Das südungarische Dorf wurde über ein Umsiedlungsprogramm um 1980 zur reinen Roma-Siedlung gemacht: József Lankó, beauftragter Roma-Priester der Diözese Pécs, vor seiner Kirche. Er hat zahlreiche soziale Massnahmen zur Entwicklung des Dorfes angestossen.
Das südungarische Dorf wurde über ein Umsiedlungsprogramm um 1980 zur reinen Roma-Siedlung gemacht: József Lankó, beauftragter Roma-Priester der Diözese Pécs, vor seiner Kirche. Er hat zahlreiche soziale Massnahmen zur Entwicklung des Dorfes angestossen.
Foto: Martin Fejer / n-ost
n-ost-Reportage

Der gute Mensch von Alsószentmárton

Seit dreißig Jahren lebt Pfarrer József Lankó im südungarischen Alsószentmárton. Der Zusammenbruch des Ostblocks stürzte das mehrheitlich von Roma bewohnte Dorf in die Armut. Gegen den Strudel aus Arbeits- und Perspektivlosigkeit stemmt sich der Seelsorger mit Bildungsprojekten.

Dieser Beitrag stammt aus der gemeinsamen Artikelreihe „Lernen ist Leben“ von Renovabis und n-ost. Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Martin Fejér, Alsószentmárton, Ungarn.

Jázmin springt von einem Grab zum anderen. Schließlich hat sie sie gefunden, Elisabeth, ihre Großmutter. Sie wurde nur 35 Jahre alt, ihre Enkelin hat sie nie getroffen. Daneben das Kreuz von Csaba, Jázmins kleinem Bruder. Er starb nach drei Tagen. „War noch so winzig“, flüstert das Mädchen und streicht über das Holz. Die Armut ist kein guter Arzt.

Vom südungarischen Dorf Alsószentmárton, zu Deutsch Sanktmartin, sind es zur kroatischen Grenze nur ein paar Kilometer – durch halbverlassenes Grenzland und schlammige Feldwege. Es ist der Ort, an dem Jázmin aufwächst: Dort, wo der Asphalt in Schlamm übergeht und die Häuser geduckter und schmuckloser sind. Sie ist sieben Jahre alt, trägt ein rot-schwarzes Rüschenkleid, jagt auf ihrem pinken Kinderrad umher. Sie weiß, wo man József Lankó findet, den „Opa Pfarrer“, wie sie ihn liebevoll nennt, und zeigt mit ihrem Rad den Weg.

Die Kirche des katholischen "Zigeunerpriesters" József Lankó an der westlichen Dorfeinfahrt.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Martin Fejer / n-ost</small>
Die Kirche des katholischen "Zigeunerpriesters" József Lankó an der westlichen Dorfeinfahrt.
Foto: Martin Fejer / n-ost
Der Dorffriedhof mit den Gräbern der Grossmutter und des kleinen Bruders von Jázmin.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Martin Fejer / n-ost</small>
Der Dorffriedhof mit den Gräbern der Grossmutter und des kleinen Bruders von Jázmin.
Foto: Martin Fejer / n-ost

Lankó ist ein ganzer Kerl. Mit seinen 180 Zentimetern überragt er fast alle im Dorf. Sein riesiger weißer Rauschebart lässt an Marx oder den Nikolaus denken. Er wohnt in der alten Pfarrei neben der Kirche.

Im Sozialismus, bestand Arbeitspflicht für alle. Jeden Morgen kamen Busse und brachten die Menschen hinaus zu den Baustellen und den landwirtschaftlichen Großbetrieben der Region. Das Leben war geordnet, die Einkommen ausreichend.

Statt Freizeit in Freiheit: Karge Winter und strukturelle Arbeitslosigkeit

Die Wende 1989 brachte den wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die Roma wurden als erste entlassen. „Zu Anfang genossen noch viele die ungewohnte Freizeit in Freiheit“, erinnert sich Lankó. Doch bald wurden daraus endlos lange Winter ohne Beschäftigung.

Lankó half wo er konnte, organisierte Spenden und Lebensmittel. 1980 hatte er die Gemeinde übernommen, fing praktisch bei Null an. Die Kirche stand leer. 1989 zog er selbst nach Alsószentmárton. Heute betreut er nominell 22 Gemeinden.

Lankó klettert in einen dunkelblauen Kleinbus, es ist Zeit, bedürftige Familien zu besuchen. Die Presse darf nicht mit. „Die Familien in Not mit Journalisten zu konfrontieren, wäre gegen die Menschenwürde“, erklärt er. Dass er sich damit zum Vormund aufspielt, stört ihn nicht weiter.

Katholischer Gottesdienst im Rahmen der Pfingstnovene.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Martin Fejer / n-ost</small>
Katholischer Gottesdienst im Rahmen der Pfingstnovene.
Foto: Martin Fejer / n-ost
Im Ort gibt es auch eine von Pfarrer Lankó initiierte Armenspeisung.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Martin Fejer / n-ost</small>
Im Ort gibt es auch eine von Pfarrer Lankó initiierte Armenspeisung.
Foto: Martin Fejer / n-ost

„Ist nicht schön, wenn vor deinen Augen die Eltern verbrennen.“

Auch sonst hält Lankó nicht viel von Pressevertretern. Die Besucher seiner Volksküche, die werktags warmes Essen an die Ärmsten verteilt, würden beim Anblick einer Kamera schreiend davonlaufen, warnt er. Aber stattdessen lächeln die alten Damen in der Warteschlange.

Tibor will wissen, wie es um die Deutsche Bundesliga bestellt ist. „Ist ja keine Schande“, fügt der 36-jährige nach jedem Satz stotternd hinzu. Dann wird er ernst: „Letztens, als ich nach Hause kam, brannte die ganze Bude“, setzt er an. „Ist nicht schön, wenn vor deinen Augen die Eltern verbrennen. Leben deine noch? Es waren bestimmt die Kippen“, stottert er, „haben oft noch geraucht im Bett.“ Er habe nur überlebt, weil er in dieser Nacht saufen war – in der Dorfkneipe. „War im März, werde ich nie vergessen, tut mir so leid, so leid.“

Norbert Mitrovic schleppt seinen riesigen Topf Richtung Abwasch. 25 Jahre ist er alt, schon seine Mutter ist in der Obhut von Lankó aufgewachsen. Ausbildung und Job als Küchenchef verdankt er dem Pfarrer. Norbert zählt alle Hygienevorschriften auf – er träumt davon, demnächst in Baden-Württemberg in einer Armenküche zu arbeiten.

Was in den Städten als Fluch erlebt wird – der sich verschärfende Arbeitskräftemangel, ausgelöst durch massive Abwanderung – erweist sich auf dem verarmten Land als Segen: Plötzlich werden die Roma wieder gebraucht.<br><small class='stackrow__imagesource'>Foto: Martin Fejer / n-sot</small>
Was in den Städten als Fluch erlebt wird – der sich verschärfende Arbeitskräftemangel, ausgelöst durch massive Abwanderung – erweist sich auf dem verarmten Land als Segen: Plötzlich werden die Roma wieder gebraucht.
Foto: Martin Fejer / n-sot

In der „Tanoda“ lernen 70 Kinder – für ihre Zukunft

Ist der Boden gewischt und das Licht in der Küche erloschen, füllen sich die Räume nebenan. Die „Tanoda“, eine Nachmittags-Ergänzungsschule, fängt an. Rund 70 Kinder des 1.300 Einwohner-Dorfes lernen hier für eine bessere Zukunft. „Der Bedarf ist bei weitem nicht gedeckt“, winkt Leiter Zsolt Gyurka ab. In der Tanoda wird gebastelt und gespielt, vor allem gibt es aber Hausaufgabenhilfe und ungarisches Sprachtraining. Die meisten Kinder kommen aus Familien ohne Bildungshintergrund und sind mit Beasch-Rumänisch aufgewachsen – eine schwere Hypothek für den Start in den traditionellen Schulen.

Doch dies sind nicht die einzigen Projekte, die József Lankó angestoßen hat. 1998 übernahmen er und das Bistum Pécs den verstaubten Dorfkindergarten. Zweisprachigkeit war sein Hauptanliegen. „Im Augenblick haben wir vier Gruppen mit 84 Kindern aus der ganzen Gegend“, meint die junge Erzieherin Marianna Tóth stolz. Neunzig Prozent seien sogenannte „3H“-Kinder. In der ungarischen Soziologensprache steht das für „mehrfach benachteiligt“: Familie mit unzureichendem Bildungshintergrund, ohne ausreichende Beschäftigung, in prekärer Wohnsituation.

Arbeitskräfte sind gesucht – und die Roma plötzlich wieder gefragt

An der Haltestelle herrscht Gedränge. Gleich kommt der Bus, der zur nächsten Schicht beim deutschen Autozulieferer Eckerle ins 30 Kilometer entfernte Bóly rollt. Harte Fließbandarbeit, auch für Ungelernte zu schaffen. Eckerle ist nicht der einzige Arbeitgeber, der seine Busse nach Alsószentmárton schickt.

Was in den Städten als Fluch erlebt wird – der sich verschärfende Arbeitskräftemangel, ausgelöst durch massive Abwanderung – erweist sich auf dem verarmten Land als Segen: Plötzlich werden die Roma wieder gebraucht.

Bernadett, die 31-jährige Tanoda-Pädagogin, die selbst aus dem Dorf stammt, sieht einen Wandel ihrer Kultur: „Für immer mehr Familien ist eine ordentliche Ausbildung inzwischen ein anerkanntes Ziel. Schulabbrecher und minderjährige Familiengründungen gibt es kaum noch.“ József Lankó hat mit seinem Einsatz für die Jugendarbeit entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen. Daher kann man auch nicht von einem allgemeinen Trend sprechen. Norbert, der Küchenchef, wiederholt immer wieder: „Nicht jedes Dorf hat das Glück, so einen Pfarrer zu haben“. Lankó selbst sagt: „Ich habe nie einen Plan oder eine Strategie gehabt.“ Als nächstes möchte er ein Jugendfreizeitheim errichten, als Treffpunkt.

Vielleicht wird dann auch Jázmin dort sein. Jetzt beginnt erstmal ihre Schulkarriere. Es ist kühl geworden, sie ist barfuß. Gleich fängt die abendliche Pfingstnovene an. Der Kirchendiener greift nach dem Seil, zögernd schallt die Glocke über das Dorf.

Preisverleihung

Shalompreis an Pfarrer Jozsef Lankó

In der Diözese Pecs im Süden Ungarns leben ca. 40.000 Roma, die stark an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind. Für sie setzt sich seit über 40 Jahren Pfarrer Jozsef Lankó ein - und wurde dafür jetzt mit dem Shalompreis ausgegezeichnet.
Inhalt erstellt: 09.08.2019, zuletzt geändert: 13.08.2019