum links sitzen dicht gedrängt etwa zwanzig ältere Frauen; sie stricken, sticken und häkeln, spielen Bingo und unterhalten sich. Es ist kühl, alle haben Jacken und Mützen an. An den Wänden hängen selbstgemalte Blumenbilder, überall stehen Basteleien. „Alle helfen einander, ob einheimisch oder Flüchtling ist längst egal“, sagt Olena. „Community-Building“ nennt die Caritas in der Ukraine solch ein Projekt: Gemeinschaftsbildung.

Drei ältere Männer beim Dominospiel im Caritas-Zentrum in Bobrove an einem Tisch sitzend.
Männer beim Dominospiel im Caritas-Zentrum in Bobrove.
Quelle: Achim Pohl
Olena Nebeska von der Caritas in Severodonetsk umarmt und tröstet die weinende 72-jährige Irina vor ihrem kriegsbeschädigten Haus in Bobrove.
Olena Nebeska (links) von der Caritas in Severodonetsk mit der 72-jährige Irina vor ihrem kriegsbeschädigten Haus in Bobrove.
Quelle: Achim Pohl

Allerdings brauchen manche dieser Menschen mehr als Gemeinschaft. Deshalb kommt regelmäßig eine Krankenschwester vorbei, ein Arzt ist unerreichbar. Wieder andere brauchen noch mehr, zum Beispiel Irina: Die krebskranke 72-Jährige lebt in einem baufälligen Haus, dessen Dach ein Loch hat, seit eine Granate dort einschlug. Geld, um das Dach zu reparieren, gibt es nicht, deshalb schimmelt die Wand vor sich hin. Irina braucht Lebensmittel - und Briketts für ihren Ofen, „sonst überlebt sie den Winter nicht“, sagt Olena und legt tröstend ihren Arm um Irina. Genauso wie um Lisa (64), der von der Kommune das letzte Haus im Ort zugewiesen wurde, als sie als Flüchtling hier ankam. Rund drei Kilometer muss sie laufen, wenn sie ins Caritas-Zentrum will. „Aber sie kommt oft.“

Man staunt, dass es hinter Bobrove noch weiter gehen soll, aber es geht weiter: zu einer Straßensperre. Ein Soldat hebt den Schlagbaum hoch, lächelt und winkt das Caritas-Auto durch – jeder hier kennt Olena. Über Pisten und durch Schlaglöcher erreicht die Gruppe Muratowe; sechs Kilometer sind es von hier bis zur Pufferzone. Das Caritas-Zentrum ist nur ein einziger Raum in einem Haus, den sich die Hilfsorganisation mit dem Militär teilt. Auch in Muratowe sind vor allem die Alten zurückgeblieben. „Wir wollen zwei Tonnen Briketts für das Dorf liefern“, sagt Olena. „Die Häuser sind zwar an das Gas angeschlossen, aber das kann keiner bezahlen.“ Auch hier quillt der Raum jetzt im Herbst über von alten Menschen. Im Sommer weichen sie in den Garten aus. „Wir haben auch schon mal ein Picknick am See gemacht.“ Fast wie in alten Zeiten.

Eine Gruppe von Besucherinnen vor dem Caritas-Zentrum in Muratove
Vor dem Caritas-Zentrum in Muratove
Quelle: Achim Pohl

Gleich neben Caritas und Kaserne wird gebaut. „Das wird unsere Kirche“, erzählt Olena. Die neue Kuppel wird gerade verkleidet, im Inneren des ehemaligen Wohnhauses kleben noch Tapeten an den Wänden – die müssen noch runter, dann kann die Gemeinde sonntags hier Gottesdienst feiern. Kommen werden wohl einige, vermutet Olena Nebeska, denn die Caritas macht die Kirche hier glaubwürdig. Die Gemeinden wachsen.

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Inhalt erstellt: 02.03.2020, zuletzt geändert: 19.05.2020