Erzbischof Dr. Heiner Koch
Erzbischof Dr. Heiner Koch: „Ihr seid in Belarus nicht allein, wir stehen zu Euch! Solidarität kennt keine Grenzen, Solidarität stärkt, Solidarität macht Mut. Ihr sollt aber auch wissen, dass Euer Verhalten uns Kraft, Mut und Zuspruch ist.“
Quelle: Screenshot Friedensgebet
13.12.2020 – Friedensgebet für Belarus

Erzbischof Koch: „Demokratie und Meinungsfreiheit nicht für selbstverständlich erachten“

Die katholischen und evangelischen Kirchen haben zu einem ökumenischen „Gebet für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in Belarus“ in Berlin eingeladen. Im Anschluss an die Andacht sprach auch die belarussische Bürgerrechtlerin und Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja.

BERLIN. Ein ökumenisches Gebet für Frieden und Gewaltlosigkeit in Belarus, zu dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Deutsche Bischofskonferenz und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) eingeladen hatten, hat am Sonntag (13. Dezember 2020) um 18.00 Uhr im Berliner Dom stattgefunden. Dem Friedensgebet standen die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber, Erzbischof Dr. Heiner Koch, Vorsitzender der Unter­kommission für Mittel- und Osteuropa (insbesondere Renovabis) der Deutschen Bischofskonferenz, und der Vorsitzende der Arbeitsge­meinschaft Christlicher Kirchen (ACK), Erzpriester Radu Constantin Miron, vor. Das Friedensgebet wurde gemeinsam mit dem Arbeits­kreis Christliche Vision des belarussischen Koordinierungsrates ver­staltet. Auch die Hilfswerke Renovabis und Brot für die Welt waren beteiligt. Als Vertreterin der belarussischen Protestbewegung sprach Swetlana Tichanowskaja nach dem Gebet ein Grußwort. Die Veran­stalter konnten auch Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa für eine digitale Ansprache gewinnen.
„Uns beeindruckt der gewaltlose Einsatz der Menschen in Belarus für die Rechtsstaatlichkeit. Wir teilen ihre Sorge um die Verschleppten und Verschwundenen und sind mit ihnen einig in dem Verlangen nach Dialog zwischen Regierung und Zivilgesellschaft“, erklärte Bischöfin Petra Bosse-Huber im Vorfeld.

Erzbischof Dr. Heiner Koch betonte in seiner Predigt: „Ihr seid in Belarus nicht allein, wir stehen zu Euch! Solidarität kennt keine Grenzen, Solidarität stärkt, Solidarität macht Mut. Ihr sollt aber auch wissen, dass Euer Verhalten uns Kraft, Mut und Zuspruch ist. Unsere Solidarität ist keine Einbahnstraße, wir leben miteinander und füreinander. Wir in Deutschland lernen von den Menschen in Belarus in diesen Tagen, wie wertvoll Demokratie und Meinungsfreiheit sind und wie wenig wir sie für selbstverständlich erachten dürfen. Und wir lernen, dass Kirche mutig sein muss und bereit, Stellung zu beziehen, wo die Menschenwürde und die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.“

Erzpriester Radu Constantin Miron, erklärte: „Mit diesem Friedensgebet geben wir unserer großen Sehnsucht nach Frieden und Gewaltlosigkeit in Belarus Ausdruck. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland trägt diesen Namen, weil wir, die großen und die hierzulande kleinen Kirchen, gemeinsam arbeiten wollen für die Einheit der Kirche Jesu Christi, für das gemeinsame Zeugnis, für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung Gottes. Unser Herz ist schwer wegen Belarus. Gemeinschaft heißt mitleiden, mitbeten, mithoffen. Und Gemeinschaft heißt hinsehen, wahrnehmen, nicht den Blick abwenden. Mit den Menschen in Belarus teilen wir deren adventliche Hoffnung in diesem Jahr als ganz konkrete Erwartung des Friedensfürsten, das Kommen des Friedens in ihrem Land.“

Seit den Wahlen vom 4. bis 9. August 2020 demonstrieren regelmäßig Tausende belarussische Bürgerinnen und Bürger für demokratische Grundrechte und gegen Gewalt in ihrem Land. Die Sicherheitsbehörden haben mit repressiven Maßnahmen auf diese Bewegung reagiert. Viele Demonstrierende wurden bei Polizeieinsätzen verletzt oder inhaftiert. Die Regierung ist auch bemüht, kritische Stimmen aus den Kirchen zum Schweigen zu bringen.

Aufzeichnung

Die Aufzeichnung kann ab dem 14.12. 2020 unter www.berlinerdom.de/mediathek abgerufen werden.

Impressionen

Bischöfin Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der EKD, hob die besondere Rolle der Frauen bei den friedlichen Protesten in Belarus hervor.
Bischöfin Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der EKD, hob die besondere Rolle der Frauen bei den friedlichen Protesten in Belarus hervor.
Erzpriester Radu Constantin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK): „Gemeinschaft heißt hinsehen, wahrnehmen, nicht den Blick abwenden.“
Erzpriester Radu Constantin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK): „Gemeinschaft heißt hinsehen, wahrnehmen, nicht den Blick abwenden.“
Eindrücke vom gemeinsamen Gebet im Berliner Dom
Eindrücke vom gemeinsamen Gebet im Berliner Dom
Vertreter der Hilfswerke Renovabis und Brot für die Welt sprachen Fürbitten - hier Dr. Markus Ingenlath, Geschäftsführer von Renovabis.
Vertreter der Hilfswerke Renovabis und Brot für die Welt sprachen Fürbitten - hier Dr. Markus Ingenlath, Geschäftsführer von Renovabis.
Als Vertreterin der belarussischen Protestbewegung sprach Swetlana Tichanowskaja nach dem Gebet ein Grußwort.
Als Vertreterin der belarussischen Protestbewegung sprach Swetlana Tichanowskaja nach dem Gebet ein Grußwort.

Update vom 16. 12. 2020:

Die Ansprache von Swetlana Tichanowskaja nach dem Gottesdienst

Heute Abend haben wir alle gemeinsam in diesem wunderschönen Berliner Dom gebetet. Ein besonderes Gebet galt dem Volk von Belarus. Das Volk, das in den letzten Monaten Einschüchterung, Brutalität und Gewalt erlebt hat. Die Menschen, die protestiert haben, als ihnen ihre Wählerstimmen gestohlen wurden und die Folter und Massenverhaftungen erlitten haben.

Trotz aller Repressionen und übermäßiger Gewalt setzen die Menschen in Belarus ihre Proteste friedlich fort. Trotz dieser schmerzhaften und grausamen Erfahrung waren diese Monate auch ein einzigartiges Geschenk für uns. Wir haben einen Vorgeschmack auf ein neues Belarus bekommen. Eine integrative und brüderliche Gesellschaft, in der Gerechtigkeit herrscht. Wir erlebten Hoffnung für die Zukunft, Respekt für die Würde des Menschen, Glaube an Wahrheit und Gerechtigkeit. Wir erlebten Inspiration für Kreativität, gegenseitige Liebe, Solidarität und Vertrauen ineinander. Es ist wirklich etwas, das eine Vision für uns erhellt hat. Die Vision von Belarus, für die wir arbeiten.

Dieses Weißrussland existiert bereits unter Nachbarn, die sich zum Teetrinken in ihren Höfen versammeln und dann am Sonntag zu den Kundgebungen gehen. Es existiert unter den Ärzten, die gegen COVID-19 kämpfen und die Wunden der Verletzten heilen, aber auch in Solidaritätsketten stehen, um die Gewalt zu stoppen. Es gibt sie unter christlichen Führern und Gläubigen, die gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit beten, aber auch eine gemeinsame Stimme gegen Ungerechtigkeit und Gewalt erheben. Sie setzen sich für den Dialog und den Schutz der Menschenwürde ein. Sie geben gemeinsam Zeugnis und dienen gemeinsam.

Wie nie zuvor dürstet unsere Gesellschaft danach, die authentische Stimme der religiösen Führer und Gemeinschaften zu hören. Und wie nie zuvor in der modernen Geschichte von Belarus ertönt die Stimme der Menschen des Glaubens so laut und mutig. Die Stimme des christlichen Aktivisten Paval Seviaryniec, der im Juni ins Gefängnis kam und einer der ersten von 156 belarussischen politischen Gefangenen wurde. Die Stimme des römisch-katholischen Erzbischofs Tadeusz Kondrusiewicz, der den Weg des Dialogs propagierte, aber ins Exil gezwungen wurde. Die Stimme des orthodoxen Bischofs Artemy von Grodno, der offen gefälschte Wahlen und Gewalt verurteilte. Die Stimme des römisch-katholischen Bischofs Yury Kasabutsky, dessen inbrünstige Predigten und Erklärungen die Menschen inspirierten und die Behörden empörten. Die Stimme des orthodoxen Priesters Wladimir Drobyschewski mit seinem Transparent „Stoppt die Gewalt" auf der Straße von Homiel, der eine 25-tägige Haftstrafe verbüßte. Die Stimme von Irena Bernatskaya, einer katholischen Gläubigen aus Lida, die ein Rosenkranzgebet für Belarus ins Leben rief und mehrere Prozesse über sich ergehen lassen musste. Die protestantischen Pastoren Siarhei Lukyanau, Yaraslau Viazouski, Taras Telkovsky und andere haben das Videoprojekt „Die Stimme der Kirche" ins Leben gerufen, um Christen zu ermutigen, sich aktiver für Wahrheit, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit einzusetzen.

Zum Abschluss meiner Ansprache möchte ich Ihnen eine weitere Stimme vorstellen. Sie ruft von jenseits der Gefängnismauern. Es ist die Stimme des römisch-katholischen Priesters Viachaslau Barok aus Rasony, der verhaftet wurde, weil er sich laut und deutlich in den sozialen Medien geäußert hat. Er schrieb in seinem Brief: „Ich glaube, dass wir in Weißrussland sehr bald neue Maßstäbe setzen werden. Dass wir, anstatt Gefängnisgitter und Mauern zu errichten, damit beginnen werden, Brücken der Einheit zu bauen... Das Böse ist nicht von Dauer, das Gute siegt."

Die Stadt Berlin war einst durch eine Mauer geteilt. Ganz Europa war einst durch eine unsichtbare Mauer, den Eisernen Vorhang, geteilt. Mauern mögen den Eindruck der falschen Sicherheit erwecken, vor den Feinden geschützt zu sein. In Wirklichkeit aber halten uns die Mauern sehr oft gefangen. Viele Jahre lang waren die Belarussen durch alle Arten von sichtbaren und unsichtbaren Mauern voneinander getrennt. Aber unsere gemeinsame Hoffnung und unser Durst nach Freiheit und Gerechtigkeit haben die Trennungen niedergerissen, während die Verschiedenheiten erhalten blieben. Jede brüderliche Geste, jedes Zeichen der Solidarität bricht die Mauern nieder. Jeder Ausdruck des Vertrauens, jeder Akt der Unterstützung baut eine neue Brücke.

Heute bei diesem Gebet haben wir das alles genossen - Brüderlichkeit, Solidarität, Vertrauen und Unterstützung für das belarussische Volk. Lassen Sie mich Ihnen allen im Namen des belarussischen Volkes meine tiefe Dankbarkeit dafür aussprechen.
Gott segne Belarus!

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Pressemitteilung vom 13.12.2020

Pressemitteilung vom 13.12.2020 (PDF, 65 kB)

Erzbischof Koch: „Demokratie und Meinungsfreiheit nicht für selbstverständlich erachten“

Friedensgebet für Belarus 13.12.2020 - Predigt Erzbischof Koch

Friedensgebet für Belarus 13.12.2020 - Predigt Erzbischof Koch (PDF, 47 kB)

Predigt von Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin), Vorsitzender der Unterkommission für Mittel- und Osteuropa (insbesondere Renovabis) der Deutschen Bischofskonferenz, beim ökumenischen Friedensgebet für Belarus am 13. Dezember 2020 im Berliner Dom. Es gilt das gesprochene Wort.

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Dr. Markus Ingenlath

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Inhalt erstellt: 13.12.2020, zuletzt geändert: 17.12.2020